Album, NRW, international

Lajos Dudas |

On the Third Stream Path

Text: Stefan Pieper

Marl, 29.09.2022 | Für den ungarischen Klarinettisten Lajos Dudas gab es noch nie feste Grenzen zwischen den musikalischen Lagern Jazz und Klassik. Seit 60 Jahren steht er nun auf der Bühne, hat auch mit vielen Protagonisten aus NRW großartige Momente gehabt, etwa mit Theo Jörgensmann oder Eckart Koltermann. Ebenso war er lange Jahre als Lehrender mit der Kammerakademie Neuss verbunden.

Aktuell hat es den mittlerweile 81jährigen an den Bodensee verschlagen - aber auch hier bleibt dieser Tausendsassa produktiv. Für das Jazzsick-Album hat er eine liebevolle Retrospektive zusammengestellt. Die Stücke auf dieser mittlerweile 25. Veröffentlichung klingen so, als wären sie gerade eben erste enstanden.

„On the Third Stream- Path“ nennt der Ungar seinen neuen, klanglich exzellent aufbereiteten Rundumschlag. Und das mutet schon fast wie eine Untertreibung an. Man erinnere sich: Als „Third Stream“ bezeichneten in den 1950er Jahren Jazzmusiker wie Gunter Schuller die Suche nach Auswegen aus allzu festen Konnotationen in den musikalischen Lager „Jazz“ bzw. „Klassik“. So wirklich wurden damals diese Ansprüche nicht eingelöst. Heute hingeben brauchen solche Grenzüberschreitungen gar keine Etikettierung mehr. Lajos Dudas hat auf diesem Album zehn Stücke verewigt, die völlig auf der Höhe der Zeit wirken.

Ein lebhaft-kommunikativer „Klarinettengipfel“ leitet das Album ein, wo Dudas auf seinen Kollegen aus dem Ruhrgebiet Theo Jörgensmann sowie auf Diether Kühr und Eckhard Koltermann trifft. Tonmalerisch vielgestaltig und tiefschürfend lässt sich Dudas danach ganz allein in einer fantasievollen Hommage auf Igor Strawinskys Diktion ein. Eine freie Improvisation im Trio mit Hubert Bergmann, Piano, und Elmar Guantes am Bass zeigt, wie sich die kreative Wachheit im Umfeld dieses Musikers immer wieder erneuert.

Weiter geht die retrospektivische Reise in die Weiten Osteuropas und ja – auch hier ruft Lajos Dudas die einschlägigen Klangfarben konsequent ab. Schwindelig macht ein bulgarischer Tanz, in dem es die Sängerin Yldiz Ibrahimova und der Saxofonist Sebastian Buchholz mit Dudas` Klarinettenfeuer aufnehmen.

Und dann muss auch mal ein Ruhepol sein in diesem Programm: Dafür steht Philipp van Endert, übrigens der Betreiber des Labels dieser Veröffentlichung bereit, um Dudas in ein träumerisches Wiegenlied mitzunehmen. Schon bald hebt der nächste Höhenflug ab - mal in freien Improvisationsstücken, aber auch in auskomponierten Formaten, wo Dudas Spiel in epischen sinfonischen Bögen erzählerischen Solokadenzen aufgeht. Eine viersätzige Ballettmusik und schließlich das 17minütige Concertino für Klarinette und Orchester runden diese Highlight-Kollektion ab. Besagtes Concertino würdigt - hier in einer Einspielung mit dem WDR Rundfunkorchester Köln – den legendären amerikanischen Klarinettisten Artie Shaw, durch den Lajos Dudas maßgeblich geprägt wurde.

Eine skizzenhafte Miniatur in rasanten Sechzehnteln beschließt diese Retrospektive – wie ein Kommentar zur Gegenwart dieses Ausnahme-Musikers, die wohl keinen Stillstand kennt.

On The Third-Stream-Path

CD

Label:JazzSick, 1986-2013