CD-Rezension

Stephan Micus |

Winter`s End

Text: Peter E. Rytz

Mülheim a.d.R., 10.07.2021 | Transzendierte Wirklichkeit

Als Joachim-Ernst Berendt 1983 dem SWR die Sendung Nada Brahma – Die Welt ist Klang vorschlägt, gibt es viele Vorbehalte. Seine Idee, mit Musikbeispielen von gregorianischen Chorälen oder von Johann Sebastian Bach sowie von tibetanischen Gesängen bis zu Jazzmusik von John Coltrane oder Ben Webster als auch Popmusik von Pink Floyd und Santana die Vielfalt der verschiedenen Klangkulturen nebeneinander zu stellen, harmonikale Strukturen hörbar zu machen, findet Jahrzehnte später in der Musik von Stefan Micus einen kreativen Konterpart.

Inspiriert von Murakami Kijos (1865 – 1938) Gedicht Winter’s End, kompiliert er mit mehr als zehn zumeist seltenen, exotischen Instrumenten, wie Chikulo, Nohkan, Kalimba Nay, Charangos, Sattar oder tibetischen Cymbels assoziative Klangkosmen. Der Vers Although there ist he road, the child walks in the snow ist ihm programmatischer Anlass, über Absicht und Richtung des Gehens musikalisch zu meditieren.

Ähnlich Paul Klees Arbeit Hauptwege und Nebenwege (Öl und Gips auf Leinwand) von 1929 bildkünstlerisch folgt, erlauscht Micus Klänge beim Gehen. Von Autumn Hymn über Walking in Snow bis sehnsuchtsvoll denen von Zugvögeln anmutend, malt die Chikulo, ein Xylophon mit hölzernen Tasten und die traditionell im Noh-Theater dominierende Nohkan-Flöte meditativ transzendente Sounds. Selbst alte Affenbrotbäume beginnen zu tanzen (The longing of the migrant Birds). Übersetzt in eine an Minimal Music erinnernde Kalimba-Tonsprache, verdichtet durch die Klangaufhellung der westafrikanischen Harfe (Sinding) flirren südliche Sternhaufen (Southern Stars).

Getragen von dem südamerikanischen Zupfinstrument, der Charango und der persischen Rohrflöte Nay, malt Micus sein Ein-Mann-Klanguniversum Klänge der Welt. Notabene nachhaltig inspirierte Begleiter (Companions), die in tief ehrlichen Pathos schimmern. Korrespondierend mit mehrstimmigen Gesängen, die neben den Zugvögeln auch dem Tanz der Sonne (Sun Dance) huldigen, spurt eine 12-string-Guitar verträumt im Sand eines Irgendwo.

In lasziv anmutender Leichtigkeit breitet die Nohkan, eine Bambus-Traversflöte zusammen mit tibetanischen Cymbals und der auf dieser jetzt bei ECM als 24. Soloalbum von Micus veröffentlichten CD Winter’s End immer wieder zu hörende Chikulo einen hymnisch poetischen Schleier aus. Kijos Versfragment von Micus klangfarbig übersetzt, transzendiert Ortserfahrungen hinter der unmittelbaren Wirklichkeit.

WINTER’S END

STEPHAN MICUS

ECM 2698