CD Rezension

Vijay Iyer |

Uneasy

Text: Peter E. Rytz

Mülheim a.d.R., 21.09.2021 | Uneasy titelt die neue CD von Vijay Iyer programmatisch. Es scheint, als suche er zusammen mit Tyshawn Sorey (dr) und Linda May Han Oh (b) Ordnung in die Unruhe zu bringen. Keine Ordnung behaglicher Ruhe in unruhigen Zeiten, sondern Möglichkeiten zu suchen, sich zu verhalten, zu positionieren.

Im CD-Beiheft zitiert Iyer einen Vers von Rita Dove: While in the midst of horror/we fed on beauty – an that/my love, is what sustained us. Mit dieser Haltung macht Iyer sich mit den genannten kreativen Protagonisten der New Yorker Szene kampfeslustig (Combat Breathing) auf die Suche nach den Kindern aus Feuerstein (Children of Flint). The child in himself? Wir haben zusammen eine Energie, die sehr eigen ist, gibt er weiterhin zu Protokoll. Außer Geri Allens Drummer’s Song sowie Cole Porters Night And Day spielt dieses enigmatisch raunende, kraftvoll interagierende Trio Iyers Kompositionen der letzten 20 Jahre. Nichts gilt ihnen allein das ätherisch Feinsinnige. Es sind handfeste, häufig sozial brisante Hintergründe, die sich hinter den Titeln manifestieren. Sie navigieren durch Tag und Nacht. Ahnungsvoll lesen sie Vorzeichen (Augury), betrauern sie für Momente (Entrustment), um straight ahead sich neu zu fokussieren (Retrofit). Die kommunikative Trio-Struktur folgt einer nachhaltigen Rhetorik.

Iyers melodische Vorgaben haben etwas von einem Sämann. Die ausgestreuten Körner imprägniert May Han Ohs Piano mit solistischem Empowerment, von Sorey zu architektonischen Klangräumen moduliert. Der Geist der drei Musiker weht, so der assoziative Eindruck, in musikalischen Wellenbewegungen wie er will. Virtuos, energetisch aufgeladen, konfigurieren sie rhapsodische Fixpunkte (Configuration). Uneasy ist bei aller energischen, kämpferischen Behauptung des Unruhigen im Kontext des Prekären der Zeiten zwischen dem Gestern, Heute und Morgen letztlich zerbrechlich zart und empathisch gestimmt. Vijay Iyer, Tyshawn Sorey und Linda May Han Oh arrondieren intuitiv erfahrene (auch für den Hörer erfahrbare) Räume, in denen sich der thematische Fokus unaufhörlich verschiebt und Raum gibt, mit Improvisationen hinter den Spiegel des scheinbar Verlässlichen zu schauen.

Der zuvorderst im CD-Beiheft abgedruckte Textausschnitt aus The Statue of Liberty (2012) von Edward Berenson - We re remembered more explicity, it might be a way of injecting something positive into our political situation that has become so troubled today – beschreibt das, was auf Uneasy zu hören ist.