CD-Rezension

Jazzrausch Bigband |

τέχνη - téchne

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Marc Wilhelm, Heinz Schlinkert

München, 01.10.2021 | Gestern Freiburg, heute Viersen, morgen Leverkusen. Die Jazzrausch Bigband ist dauernd unterwegs. Im Frühjahr hat sie das Album téchne veröffentlicht.

téchne gefällt mir noch besser als die vorherigen Alben. Auf den ersten Blick könnte man vermuten, dass es an den prominenten Gästen liegt, die viele Soli übernehmen: Nils Landgren an der Posaune (wie schon bei Beethoven's Breakdown), David Helbock, an den keys, Jakob Manz am Altsax, Wolfgang Haffner an den drums, Kalle Kalima an der Gitarre, es singen Viktoria Tolstoy, Nesrine und Jelena Kuljic.
Doch das täuscht, beim Konzert in Freiburg z. B., das ‚nur‘ von der regulären Band gespielt wurde, konnten man hören, dass die Band gar nicht auf Prominente angewiesen ist.
Es hat sich etwas anderes verändert, das liegt auch an den neuen KomponistInnen Theresa Zaremba, Andreas Unterreiner und Antonia Derin. Sie haben neue Ideen eingebracht, die Dominanz des harten Techno-Beats eingeschränkt und die Musik noch weiter für andere Musikstile geöffnet.

  • Die Stücke

Die CD beginnt mit Mosaïque Bleu. Das klingt schon anders als auf der letzten CD. Nesrine singt, recht funkig, fetzige Bläsersätze. Der Groove erinnert mich an den alten Hit ‚YMCA‘. Nils Landgren ist in seinem Element, Techno macht hier fast nur den durchgehenden Beat aus.
Bei der Produktion von AI 101 soll auch KI verwendet worden sein. „Ich bin eine Maschine“ singt Jelena Kuljic. Der Komponist Leonhard Kuhn wollte damit die Frage stellen, „ob eigentlich die KI dem Menschen immer ähnlicher wird, oder ob es nicht ein Stück weit auch umgekehrt ist.“. David Helbock übernimmt am Synthesizer die ‚digitale‘ Untermalung. Im Video (s.u.) wird das auch szenisch dargestellt

Green Sun von Theresa Zaremba gefällt mir am besten. Nach diesem Stück hätte auch das Album benannt werden können. Orientalisch, sehnsuchtsvoll klingt der Gesang von Alma Naidoo im Intro. Dann setzen der Beat und die typischen riffartigen Motive der Bläser ein. Und wieder der tranceähnliche Gesang und schließlich ein langes AltSax-Solo von Jakob Manz, das teilweise an Flamenco erinnert. Auf dem Video (s.u.) sieht man sogar flamencoähnliche Bewegungen der Sängerin. Dieser Song wird am Ende der CD als 'Return'-Version noch einmal aufgegriffen.
Ganz etwas Besonderes ist Der Literat von Leonhard Kuhn mit dem Text von Hugo Ball, der vor gut 100 Jahren die Dada-Bewegung mitbegründete. Im Video (s.u.) flirrt der Text über den Bildschirm, wenn Jelena Kuljic mit ihrem serbischen Akzent singt:

„.. Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet,
Der hinter den Rädern der Sonne steht.
Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete,
Flieg ich im Dunste der Lügengebete. ...
Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat
Streu ich der Worte verfängliche Saat.“
.

Das ist leider immer noch aktuell und bildet ein klares politisches Statement der Band mit einem Blockflöten-Solo ('recorder') von Jakob Manz.

Bei Hurricane Ride von A. Unterreiner und A. Dering geht es um „housemade hurricanes“, in denen Häuser, Autos und Kühe durch die Luft fliegen. Viktoria Tolstoy singt, Bläser-Riffs ziehen sich durch. Wenn der Finne Kalle Kalima ein famoses Gitarren-Solo spielt und Wolfgang Haffner ihn an den drums begleitet, dann sind wir wieder mitten im Jazz.

What It Is ist wohl eine Anspielung auf Sartres existenzialistischen Satz „Being is what it is.” Dies ist eins der Stücke ohne ‚Gastbeteiligung‘ und hier bringen sich die Bandmitglieder wieder verstärkt mit Soli ein. Patricia Römer singt mit ‚Computerstimme‘. Florian Leuschner spielt Klarinetten und BaritonSax. Dazu gehört auch die Kontrabass Klarinette (s. Foto links), die man nicht um den Hals hängen, sondern die man nur - wie beim regulären Kontrabass - im Stehen spielen kann. Roman Sladek ‚dirigiert‘ - im Video - oft mit seiner Posaune, unterstützt durch Seitenbewegungen den Drive. Famos wie er die Töne zieht und zusammen mit Florian Leuschner zeitweise eine unheimlich-bedrohliche Atmosphäre schafft.
Stücke wie Make Craft Perform, Decadence und Shuffling Steps sind mehr im Stil der vorhergehenden Alben gehalten, überraschen aber mit recht jazzigen Soli, auch im Video.

  • τέχνη - téchne

téchne kann man nicht einfach mit ‚Technik‘ übersetzen. Im klassischen Griechenland war es ein Begriff, der die Einheit von Kunst und Handwerk beschrieb. In diesem Sinne sind auch heute die Musiker nicht nur Künstler (in Bezug auf ihre musikalischen Fähigkeiten), sondern auch ‚Handwerker‘ in Bezug auf ihre Virtuosität. Und die Hände werden ja – außer beim Singen – immer dringend benötigt.
Diese ganzheitliche Betrachtungsweise könnte man vielleicht auch erweitern und auf die Aktivität der Band beziehen, die Lyrik, Philosophie und Tanz bis hin zu politischen Statements in ihre Musik einbezieht.

Darüber hinaus werden unterschiedliche Musikstile zusammengeführt: Techno, House, Jazz, Funk, Trance, orientalische Musik. Von allem ist etwas dabei, aber es ist keine 'Gemischtwarenladen', sondern eine gelungene Neuschöpfung.

Was mir nicht gefallen hat: die Infos auf der CD sind sehr spärlich. Allgemeine Bemerkungen, Komponisten und Solisten, mehr nicht. Bei den vorhergehenden Alben gab es Kurzinfos zu den Stücken. Ich möchte auch die Liedtexte lesen, die nicht immer verständlich gesungen werden. Ginge ja auch im Internet. Vielleicht beim nächsten Mal?

Das Video unten (52 min) wurde bei der Album Release Show in der Kunsthalle München am 26.03.2021 aufgenommen, ohne prominente Musiker. Wenn man es sieht, fragt man sich vielleicht, warum die Band die Promis zur Aufnahme der CD dazu geholt hat. Die Musiker selbst sind so talentiert und die Band hat soviel Dynamik, dass sie das gar nicht nötig hat. Oder wollten vielleicht einige Promis davon profitieren, indem sie zeigen, dass sie immer noch auf der Höhe der Zeit sind?

Jazzrausch Bigband: téchne
Label: ACT
Bestellnummer CD: 10419126
Erscheinungstermin: 26.3.2021