Buchrezension

(re)visiting moers |

Ein Festival als Lebensform

Text: Stefan Pieper

Moers, 11.08.2021 | Angelika Niescier bemüht die höhere Mathematik, um eine Art Formel für das Moers-Festival auf den Punkt zu bringen: Musik mal Moers geteilt durch Publikum plus Proben mal noch mehr Musik plus Zeitschleifen mal drinnen und draußen geteilt durch Tag und Nacht etc.... Auch wenn die meisten höheren Kulturwesen nicht unbedingt Mathefreaks sind, so schwingt hier doch ein starkes Bewusstsein für jene Variablen einer „Gesamtenergie“ mit, die vielleicht mal eine Revolution anzetteln könnte, aber zumindest seit 50 Jahren ein Festival wie kein anderes hervor bringt.

Der eigentliche „runde“ Geburtstag des Moers Festivals steht im nächsten Jahr an - für die Zeit bis dahin gibt es ein äußerst lesenswertes und optisch attraktives Buch über „Moers“. Übrigens: Jenseits aller spannenden Inhalte ist das 230 Seiten starke Werk ein Plädoyer für das Buch in gedruckter, haptisch-analoger Form. Die etwas exotisch anmutende, aber äußerst solide Seitenbindung entspricht einer japanischen Buchbinder-Tradition. Das wirkt wie eine Reminiszenz an die langjährige, den Globus umspannende Connection des Festivals mit dem Land der aufgehenden Sonne. Sehr liebevoll wurde auch das Innencover per Zeichenstift gestaltet. Die Locations des Festivals bilden ein Muster: Das große Zelt, die Holzbühne im Schlosspark, die karge Sachlichkeit der Eissporthalle, die nüchterne Funktionalität der heutigen, modernen Festivalhalle.

Festival als Lebenform

Über 50 verschiedene Stimmen kommen zwischen den Buchdeckeln zu Wort, um jeweils eine persönliche Verbindung kurz und prägnant zu beschreiben. Es geht um die Kraft, welche das Moers-Festival der eigenen Sozialisation als Mensch oder als Musiker gab. „Man musste hier einfach rein, weil da Töne zu hören waren, die völlig fremd klingen.“ Sagt jemand im zarten Alter von 17, der gewillt ist, eine Welt jenseits des Bretterzauns zu erkunden. Die Stimmung ist auch in jüngerer Zeit ein verbindendes Ganzes geblieben, was etwa der Schlagzeuger Bernd Oeszevim bekundet, der die Coolness lobt, eben jenen Zustand, dass hier so viele Leute ähnlich ticken. Beachtlich ist, wie groß die - auch internationale - Resonanz war, um zu diesem Projekt beizutragen: Zu Wort kommen prominente Moers-Teilnehmer wie Marshall Allen vom Sun Ra Arkestra, der beschreibt, wie er jenen, später immer wieder mystisch verklärten Moment erlebte, als beim Auftritt von Sun Ra plötzlich der Regen aufhörte. Anthony Braxton, der sich in verschiedenen Zeitaltern in Moers künstlerisch einmischte, beschreibt das, was Moers so wichtig macht: Ein geteiltes Gefühl von Humanität und Hoffnung. Peter Brötzmann hat für die soziale Erfahrung eines solchen Festivals viel lakonischere Worte übrig, meint aber dasselbe: „Diese schräg aussehenden Typen, die da auftraten, machten am Ende auch nichts anderes als sie selbst. Sie tranken Bier und aßen Pommes. Und manchmal machten sie einen höllischen Lärm.“ Günther Baby Sommer lobt Moers als treibende Kraft, die in Zeiten des ausgehenden Kalten Krieges die freie Musikkultur zusammenwachsen ließ. So geschehen, als der unermüdlich für die Idee seines Festivals weiter kämpfende Burkhard Hennen zum ersten Mal Bands aus der DDR einlud - damals ein organisatorisches Abenteuer.

Etwas erleben können, womit ich nicht gerechnet habe...

Viele Beiträge im Buch liefern solides kulturpolitisches Diskursfutter: Michael Schröer stellt den hohen Wert jener Aufbruchsstimmung Anfang der 70er bis Mitte der 80er als fruchtbaren Nährboden heraus. Immer wieder kommt eine Kern-Qualität zum Ausdruck. Fürs Publikum: Hier etwas erleben, mit dem ich vorher nicht rechnen konnte. Aus Musikerperspektive: Auf Konzerten und Sessions etwas hervor bringen, womit niemand vorher rechnen konnte. Wer in Moers früh aufsteht und die Moers-Sessions, früher Vormittagsprojekte genannt, weiß, wovon die Rede ist...

Bei den „Discussions“ im Jahr 2020 lieferte der Soziologe und Musikunternehmer Berthold Seliger einen brillanten Vortag über die Mechanismen der Unterhaltungs- und Event-Industrie, deren kommerzielle Mechanismen ja letztlich alle freie Kunst, die sich den Mainstream widersetzt, in prekäre Randexistenzen abdrängt. Seliger, der selbst aus der Branche kommt, muss es wissen. Im Buch (re) visiting Moers lässt er ausgiebig Revue passieren, wie engagiert sich das Moers-Festival seit Jahrzehnten gegen solche Tendenzen stemmt - und wie gesellschaftlich notwendig so etwas ist! Es fallen Wort wie Gegenöffentlichkeit, in dem sich Jazz behauptet, ebenso ist von der Notwendigkeit die Rede, in Musik Widersprüchlichkeit erfahrbar zu machen. Mittlerweile ist diese Art von Gegenkultur und vor allem dieses Festival längst zur geförderten Hochkultur geworden...

Der Geist der Freiheit, in Bildern festgehalten

Die Textbeiträge sind das eine. Die visuelle Botschaft in diesem Buch das andere. Es gibt Fotos, Fotos, Fotos! Allerdings nur wenige der zahllosen jedes Jahr aufs Neue von Dutzenden Bühnenfotografen produzierten Konzertbilder. Umso mehr dokumentieren Momentaufnahmen einen gelebten Geist der Freiheit und eine kreative Energie stehen, welche auf einem guten Festival von der Musik aufs Publikum übergeht und wieder auf die Akteure auf der Bühne zurück fließt. Einen beklemmenden Subtext hat ein Bild (den Autos und Klamotten nach auf die späten 1970er zu datierendes) Bild eines innig sich umarmenden Pärchens auf dem Höhepunkt der Pandemie bekommen. Bilder wie diese zeigen, worauf es ankommt, wofür es zu kämpfen, was es zu bewahren gilt.

(re)visiting Moers will kein Lexikon sein, deswegen bleibt außen vor, wer wann mit wem hier aufgetreten ist. Überhaupt mögen Musikpuristen die eigentliche Programmhistorie, also alles, was den künstlerischen Kern und seine vielen Stilentwicklungen ausmacht, vermissen, wo es in diesem Buch in erster Linie um das Festival als Lebensform geht. Eine durchaus unterhaltsame Zeitleiste bringt Eckdaten aus den letzten 50 Jahren mit Ereignissen der Zeitgeschichte zusammen. Die Vorgeschichte zu einem Festival in Moers begann demnach im Jahr 1968, wo „weltweiter Widerstand gegen die bestehende Weltordnung“ vermeldet wird. Das klingt passend. Kurz darauf etablieren Burkhard Hennen und seine Mitstreiter eine neue Musikrichtung namens „Free Jazz“ im Programm ihrer Kneipe namens „Die Röhre“.

Farce de Froppe

Die Erarbeitungszeit für dieses Buch war kurz und es musste aus einer riesigen Flut von Material eine Essenz herausgefiltert werden. In dieser Hinsicht ist eine kleine inhaltliche Ungenauigkeit entschuldbar: Im Jahr 1997 sollte ein spektakuläres Happening den heute gut etablierten Geist einer „kreativen Unterwanderung“ vorweg nehmen. In einem Projekt von Frank Köllges waren mehrere Heißluftballons startklar, aus welchen heraus improvisierende Musiker ihr Publikum aus der Luft bespielen sollten - was laut Chronik im Buch auch passiert ist. Kommen wir hier mal jener Aufforderung aus dem Vorwort nach, sich bei der Buchlektüre zu eigenen Erinnerungsbildern anregen zu lassen: An jenem schwülheißen Vorabend des 17. Mai 1997 ließen zahllose feiernde Menschen - einschließlich des Autors dieser Rezension - in ihren „Party-Basecamps“ ihre verklärten Blicke gen Himmel schweifen, wann denn endlich die musizierenden Ballons am Himmel aufziehen würden. Der im Programmheft publizierte Projektname „Farce de Froppe“ hatte schon so manche benebelte Lachsalve evoziert. (Übrigens ist das eine Verballhornung des Namens der französischen Atomtstreitkräfte.) Dann sprach sich rasch herum - und dies damals noch rein "analog" von Mund zu Mund - dass die Aktion wegen Gewitterwarnung abgeblasen werde. Kein Wunder: Es wetterleuchtete bereits und erster Donner grummelte über der vibrierenden Menschenschaar mit ihren bunten Zelten unterm Himmel, der sich langsam schwarz verfärbte ...

Kerstin Eckstein und Kathrin Leneke (Hg.)

(re)visiting MOERS

Eine Publikation der Moers Kultur GmbH

Verlag Wolke, Hofheim, 2021

232 Seiten, ISBN 978-3-95593-255-8

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