Festivals in NRW

New Colour Festival |

Angelo Comisso Trio, Brassholes, Moritz Götzen Trio

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Gelsenkirchen, 17.09.2022 | Morgenstund hat Gold im Mund oder in den Händen, wie das Angelo Comisso Trio im Schloss Horst bewies. Neben der nordischen Jazz Supergroup Rymden, die in der Heilig Kreuz Kirche als Highlight das Abschlusskonzert spielte, hatte das Festival auch am Sonntag viel zu bieten.

Matinée im Schloss Horst mit dem Angelo Comisso Trio

„Eine etwas ungewöhnliche Zeit für ein Jazzkonzert, Sonntagmorgen um 11 Uhr,“ so kommentierte Bernd Zimmermann, neben Susanne Pohlen Leiter des Festivals, das Matinée Konzert des italienischen Angelo Comisso Trios. Viele Zuhörer*innen hatten noch eine Tasse Kaffee in der Hand, alles sehr entspannt. Es sah im Schloss Horst mehr nach Frühstück als nach Jazzkonzert aus. Dazu kam noch das herrliche Ambiente, einer alten Schlossfassade aus dem 16. Jahrhundert, die die Bühnenrückseite bildete.

Aber das Angelo Comisso Trio veränderte mit seiner Musik dann die Stimmung. Erst brauchte es etwas Zeit bis das Publikum in die Gänge kam. Ein überaus stimmungsvolles Kontrabass-Solo, von Alessandro Turchet mit dem Bogen gespielt, blieb noch ohne Reaktion, ebenso die perlenden Läufe von Angelo Comisso am Flügel. Aber Gelsenkirchen kommt langsam, dann aber gewaltig. Irgendwann nach gefühlten zwanzig Minuten war der Bann gebrochen und es gab den ersten Zwischenapplaus, für eine temperamentvolle Klaviereinlage, dann für eine spannende Improvisation am Bass oder ein Schlagzeug-Solo von Luca Colussi. Von nun an bekam das großartige Trio reichlich Applaus vom Publikum. Der Kaffee war vergessen, die Musik hatte sich in den Mittelpunkt gespielt.

Das Angelo Comisso Trio bewegte sich leichtfüßig zwischen mediterranen oder Latin-Klängen und Referenzen aus der europäischen Klassik. Fein gesponnene lyrische Passagen mündeten in temperamentvolle Ausbrüche, die das Publikum mitrissen. Die drei Musiker sind aufeinander eingespielt und erzeugten eine Atmosphäre der Leichtigkeit und Zwanglosigkeit. Die klassische Ausbildung von Angelo Comisso schuf eine Basis für einen europäisch geprägten Jazz, der auch offen war für ethnische Elemente. Die meisten Stücke waren Kompositionen von Comisso, aber auch ein Werk vom argentinischen Komponisten Astor Piazolla hatte seinen Platz und fügte sich organisch in den Sound der Band. Natürlich hatte das Klavier mit Angelo Comisso die Führung und sein virtuoses Spiel prägte die Musik des Trios, aber Alessandro Turchet am Bass und Luca Colussi am Schlagzeug waren nicht nur eine hervorragende Rhythmusgruppe, sondern setzten auch gekonnt eigene Akzente. Herausragend war dabei der Bassist Alessandro Turchet, der mit mehreren Soli, zum Teil mit dem Bogen gespielt, den Sound und die Stimmung der Musik entscheidend mit prägte. Das Publikum war begeistert, es gab kein Halten mehr, Jubel und Standing Ovation. Das Trio wurde gefeiert und musste zwei Zugaben spielen. Was für ein Sonntagmorgen!

Die Brassholes Marching Band im Wissenschaftspark

Nachdem am Samstag Petrus dem Konzert auf der Halde Rungenberg mit strömendem Regen einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, zeigte sich dann am Sonntag gegen Mittag wieder die Sonne und die Brassholes Marching Band unter Leitung von Matthias Schriefl konnten Open Air im Wissenschaftspark im Rahmen der Biennale der urbanen Landschaft spielen. Mit dabei sind Alex Morsey am Sousaphone, Michael Theissier-Teggeler an der Posaune, Volker Deglmann Saxophon und Mathieu Clement am Schlagzeug.

Umgeben von Infoständen und Essensbuden spielte die Band New Orleans Jazz, wie den Basin Street Blues, aber auch eine Homage an Joe Zawinul mit Zitaten, aus Mercy, Mercy, Mercy oder den populären Worksong von Cannonball Adderly. Begleitet von vielen humorvollen Einlagen von Matthias Schriefl wurde hochwertige Musik geliefert. Alex Morsey sang zu New Orleans Jazz ein Lied über Gelsenkirchen. Trotz der traditionellen Klänge, wirkte hier nichts altbacken und piefig. Schriefl spielte zuweilen das Akkordeon und die Trompete gleichzeitig. Und als Marching Band zogen sie auch durch den Wissenschaftspark, gefolgt von einigen Zuhörer*innen. Auch wenn Schriefl einen Clown zum Frühstück gegessen hatte, war sein Spiel und das seiner Mitspieler auf hohem Niveau. Es ging immer um Musik und nicht um Klamauk. Die Band erreichte so auch Zuhörer*innen, die nicht üblicherweise Jazz hören.

Moritz Götzen Trio

Auf dem New Colours Festival war nicht nur Raum für etablierte Jazzstars, sondern auch für junge aufstrebende Bands, wie das Moritz Götzen Trio.

Dieses ungewöhnlich besetzte Trio, mit Moritz Götzen am Bass, Julia Brüssel an der Geige und Jonas Hemmersbach an der E-Gitarre, spielte in der Kunststation Rheinelbe. Oder wie ein Besucher im schönsten Ruhrpott Dialikt sagte: "Gleich spielt `ne drei Mann Kapelle."

Allein der Ort lud zum Verweilen und Entdecken ein. Das Konzert fand im Atelier der Künstlerin Marion Mauß statt, inmitten von Kunstwerken. Auch im Garten davor konnte man bei Kaffee und Kuchen sitzen und die Skulpturen auf sich wirken lassen.

Die Umgebung und das Ambiente war das Eine, das wunderbare Konzert das Andere. Das Moritz Götzen Trio spielte eine feine und sensible Kammermusik mit einfachen melodischen Strukturen, über die mit viel Energie gespielt und improvisiert wurde. Götzen ließ sich bei seinen Kompositionen von unterschiedlichen Stilen und Traditionen inspirieren. Sei es ein kanadisches Volkslied, die Klänge von Chormusik, der Nuevo Tango eines Astor Piazolla oder als Zugabe auch ein Stück Grunge von Kurt Cobain. Übrigens war das Piazolla Stück, dasselbe, das auch Angelo Comisso gespielt hatte. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass es niemand im Publikum bemerkt hatte. Das zeigte, dass trotz der stilistischen Vielfalt, das Moritz Götzen Trio einen sehr eigenen Sound hatte, der die Stücke durchzog ohne sie zu nivellieren.

Moritz Götzen führte mit seinem Kontrabass die Band ohne sich damit in den Vordergrund zu drängen. Mit der Geigerin Julia Brüssel, die einigen auch schon aus der Band Hilde bekannt ist, hatte Moritz Götzen eine sowohl einfühlsam melancholisch und elegisch spielen könnende, als auch eine expressive und ausdrucksstarke Musikerin an seiner Seite. Jonas Hemmersbach setzte mit seiner E-Gitarre feine leicht zurückgenommene Impulse, die immer genau zur Musik passten. Bei dem Stück von Kurt Cobain konnte er dann aus sich herausgehen. Das Moritz Götzen Trio war für mich die Entdeckung auf dem Festival. Wir dürfen gespannt sein, auf das Debüt Album der jungen Band, das schon aufgenommen wurde und bald erscheinen wird.