CD-Rezension

Tedeschi Trucks Band |

Layla Revisited - What’s New?

Text: Heinz Schlinkert

New York, 07.09.2021 | Das Locknʼ Festival in Arrington (Virginia) dauert 4 Tage und ist eine gute Adresse für Freunde von Jam-Sessions und Improvisationen. Im August 2019 spielte dort die berühmte Bluesformation Tedeschi Trucks Band (TTB).

Mit "I Looked Away" ging es los, dann "Bell Bottom Blues". Als die Band anschließend "Keep On Growing" spielte, konnte man ahnen, dass es diesmal um Eric Claptons Album Layla and Other Assorted Love Songs ging, das dieser 1970 mit seiner Band Derek and the Dominos aufgenommen hatte.

  • 1970 – 2019 What's different?

Was liegt näher als das 50 Jahre alte Original mit dem Konzert von 2019 zu vergleichen? Es sind genau dieselben Stücke in derselben Reihenfolge wie 1970. Claptons Album ist eine Studio-Aufnahme, TTB ein Live-Mitschnitt, der manchmal etwas dumpf klingt.
In aktuellen Rezeptionen wird das Album meist bejubelt, die Crème de la Crème in Reinform“ heißt in der letzten jazzthing. Ja, dieses Konzert war sicher ein voller Erfolg, ein Erlebnis mit großartiger Kulisse, man kann das bei Layla auch auf YouTube verfolgen. Allerdings könnte man auch mal überlegen, was die TTB aus der klassischen Vorlage von Clapton gemacht hat: Ist es eine Cover-Version, eine Imitation oder eine Weiterentwicklung?

Derek Trucks soll gesagt haben, manche der Songs auf Layla seien so rund, dass man sie einfach mit Hingabe nachgespielt habe. Das gilt sicher auch für Layla, wo sich beide Fassungen sehr ähnlich anhören, 2 Minuten länger in der Live-Version ist normal. Der Aufbau des Stücks ist genau der gleiche, Derek Trucks spielt Slide Guitar wie damals Duane Allmans; nur die Gitarren haben gegenüber Orgel/Keyboard mehr Raum. Die Stimme von Susan Tedeschi klingt besser, finde ich, als die von Clapton.

Ganz anders bei Anyday (oben eine ältere Fassung von 2017). Während Clapton ziemlich schnell mit dem Gesang einsetzt, sind die Sänger der TTB erst nach zwei Minuten nach einem längeren Intro und einem Gitarren-Solo zu hören. Die TTB klingt hier akzentuierter, bei ‚Derek‘ eher verwaschen. Im weiteren Verlauf weitere Soli, Derek Trucks spielt gegen Ende melancholisch auf der Slideguitar, until fade. So wird die ursprüngliche Version auf 13 Minuten verdoppelt. Ob das nun besser ist als bei Clapton? Klar, live ist nicht Studio. Ich mag diese alten Songs aus den 60ern, ich frage mich nur, warum nur Gitarrensoli zu hören sind und warum in vielen Passagen das Ostinato zum Hauptelement musikalischer Gestaltung wird. Geradezu gnadenlos werden Riffs wiederholt, nochmal und nochmal, am Ende meist laut. Wozu? Aber das ist wohl Blues-Folklore ...

  • Die Band

Susan Tedeschi ist eine Super Bluessängerin, zusammen mit ihrem Mann Derek Trucks gehört sie seit Jahren zu den Top Blues-Bands. Da kann sich sogar Joe Bonamassa hinter verstecken. Ich war total fasziniert von ihrem Auftritt im Weißen Haus mit Derek Trucks und Warren Haynes, als sie vor Obama "I'd Rather Go Blind" sangen. Auf dem neuen Album kommt Susans Stimme bei Thorn Tree In The Garden, der einzigen Studioaufnahme des Albums, noch besser raus.

Gesang ist auch ein wichtiges Thema. Im Gegensatz zu Claptons Gesangsmonopol singt in der TTB außer Susan auch Trey Anastasio, der die Rockband Phish gegründet hat, er ist ein bekannter amerikanischer Gitarrist. Außerdem singen ein weiterer Gitarrist, der Keyboarder und drei weitere Sänger.

Ich frage mich, warum neben dem obligatorischen Bass vier Gitarren vorne im Rampenlicht posieren müssen, geht es um die Optik? Die Bläser dagegen hört man kaum, nur im Video kann man sie richtig wahrnehmen. Sie stehen am Rande und scheinen eher optisch eine Rolle zu spielen. Die Rhythm Section mit Keyboarder, 2 Drummern und 3 Percussionisten steht im Hintergrund, geben der Band aber ein wichtiges rhythmische Gepräge, das sich deutlich von dem Schlagzeug Jim Gordons unterscheidet.

  • What’s really new?

Wenn ich das Album höre, habe ich den Eindruck, dass sich in den letzten 50 Jahren im Blues kaum etwas Neues entwickelt hat. In den 50 Jahren vorher hatte sich allerhand getan vom Delta-Blues über die Blues-Ladies, den elektrifizierten Blues von Muddy Waters bis hin zum weißen britischen Blues, der dann mit der „British Invasion“ wieder in die USA zurückschwappte. Es gab auch mal Jazz-Blues (J. Mayall) und sogar Flamenco-Blues (R. Amador), aber das ist lange her. Die Weiterentwicklung des Blues scheint in der Fusion-Zeit in den Jazz übergegangen zu sein. Der heutige Blues orientiert sich wohl eher an bewährten Traditionen. Die Wiederaufnahme des historischen Layla-Albums könnte man so paradigmatisch für den aktuellen Blues sehen.

Insgesamt ein schönes Konzert, das viel mit Erinnerungen spielt, manchmal imitiert, oft covert, aber kaum eine musikalische Weiterentwicklung erkennen lässt.
Die TTB war auch dieses Jahr wieder beim Locknʼ Festival dabei.

Tedeschi Trucks Band & Trey Anastasio Layla Revisited (Live At Lockn')
2 CDs
Label: Concord, 2019
Bestellnummer: 10504156
Erscheinungstermin: 16.7.2021