CD-Rezension

Simon Nabatovs Suite Loves |

Aufregendes Musiktheater ohne Bühne

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Köln, 27.10.2021 | Von dem in Köln ansässigen Ausnahmepianisten Simon Nabatov erscheint in regelmäßigen, sehr kurzen Abschnitten immer wieder ein neues Album mit immer wieder neuen Formationen und vor allem: mit stilistischen Finessen. Unermüdlich und immer wieder aus neuen Inspirationsquellen schöpfend, arbeitet Nabatov daran, seine musikalische Idiomatik um neue Facetten zu erweitern. Und jede neue Veröffentlichung ist getragen von einem musikalisch und konzeptionell hochinteressanten Impuls.

Die gerade - wieder bei Leo Records - erschienene CD Loves unterstreicht diese künstlerische Kontinuität. Simon Nabatov widmet sich in der knapp 60-minütigen Suite wieder der Verbindung von Musik und Sprache – in seinem Gesamtwerk eine immer wiederkehrende Ambition wie etwa in der Beschäftigung mit Josef Brodsky, Mikhail Bulgakov und Isaac Babel. Lag hierbei der Fokus auf der musikalisch-textlichen Auseinandersetzung mit russischen Autoren, löst sich Loves von diesem Muster: Die Suite tangiert ganz unterschiedliche kulturelle und historische Bereiche. Die konzeptionelle Klammer besteht dabei aus exemplarischen acht Liebesbeziehungen von Künstlern und Künstlerinnen aus den letzten beiden Jahrhunderten, die Nabatov in ihrer unterschiedlichen Dynamik reflektiert. Liebe in Pluralform weist programmatisch darauf hin: Es geht um eine musikalische Auseinandersetzung mit ganz verschiedenen Erscheinungs- und Variationsformen, ja, auch um Machtverhältnisse und Katastrophen in Paarbeziehungen. Was möglicherweise zunächst als „verkopfte“ und konstruierte Anleitung erscheint, erweist sich bei mehrmaligem Hören als ein überaus schlüssiges, ästhetisch anspruchsvolles und vielschichtiges Experiment.

Bis auf das instrumentelle Amour Fou sind die Stücke jeweils einer Frau gewidmet, Nabatov dürfte damit explizit die Perspektive der beteiligten, ja betroffenen Frauen in den schwierigen, chaotischen Beziehungen seiner Beispiele in den Vordergrund setzen. So reflektiert Georgia die Beziehung der Malerin Georgia O’Keeffe zu dem Fotografen und Galeristen Alfred Stieglitz, Anaïs die zwischen Anaïs Nin und Henry Miller, Sylvia die der Schriftstellerin Sylvia Plath zu ihrem Ehemann Ted Hughes, Lili die der russischen Autorin und Filmemacherin Lilja Brik zu Vladimir Mayakovsky, Ella die der Malerin Gabriele Münter zu Wassily Kandinsky, Clara die zwischen Clara Schumann und Johannes Brahms, Frida - Platotudes zwischen Frida Kahlo und Diego Rivera. Dass die Erfahrungen von diesen Berühmtheiten aus der Sphäre von Kunstschaffenden sehr unterschiedlich sind, kann vorausgesetzt werden. Das Album greift zum Teil auf deren Briefverkehr zurück, er bildet die Quelle für Rebekka Ziegler und Tobias Christl, die gesanglich und sprechend Sentenzen aufgreifen, zitieren und auch lediglich lautmalerisch andeuten. Dazu spielt ein Nonett in folgender Besetzung: Leonhard Huhn (as, ss, cl), Sebastian Gille (ts, a-cl), Udo Moll (tr), Janning Trumann (trb), Axel Porath (viola), Nathan Bontrager (cello), Stefan Schönegg (b), Dominik Mahnig (dr) und Simon Nabatov (p).

Der Opener Georgia beginnt im Stil einer langsam swingenden, leicht dissonant klingenden Bigband, die Gesangstimmen folgen unisono den Bläserlinien. Die friedliche Gestimmtheit dieses Anfangsparts wird abgelöst von einer Kollektivimprovisation, bei der das klanglich-stimmliche Chaos allmählich wieder überführt wird in den anfänglichen Stimmungsmodus. Diesem folgt ein „Duett“ der beiden Singstimmen mit Zitaten aus dem Briefverkehr von Georgia O’Keefe und Alfred Stieglitz, die Musik kommentiert die Korrespondenz mit wenigen Klangfarben und sorgt am Ende für eine spannungsgeladene Balance.

Nach Nabatov-typischen erratischen Tastensprüngen begleitet in Anaïs die Combo im Jazzmodus den Wechselsang mit dem Zitat des dominanten Henry Miller und der „Antwort“ seiner Geliebten Anaïs Nin, der in einen wild umspielten Scat übergeht, um am Ende in der Wiederholung der gegenseitigen Liebesbezeugung („I think of you“ – „Kisses alone“) zu münden.

Ella arbeitet wortlastig mit Zitaten aus dem Briefwechsel von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, unterstützt von musikalischer Eruption. Der Ruf nach „innerem Akkord unserer Seele“ wird konterkariert durch eine abstrakt-schwebend gehaltene Musik.

Clara thematisiert durch Trennung erzeugte Liebespein. Der Musikeinsatz verläuft parallel zum Gesang und geht in einen dynamischen Part über. Schließlich wird im Duett ein eher versöhnliches Ende markiert.

In dem Doppeltitel Frida – Platotudes trägt die klagende Stimme die Wut Frida Kahlos über ihren untreuen Partner.

Nach dem Durchspielen der unterschiedlichen problembehafteten Varianten von Liebesverhältnissen kommt die Suite, vorgetragen im Stil des griechischen antiken Chors, zu zwei Zitaten aus Platons Gastmahl und definiert damit die Liebe als Sehnsucht und Suche nach Ganzheit und Vollkommenheit.

Drei rein instrumentelle Stücke verweisen auf eine wortlose, abstrakte Beschreibungsform: Amour Fou mit vertrackter Rhythmik und raffinierter Schichtung von überraschenden Akkordblöcken, Sylvia und Lili widmen sich dem begrifflich nicht zu Fassenden mit turbulent wortlosen Scat-Einlagen und Vokalisen, die in immer neuen Anläufen von dynamischer Wucht der Instrumente begleitet werden oder mit einem Solo mit deutlicher Handschrift des Pianisten enden.

Simon Nabatov findet mit seiner Komposition Loves einen raffinierten Weg, Musik und Sprache als Mittel einzusetzen, um Liebe, um unterschiedliche Ausprägungen von Liebesverhältnissen zu reflektieren. Der Referenzrahmen der Prominenten-Beispiele in ihrer Spiegelung durch Gesang und Musik erweist sich als ausgesprochen ergiebig für entsprechende Deutungsansätze seitens der beteiligten Musiker wie auch auf Rezipientenseite, um die Komplexität von „Lieben“, ihren chaotisch-anarchischen, befreienden und bindenden Charakter, ihre Dynamik zu fassen. Der Suite gelingt dies in musikalisch herausfordernder Weise. Durch das Konzept, prominente Paarbeziehungen als Folie für einen ideenreichen Einsatz von Musik und Sprache zu nutzen, erfährt man ein tiefgründiges Musiktheater ohne Bühne – mit voller Konzentration auf die musikalischen Finessen.

Erwähnenswert sind die sehr ausführlichen und klugen Liner Notes von Stuart Broomer, die zu einem vertieften Verständnis eines komplexen Opus‘ beitragen.

Simon Nabatov: Loves. Leo Records. 2021. CD LR 918