Der Orientexpress nimmt Fahrt auf |

Christian Hammers Kaleidoskop im domicil

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper

Dortmund, 23.01.2022 | Wenn Christian Hammer in seiner beliebten Konzertreihe „Hammer plus 3“ Gäste zum gemeinsamen Spiel einlädt, eröffnet dies oft einen Mehrwert, der über die einmalige Bewegung hinausgeht: So ist die Band Kaleidoskop daraus entstanden, zu der heute der Perkussionist Fetih Ak, Saxofonist Dimitrij Markitantov und Bassist Alex Morsey gehören. Zwei Release-Konzerte des neuen zweiten Albums in Warendorf und Dortmund demonstrierten, dass diese Band so heißt, wie ihre Musik ist: Ein Kaleidoskop aus Stileinflüssen und musikalischen Farben.

Unter Christian Hammers Federführung wurde gerade die zweite CD aufgenommen. Mehr hoch: Da man heute in der Regel bei einer Produktion für ein Label alles selbst bezahlen muss, gründete der Gelsenkirchener Gitarrist Christian Hammer lieber sein eigenes Label, um konzeptionell für alle Projekte, die noch kommen mögen, frei zu sein. Die beiden Releasekonzerte des zweiten Albums in Warendorfs schmuckem Theater am Wall und dem Dortmunder domicil belegten, dass hier eine Sache Hand und Fuß hat.

Ja, diese Band ist wie das Ruhrgebiet mit seinen kulturellen Einflüssen, die einfach immer schon da gewesen sind und um die kein Aufhebens gemacht wird. Vor allem Saxofonist Dimitriy Markitantov gibt der Musik einen kunstvollen osteuropäischen und manchmal nahöstlichen Drive, wenn er in vielen ausgiebigen Bravourparts die ganze Wunderwelt modaler Melodik inclusive aufregender Zwischentöne und Mikrointervallen auf seinem Altsax ausbreitet. So etwas ist natürlich in jedem Moment Lichtjahre vom Viervierteltakt und das stachelt die Spiel- und Improvisierlust der vier versierten Profis auf ihren Instrumenten beständig an.

Abwechslungsreiche Zwischenstationen

Aber die Interaktion lebt weniger von Reibung, dafür umso mehr von Symbiose. Großartig allein, wie sich Christian Hammers sensibles Gitarrenspiel mit den Linien des Saxofons verbindet, ebenso wie sich unisono geführte melodische Linien aufbauen,wo Mehrstimmigkeit vielen östlichen Musikstilen ja eher fremd ist. Tief versunken in der Sache ist trotz aller Synkopen- und Metrenwechsel die Rhythmusgruppe - als da wären der stets verlässliche Alex Morsey sowie Schlagzeuger Fetih Ak. Dieser braucht keine Drumsticks, denn seine Hände traktieren vorzugsweise die türkische Darbouka sowie die andalusische Cajun. Und das und demonstriert, wie souverän sich mit dem reichen Spektrum türkisch-orientalischer Rhythmuselemenete eine ganze Band dirigieren lässt, während viele Bands einen Perkussionspieler nur als Beiwerk zum einem normalen Schlagzeuger einsetzen.) Also darf im domicil der Orientexpress Fahrt aufnehmen. Abwechslungsreiche Zwischenstationen hat die Reise auch weiterhin: Ein sanft wogender, fast südamerikanischer Rhythmus gibt Alex Morsey allen Raum für solistischen Klangzauber. Und wenn sich alle vier manchmal in freie Kollektivimprovisation hinein fallen lassen, bleiben auch die daraus hervor gehenden Klangflächen geschmeidig und meditativ.

Fazit: Bei allen Einflüssen aus den reichen Kulturen der Welt, wirkt das von Christian Hammer initierte Kaleidoskop nie wie eine Aneignung. Stattdessen geht es um Einfühlung und - was vor allem der zweite Konzertteil nach der Pause deutlich machte: Um hellwaches Weiterdenken im Geiste des Jazz.

Album

Kaleidoskop

Sunflower

released January 20, 2022

Dimitrij Markitantov: Saxophone
Christian Hammer: Guitar
Alex Morsey: Bass
Fethi Ak: Percussion

Recorded by Daniel Sanleandro at Dynamic Sound Factory, Gelsenkirchen
Mixed by Thomas Erkelenz
Mastered ba Ulf Horbelt at dms, Marl
Artwork by Karl Rosenwald
Bandphoto by Christoph Giese
Supported by Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW