Christmas Jazz Teil 2 |

‚The Christmas Song‘

Text: Heinz Schlinkert

Bochum, 20.12.2021 | Weihnachtszeit - HochZeit für Kitsch und falsche Sentimentalität, mistletoes everywhere. Das musss nicht immer gut sein, was da auf den Markt kommt und es kommt jede Menge. Über die sehr unterschiedlichen Weihnachtsalben von Norah Jones und Till Brönner haben wir bereits im 1. Teil berichtet. Sogar die Plattform Jazzed schaltet zum Fest den neuen Kanal Cool Yule.
Da vor allem in den USA einige neue Weihnachtsalben erschienen sind, möchte ich drei am Beispiel von

  • ‚The Christmas Song‘

vorstellen. Robert Wells und Mel Tormé hatten den Song im heißen Sommer 1945 geschrieben. Das Nat King Cole Trio stellte ihn ein Jahr später vor:

Chestnuts roasting on an open fire
Jack Frost nipping at your nose
Yule-tide carols being sung by a choir
And folks dressed up like Eskimos

Die erste Zeile (‚Kastanien rösten am offenen Feuer‘) war der ursprüngliche Titel des Songs. Das ist bei uns eher was für Pfandfinder. Und Kinder machen das lieber mit Stockbrot, aber im Sommer. Anyway. Auf jeden Fall stürmte der Song die R&B Charts und wird seitdem immer wieder gecovert. Herb Alpert und seine Tijuana Brass lieferten 1968 eine akzeptable Version. Und auch im Jazz ging man nicht daran vorbei, aber da ist ja alles möglich..

  • Richie Cole ...

ist wohl nicht mit Nat King verwandt und spielt den Song ganz solo auf seinem AltSax, leicht empathisch mit leichten Variationen der Melodie. Das klingt im Nachhinein ein bisschen wie Abschied, denn Cole ist schon im Mai 2020 gestorben. Sein Album Have yourself an Alto Madness Christmas wird deshalb posthum veröffentlicht. Cole war Alt-Saxofonist und bekennender Cannonball Adderley-Fan und ist u.a. mit Freddie Hubbard, Oliver Nelson und Nancy Wilson aufgetreten. Die anderen Stücke werden mit 14 Musikern gespielt und haben manchmal Bigband-Sound mit vielen Soli, vor allem von Gitarre und Sax. Dies gilt besonders für die ungewöhnlichen Weihnachtslieder wie das stark swingende ‚Mr. Grinch B Bopsky‘ und ‚Have Yourself An Alto Madness Christmas‘ mit Gesang und gesprochenem Text. Wenn schon Weihnachten sein muss, dann so!

  • Josie Falbo ...

kommt aus Chicago, liefert aber eine karibische Version. Nach einem rhythmischen Intro akzentuierter Gesang, der auch die Melodie variiert und in Scatten übergeht. Mit Bläser-Soli entsteht am Ende fast ein Bigband Sound. Es sind insgesamt vier neu arrangierte Klassiker, die als A Jazzy Interlude with Josie Falbo ein Streaming-Format bilden, das gar nicht als ‚festes‘ Medium zu haben ist. Nicht schlecht!

  • ChimytTina ...

ist (Mar)Tina da Silva und sie singt diesen Song zusammen mit dem Bassisten Dan Chmielinski, den sie auch bei seinem Solo stimmlich begleitet. 10 Stücke sind auf dem Album A Very ChimyTina Christmas. Aber kann man dazu noch ‚Album‘ sagen? Die Songs sind nur als download oder stream bei bandcamp.com erhältlich. Bei den anderen Stücken kommt jeweils ein anderer Musiker dazu, z. B. Gabe Schneider (Gitarre), Joel Ross (vibes), Lucas Pino (Sax). Die Besetzung ist zwar ein bisschen schlicht, es klingt aber irgendwie ursprünglich-direkt. Tina lebt in New York, als Tochter eines Brasilianers spricht sie fließend Portugiesisch und überzeugt so auch mit dem 2 min- Bossa Presente de Natal. Ein ungewöhnliches Weihnachtsalbum, bei dem wir auch Richie Coles You're a Mean One, Mr. Grinch wiederfinden.

Wer ‚The Christmas Song‘ jetzt nicht mehr hören kann, macht lieber erstmal ein Jahr Pause. Wer nicht, kann sich ja noch die Fassungen von David Garfield, Marsha Bertenietti und Allen Austin-Bishop anhören.
Warum werden so viele Weihnachtslieder produziert und gekauft? Ganz einfach, weil Weihnachten bei vielen Leuten Kindheitserinnerungen hervorruft an eine schöne heile Welt. Auch wenn die damals vielleicht gar nicht so heil war. Aber um diese Jahreszeit braucht man das ja vielleicht.
Jetzt aber Still! Still! Still!

Jazzrausch Bigband