CD-Besprechung

TOC |

Generationsübergreifende Echtzeit-Komposition in zwei Trios

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Essen, 22.04.2021 | Das gerade erschienene Album TOC des Labels Umland Records bringt die Kölner Jazz-Geigerin Julia Brüssel gemeinsam mit dem Berliner Avantgarde-Drummer und Elektroniker Wolfgang Seidel in zwei verschiedenen Trio-Besetzungen zusammen mit zwei Blasinstrumentalisten: einmal mit Lothar Ohlmeier an der Bass-Klarinette, in einem anderen Set mit Frank Gratkowski (sax, fl).

Die Violonistin (Jg. 1993) ist bekannt aus den Besetzungen von The Dorf, Umland Kollektiv und nicht zuletzt durch ihren vielbeachteten Auftritt mit dem Quartett hilde beim letzten Moers Festival. Und sie gibt den zwölf Tracks der CD mit ihrem Saiteninstrument der gemeinsamen Improvisation eine ganz eigene Note. In dem Opener To come to kontrastiert sie die geheimnisvoll-tiefgründige Stimme der Bass-Klarinette mit der melancholischen Note des hohen Registers ihrer Geige. In Toco Loco löst die energisch gestrichene Violine die zunächst dominierende Bass-Klarinette ab. Einen akustischen Kontrapunkt zur Tenor-Sax-Stimme setzt Julia Brüssel in Toccata, in Atocha umspielen sich im Duett Flöte und Geige. Das fernöstlich anmutende High Toc erreicht eine hochkonzentrierte atmosphärische Dichte – nicht zuletzt durch einen leicht modulierten gestrichenen Dauerton, ähnlich wie in Slow Toc, wo das Trio ein ausgesprochen suggestives Klanggewebe erzeugt. Tocalote generiert einen nervösen Tanz mit fast „klassischer“ Drumbegleitung, während der letzte Track Toctophon zu einer klanglich mystischen Fantasiereise ansetzt.

An den Beispielen ist unschwer zu erkennen: Die einzelnen Track-Titel spielen durchgehend mit dem (Pseudo-)Morphem Toc, dem Album-Titel, und beschwören so in allen Stücken einen gemeinsamen Geist der Improvisation, der das ganze Album durchzieht und eine ausgesprochen vielfältige und intensive Klangwelt repräsentiert.

Einen wesentlichen Anteil an der atmosphärischen Dichte und dem raffinierten Collagieren von akustischen und elektronischen Sounds hat Wolfgang Seidel. Das Gründungsmitglied von ‚Ton, Steine, Scherben‘ entwickelt in allen zwölf Tracks einen akustischen Puls mit schier ausufernden Ideen aus der Trickkiste der Perkussion und Elektronik. Bemerkenswert, wie es Wolfgang Seidel gelingt, frei von Effekthascherei seine musikalischen Ideen organisch in die Echtzeit-Komposition einzubringen. Und die hat es dank der generationsübergreifenden Improvisationskunst der beiden Trios in sich. Und am Beispiel von Julia Brüssel zeigt sich eindrucksvoll: Improvisierte Musik lebt (weiter)!

Julia Brüssel, Frank Gratkowski, Lothar Ohlmeier, Wolfgang Seidel: TOC Umland Records 39. LC52840. 2021