CD-Rezension

Stan Getz & Astrud Gilberto |

Live At The Berlin Jazz Festival 1966

Text: Heinz Schlinkert

Berlin, 12.09.2021 | Das Label Lost Recordings hat mal wieder einen Schatz ausgegraben: das Konzert von Stan Getz 1966 beim Berliner Jazz Festival mit einer hochkarätigen Band. Schon seit 2017 kann man sich das ganze Konzert bei YouTube anhören, allerdings nur mit feststehendem Foto. Es handelt sich dabei wohlgemerkt nicht um die Lost Sessions von 1989, die 2003 veröffentlicht wurden.

Berlin, November 1966, Bossa Nova war hip, nicht nur bei Jazzfans. 3 Jahre vorher hatte Manuela den Hit Schuld war nur der Bossa Nova gelandet, der allerdings musikalisch mit Bossa aber auch gar nichts zu tun hatte. Doch mit dem Namen Stan Getz konnten sicher viele etwas anfangen und der Name Gilberto dürfte vielen bekannt gewesen sein.

  • 1. Set - CD1

Mit dem Klassiker On green dolphin street begann das Konzert. Nach einer Begrüßung auf Deutsch leitete Getz über zu The singing song, einer Komposition des jungen Vibraphonisten Gary Burton. The shadow of your smile wurde sehr weich gespielt.
Am besten gefallen hat mir Oh Grande Amor. “Seja como for há de vencer o grande amor”, das musss gar nicht gesungen werden, das klingt einfach so, wenn Getz es spielt auf seine unverwechselbare Art spielt, hier etwas schneller und rhythmischer als sonst. Gary Burton schließt sich mit einem eindrucksvollen Vibraphon-Solo an und auch der Bassist Chuck Israels, Steve Swallow war erkrankt, lässt sich nicht lumpen. Bis auf den Drummer war das dieselbe Band, mit der er zwei Jahre vorher Getz Au Go Go aufgenommen hatte. Von dem phänomenalen Drummer Roy Haynes wird noch später die Rede sein.

1966, Stan Getz schwamm damals voll auf der Bossa Nova-Welle mit, die den vormals weniger beachteten Jazzmusikern auch mal etwas Geld in die Kassen spülte. Schon 1963 hatte Getz mit João und Astrud Gilberto, mit Tom Jobim und Luis Bonfá Alben herausgebracht. Auch mit Gary Burton hatte er schon drei Alben veröffentlicht. Dieser hatte bereits mit 19 Jahren in der Band von Bob Brookmeyer gespielt und das Vibraphon-Spiel mit der 4 Schägel-Technik, dem Burton-Grip (s.u.), revolutioniert. Auch an der Entstehung des Fusion Jazz war er maßgeblich beteiligt.
Edelweiss war ursprünglichvon Richard Rodgers und Oscar Hammerstein für ein in Österreich spielendes Musical geschrieben worden. Meinte man mit der Wahl dieses Titels dem deutschen Publikum entgegenzukommen? Berlin ist da ganz woanders, in jeder Hinsicht. Ähnliches haben schon andere Amerikaner versucht, als sie den Hamburger Helmut Schmidt am New Yorker Flughafen mit einer bayrischen Trachtenkapelle beeindrucken wollten. Da gibt es sicher bessere Songs als dieses ‚Klingeling‘, dass aber von den vibes gut umgesetzt wird.
Das Medley Desafinado/Chega de Saudade knüpfte wieder bei Bossa an, sehr schnell gespielt mit viel Schwung, ein Bass Solo, ein Blues-Riff und: Chega! - Schluss des 1. Sets.

  • 2. Set - CD2

Astrud Gilberto war als special guest eingeladen und sang im 2. Set zu fast allen Titeln. Klar, dass die Standards kamen: Samba de uma nota so, Corcovado, The girl from Ipanema. Hat man das jetzt schon zu oft gehört? Oder hatte sie es schon so oft gesungen und konnte es selbst nicht mehr hören? Jedenfalls klingt das manchmal etwas zu routiniert. 8 dieser Stücke waren schon vorher für das Getz Au Go Go-Album aufgenommen worden. Dennoch scheint die Auswahl der Songs auch hier von einer gewissen Skepsis gegenüber dem deutschen Publikum geprägt zu sein. Bossa-Standards werden erwartet, da kann man auch nichts falsch machen. Warum dann noch einmal The shadow of your smile kam, ist mir schleierhaft. Und It might as well be spring, na ja, warum nicht was von Baden Powell?

Stan hält sich bei den gesungenen Stücken jedenfalls zurück. Am Ende des Konzerts dreht das Quartett nochmal ungebremst auf, ohne Sängerin: Jive Hoot von Bob Brookmeyer. Besonders Roy Haynes ist hier zu nennen. Der heute 96jährige Drummer hatte damals schon drei Jahre im Quintett von Charlie Parker gespielt. Seine harten Schläge kommen aus dem Nichts und schaffen einen Drive, der die Band nach vorne treibt. So auch hier bei einem ausgiebigen Solo, ein toller Abschluss!
Das Booklet enthält lange Erläuterungen zu den Musikern und zum Konzert incl. zwei Fotos. Dieses Konzert ist sicher auch ein Stück Zeitgeschichte.

Stan Getz & Astrud Gilberto Live At The Berlin Jazz Festival 19662 CDs
Label: The Lost Recordings, 1966
Bestellnummer: 10671145
Erscheinungstermin: 24.9.2021