Hintergrund

JAZZED|

spotify für Jazzfans?

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: screenshot

Hamburg, 11.07.2021 | Ich muss zugeben, ich gehöre zu der allmählich aussterbenden Spezies von Jazzfans, die stolz auf ihre Schätze im LP- und CD-Regal blicken und, wenn sie ein bekanntes Stück im Radio hören, in der eigenen Sammlung nachsehen, wer da Schlagzeug gespielt hat. Aber die Welt ändert sich und mit ihr die Technik und die Hörgewohnheiten. Wer will denn heute noch Schellack-Schallplatten hören?

Seit November gibt es in Deutschland die Plattform "Jazzed", auf der man – ähnlich wie bei spotify – Jazzmusik hören kann. Der folgende SWR-Podcast vom November letzten Jahres erklärt am besten, worum es geht:

  • Essentials von JAZZED

Inzwischen läuft JAZZED auch als App unter Android. Es ist eine Mischung aus Magazin, Videokanal, Streamingdienst und Konzertplattform, also viel mehr als spotify. Listen – Watch – Read sind die Grundpfeiler des Systems, die im Einzelnen so gegliedert sind:

Listen: essentials, jazz, soul&blues, discovery, grooves, moods

Watch: recently added, club network, music videos, concerts, sessions, insights

Read: features, interviews, news, reviews, stories; oft auf Englisch, manchmal deutsch, auch Artikel aus jazzthing sind dabei

Außerdem gibt es noch eine Künstlerübersicht, in der man gezielt nach einzelnen Musikern suchen kann, man findet Angaben zur Biografie, zu Veröffentlichungen (nicht vollständig), zu ähnlichen Musikern - aber keine links, die direkt zu einem Stück führen.

Ich habe die Basisversion ausprobiert, das geht im Moment noch für 0,99 € für zwei Monate, danach sinds aber 5,99 €. Im Gegensatz zur kostenlosen Demoversion hat man dabei Zugriff auf 50 statt auf 10 Audiokanäle und auf sehr viele weitere Informationen in den anderen Bereichen. Zumindest in dieser Version kann man nicht gezielt bestimmte Musiker oder Stücke suchen wie bei spotify. Man kann sich einen Kanal aussuchen und muss dann – wie im Radio – abwarten, was da kommt. Kanäle wie ‚Latin Jazz‘, ‚The Swing Bands‘ oder ‚Bebop and Cool‘ kann man in ‚meine bibliothek‘ aufnehmen, aber eben auch nur den Kanal.

Das soll in der Premiumversion, die wohl bald rauskommt, anders sein. Für 14,99 € (monatlich, wohlgemerkt), kann man dann in über 10 Millionen Tracks, Alben und Videos gezielt suchen und eigene Playlists erstellen können.

  • Braucht man das?

Chris Hopkins sagte im Mai in einem Interview mit nrwjazz:

„.... Es ist sehr interessant zu sehen, wie in der Musikgeschichte die technischen Medien auch die Entwicklung der Musik selbst beeinflusst haben. Da stehen wir heute an einem entscheidenden Punkt. Wahrscheinlich gibt es bald überhaupt keine Alben mehr. ... Dazu liefern MP3s und Spotify selten Zusatzinformationen - welche Musiker spielen neben dem Bandleader auf dem Titel, wann und wo wurde das aufgenommen, wer ist der Komponist. Kein Booklet, kein Cover. Das ist ein riesiger Informations- und Qualitätsverlust.
.... Wenn ich für 9,99€/Monat auf Spotify einen Account hab und ich kann Millionen von Titeln 24 Stunden nonstop hören, dann ist kein einziger Titel mehr irgendwas wert, zumindest nicht monetär. Die Musiker selbst verdienen im Grunde genommen gar nichts daran, weil die Plattformen über die Rechte verfügen.."

JAZZED bietet zwar – ganz anders als spotify – viele Informationen, aber eben nicht gezielt zu einem Stück oder einer CD. Die Bezahlung der Musiker soll besser sein. Der Einwand von Chris zum Wert des anonymisierten Überangebots an Musik bleibt aber bestehen.

Chefredakteur Götz Bühler meinte mal:
"Wir machen das für Leute, die Jazz mögen, das aber noch nicht wissen."
Das trifft wohl den Kern der Sache, denn JAZZED soll ein neues, wohl auch jüngeres Publikum für den Jazz ansprechen. Es geht nicht um das gezielte Suchen und Hören, sondern um "Serendipity", d.h. um die Möglichkeit beim Stöbern zufällig unerwartete Entdeckungen zu machen. Ähnliche Erfahrungen gab es früher in 'Platten-Läden' oder auch heute noch in Zeitschriften.

Deutscher Jazz ist auch dabei, z. B. , Nils Wülker aus dem Jazzclub des Hotels Bayerischer Hof in München', bildet aber wohl die Ausnahme.
Aber dafür haben wir ja NRWJAZZ!