Buch-Rezension

Siegfried Schmidt-Joos |

Es muss nicht immer Free Jazz sein

Text: Heinz Schlinkert

Berlin, 15.09.2021 | „Es muss nicht immer Free Jazz sein“
Diese Anspielung auf den Simmel-Buchtitel mit dem Kaviar von 1960* werden viele nicht verstehen. Ich verstehe dabei nicht, auf wen sich diese Behauptung über den Free Jazz bezieht - wer soll das gesagt haben?.
Man könnte dieses detailreiche und informative Buch eine Festschrift zum 85. Geburtstags des Autors nennen, wenn dieser nicht selbst alle Artikel geschrieben hätte. So ist eine Art Illustrierte entstanden, die einen Überblick seine Arbeit gibt.

  • Das Buch

Das Buch enthält auf 272 Seiten Texte aus den letzten 60 Jahren mit vielen, meist bunten Abbildungen. Hinzu kommen bisher unveröffentlichte Beiträge wie z. B. ein Interview mit Tony Bennett und Texte über Diana Krall, Gitte Haenning und Bill Ramsey.

Die Artikel sind nicht chronologisch angeordnet, sondern in sieben Kapitel eingeteilt mit Überschriften wie Leitartikel, Song-Ladies, Diskurse, Unkenrufe u. a.. Jeweils 3 Texte gehören zu jedem Kapitel. Zahlensymbolik? Der Sinn dieser Systematik bleibt mir rätselhaft. Ich habe das Buch darum in chronologischer Reihenfolge der Artikel gelesen, um Entwicklungen auf die Spur zu kommen.

In zwei Artikeln von 1962 geht es um den Jazz im Ostblock, aber auch in Westdeutschland. In der DDR waren seit dem Bau der Mauer wieder mehr Konzerte möglich. Ganz anders im Westen, hier ist vom ‚Jammer auf der deutschen Jazzszene‘ die Rede. Nicht zuletzt die Dixieland-Amateurbands hätten das Jazzgeschehen ‚hoffnungslos korrumpiert‘.

Im ersten Artikel des Buchs (1965) gibt der Autor ‚Ein Votum für populären Jazz‘ ab und macht deutlich, worum es in diesem Buch gehen soll:
“.. Wir haben ihn [den Jazz], worum uns sämtliche amerikanischen Kritiker beneiden, in die Nähe der besten Exponenten der Hochkultur ...zu rücken vermocht. Aber wir haben vergessen, dass sich der Jazz als Entertainment oder als folkloristische Funktionsmusik hierzulande nicht im gleichen Maße wie in Amerika von selbst versteht.“ (S.16 JazzPodium 1965)

1965 hat er in ‚Genius of Charlie Parker‘ (1965) diesen berühmten, aber auch tragischen Musiker vorgestellt. Der Artikel wurde auch in der Zeitschrift ‚Jazz‘ in New York veröffentlicht, aber warum muss man den Text nun in zwei Kolonnen auf deutsch und englisch abdrucken? Im Beitrag über ‚Beatkultur‘ erkennt der Autor den besonderen Wert dieser neuen Musik und beschreibt die innovativen und zukunftsweisenden Aspekte, vor allem in Bezug auf Frank Zappa und auf das Beatles-Album Sergeant Peppers, Lonely Hearts Club Band. Dazu werden Mc Luhan und sogar Herbert Marcuse zitiert. Das war wirklich zukunftsweisend.

Das Thema 'Jazz im Ostblock' kommt wieder. In ‚Stalin hatte ganz allein zugehört‘ (2016) geht es um die Unterdrückung des Jazz in der UdSSR. 1962 hatte der Autor vom ‚Tauwetter‘ im Osten berichtet.
Ausführliche Beiträge aus den letzten beiden Jahren handeln von einzelnen MusikerInnen: Nat King Cole, Ella, Silvia Droste, Diana Krall, Gitte Haenning, Bill Ramsey. Warum diese aber in Vokalisten, Song-Ladies, Klarstellungen, Legenden unterteilt werden, bleibt mir schleierhaft.

  • Free Jazz

Ein besonderes Thema ist der Free Jazz, der ja im Buchtitel thematisiert wird. So heißt es in einem seiner ‚Unkenrufe‘:
„Nachdem aber die ganze Geschichte des Jazz jahrelang von dessen einflussreichsten Theoretikern einseitig, idealistisch und möglicherweise mit fatalen Folgen vor allem als ein Nachvollziehen der harmonischen Entwicklung europäischer Kunstmusik dargestellt wurde, sollte die Frage erlaubt sein, ob die Entwicklung vielleicht schiefgelaufen und in eine Sackgasse gemündet ist.“ (Zur Situation des Free Jazz, 1972, S. 248)
Es befremdet zumindest, dass diese und andere ähnliche Aussagen unkommentiert in dem letzten Artikel dieses Buchs zu finden sind. Immerhin hat er es seinen Freunden, u. a. Emil Mangelsdorff, Peter Brötzmann und Manfred Schoof gewidmet. Von einer Jazzkoryphäe kann man anderes erwarten!

  • unterm Strich ...

Letztlich wird der Buchtitel nicht dem gesamten Inhalt gerecht, denn es geht nicht immer um populäre Musik. Und zeitlos sind diese Texte ohnehin nicht, wie gerade das letzte Beispiel beweist.
Wenn die Auswahl der Texte repräsentativ ist, dann spielen aus chronologischer Sicht Musiker-Biografien eine immer größere Rolle. Diese Texte haben manchmal auch persönliche Implikationen und erinnern an Reminiszenzen .
Keine Frage, das Buch ist sehr interessant. Es enthält eine Unmenge an Fakten, Zitaten, Fotos, Einschätzungen und weist auf profunde Kenntnisse des Verfassers hin. Manchmal erinnern die Texte allerdings auch an die Bleiwüsten, wie sie früher in Jazz-Zeitschriften die Seiten füllten oder auch heute noch füllen. Man könnte sich auch mal fragen, wozu diese Unmenge von Details nötig ist bzw. wem sie nützt.
Hier bemüht sich der elder statesman der deutschen Jazzpublizistik, ein paar seiner Stücke vor dem Vergessen zu retten.“ schreibt Michael Rüsenberg in seiner ‚Jazzcity‘. Da ist was dran. Vielleicht ist das Buch ja doch so eine Art ‚autobiografische‘ Festschrift.

* J. M. Simmel, Es muss nicht immer Kaviar sein

SIEGFRIED SCHMIDT-JOOS
Es muss nicht immer Free Jazz sein - Zeitlose Texte zu Musik und Politik
17 x 24 cm; über 300 Abb.
Kamprad Verlag, Altenburg
271 S.19.80 €
ISBN 978-3-95755-666-0