Album

Von einem der viele |

Überzeugendes Debütalbum von Moritz Anthes

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Essen, 29.01.2022 | Ein schwingendes Auf und Ab auf der Solo-Posaune, eine tastende Suchbewegung – so beginnt mit Tans das Debüt-Album des Essener Posaunisten und Komponisten Moritz Anthes Von einem der viele. Der Titel der bei Umland Records erschienen CD erweist sich der folgenden improvisierten Musik als passender, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen entspricht er mit seiner verqueren Syntax der unkonventionellen Klangerzeugung der 14 Titel, zum anderen verweist er auf das dem Album zugrunde liegende programmatische Konzept: Die ersten sieben Solo-Titel des Posaunisten werden anschließend jeweils in einer Remix-Version gespiegelt, der Solist stellt gewissermaßen seine verschiedenen Rohmaterialien für eine intensive elektronische Bearbeitung zur Verfügung, die das Material zu völlig anderen Klangsphären transformiert. Der Remix des Anfangsstücks beispielsweise nimmt zwar das Spiel mit den unterschiedlichen Tonhöhen der Posaune auf, führt dies über in ein donnerhaftes Grummeln, in wiederkehrende Tonschichtungen in dunklen sphärischen Hallräumen. Oder das obertonreiche und stimmlich erweiterte Posaunenspiel von Lop geht in Lop (Strangulation Mix) über in ein rhythmisches Stampfen und in einen schwebenden Klangkosmos. Dem fast 10-minütigen Hekk Remix gelingt etwas Wunderbares: Das nach dem Gegacker einer aufgescheuchten Gänseschar klingenden Solo von Moritz Anthes rhythmisiert Rasmus Nordholt-Frieling geschickt und formt daraus elektronisch modulierte Sequenzen. Die entstehende minimal music erzeugt eine Klangfläche mit starker Sogwirkung.

Die Ausdrucksformen der Posaune sind insgesamt vielfältig und bestehen aus wilden Improvisationen, aus Hard Rock-Sound und Geräusch-Imitaten aus industrieller Produktion (Platt), aus aufgeregtem, rechthaberischen Monologisieren (Studd), aus Luftpressen wie beim Luftballon (Bien-Larm) oder aus dunklen, Didgeridoo-ähnlichen Dauertönen, die mit Obertongesang einen polyphonen Charakter annehmen (Ate). Moritz Anthes demonstriert anschaulich, dass er die unterschiedlichen Spieltechniken beherrscht und in eine persönliche Sprache der improvisierten Musik überführen kann. Die Remixes von verschiedenen KünstlerInnen drehen diese Basistracks durch den elektronischen Wolf von diversen Effektgeräten, rhythmisieren, erweitern das Material und führen in einen reichen Klangkosmos. Aus dem Solo-Projekt wird so ein Kollektivsound, aus dem „einen“ das „Viele“.

Moritz Anthes: Von einem der viele. Umland Records 47

Eine Aufnahme aus dem Maschinenhaus Essen vom 17. und 18. 10.2020.

Remixes von: Julia Brüssel, Korhan Erel, Malte Hermsen, Kai Niggemann, Rasmus Nordholt-Frieling, Achim Zepezauer, Florian Zwissler