Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt |

Tamara Lukasheva auf der Wasserburg Lüttinghof

Text & Fotos: Stefan Pieper

Gelsenkirchen, 11.10.2021 | Kein Konzert mit der ukrainischen Pianistin und Sängerin dürfte wie das andere sein - der Abend auf der Wasserburg Lüttinghof im Rahmen der Konzertreihe „Fine Art Jazz“ war dann doch nochmal eine Spur „einzigartiger“.

Die Skala von tief empfindsamer Melancholie bis hin zum wagemutigen Experiment ist bei Tamara Lukasheva, die in diesem Jahr mit dem Deutschen Jazzpreis im Fach Komposition ausgezeichnet wurde - vor allem live - in jedem Moment nach oben hin offen. Im Zentrum ihres Solorecitals steht ihr neues Programm. „Gleichung“ heißt ihre neue Platte, die auch schon international wahrgenommen wurde. Unser Redaktionskollege Peter E. Rytz beschreibt das Werk treffend als einen „Kosmos des Menschlichen“. Live im wärmenden Wohnzimmer-Flair auf der Wasserburg Lüttinghoff begegnete das Publikum einer vielseitigen Künsterin, bei der Neugier und höchstes musikalisches Können auf denkbar unmittelbarste Weise zusammenhängen.

Eine leichtfüßige Vokal-Piano-Improvisation zum Aufwärmen macht auf Anhieb deutlich, was die in Köln lebende Künstlerin auszeichnet: Virtuosen Stimmeinsatz mit faszierend vielseitigem Klavierspiel zusammen zu bringen - oft so, als würden hier zwei Musiker und eben nicht nur eine Person agieren. Und schon geht es ab der zweiten Nummer an diesem Abend ans literarisch Eingemachte: Clemens Brentanos zärtlich-trauriges Wiegenlied „Singet Leise“, Balladen von Novalis, Dichtungen von Theodor Fontane und Reiner Maria Rilke bringen die lyrisch-musikalische Inszenierung in immer neuen Facetten in Fahrt. Am Anfang standen Worte, die sie verzaubert haben, beschreibt die gebürtige Ukrainerin in ihren ausgiebigen Anmoderationen den kreativen Prozess. Töne und Harmonien als unmittelbare Resultate einer tiefen Einfühlung. Jede Sprache hat ihre eigene Musikalität - auch das fasziniert Tamara Lukasheva.

Zu Rilkes Gedicht „Ich kreise um Gott“ durchmisst ihre Stimme kühne Intervalle, als wenn es Luftsprünge wären, bevor sich in rasantem Unisono - oder auch dem Gegenteil davon - Stimme und Klavier miteinander synchronisieren. „Ich mag Spiritualität“ bringt Tamara Lukasheva ihre Motivation auf den Punkt und erläutert ihrem Publikum anschaulich die eigene Kompositionsmethode. In einer Hommage an Hildegard von den Bingen geraten mittelalterliche Dichtkunst und eine subjektive musikalische Gegenwart auf gemeinsame Augenhöhe: „Von der Tiefe bis hoch zu den Sternen überflutet die Liebe das All“ heißt es - und schon folgt die musikalische Einlösung dieser Aussage, wenn eine Kette aus dissonanten Intervallen eine gesungene modale Tonskala hervor bringt. Kraftvolle Metaphern aus Clara Müller-Jahnkes Dichtung „Der Schatten“ bringt eine bittersüß schwebende Vokalise in Fluss, bis schließlich alles in einen fast spätromantischen pianistischen Klangozean mündet.

Tamara Lukashevas gesangliches und pianistisches Potenzial ist immens, was bei ihren Referenzen kaum wundert. Sie hat in Odessa Operngesang und klassisches Piano am Konversatorium studiert. Das will etwas heißen. Aber ihr größtes Potenzial ist eine nie versigende Neugier und Weltoffenheit: Wenn sie in ihre typischen Vokalisen einsteigt, klingt dies wie eine indische, vokale Rhythmisierungstechnik und weniger wie angloamerikanischer Scatgesang. Manche Momente dieser instrumental-vokalen Personalunion erinnern in ihrer Färbung auch an den Mugham-Stil von Azizah Mustafa Zadeh. Und ja: Sie bestätigt hinterher im Gespräch, dass sie sich von dieser Musikerin aus Aserbaidschan auch schon inspirieren ließ.

Bei Text-Lyrik geht es oft gar nicht darum, einen Bedeutungszusammenhang „kopfmäßig“ zu erfassen. Der gymnasiale Deutschunterricht treibt vielen jungen Menschen mit solch vergeblichen Anstrengungen oft lebenslang die Leidenschaft für Literatur aus. Tamara Lukasheva zeigt auf der Wasserburg Lüttinghof Wege auf, um wieder die unaussprechliche Magie zwischen den Worten fühlen zu können. Letztlich bleibt, wie es Theodor Fontane sagt, „das Dunkel, das Rätsel“ und „die Frage“ übrig. Die Antwort könne nur „wie Meeresrauschen“ klingen. Oder eben wie Tamara Lukasheva.