CD-Besprechung

Sebastian Reimann Quartett |

Hommage à Stéphane

Text: Dr. Michael Vogt

Hürth, 30.08.2021 | Unter dem Motto «Swing experience – Hommage à Stéphane» geht am 2. September 2021 für den Geiger Sebastian Reimann ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Auf Einladung des Jazzclubs Hürth hebt er im Jazzkeller auf der Hermülheimer Straße eine Premiere aus der Taufe: Zusammen mit Manfred Billmann (Piano), Sven Jungbeck (Gitarre) und Max Schaaf (Bass) lässt sich Reimann von der Musik Stéphane Grappellis inspirieren, die der Meisterviolinist in den 1970er Jahren zelebrierte. Unser Autor Michael Vogt hat schon mal ins brandneue CD-Album hinein gehört, welches am 2. September erscheint...

Auf seinem Album „Hommage à Stéphane“ setzt sich Sebastian Reimann mit dem Stil auseinander, den Geigenlegende Stéphane Grappelli in den 1980er Jahren prägte. Im goldenen Herbst seiner Karriere spielte er lyrischer, gefühlsbetonter, vielleicht auch ein wenig massentauglicher als in der großen Zeit des „Quintette du Hot Club de France“, gewann dadurch aber an Freiheit und Bandbreite seiner Ausdrucksmöglichkeiten.

Im nostalgischen Intro, das die CD eröffnet, erinnern Sebastian Reimann (Violine), Manfred Billmann (Piano), Sven Jungbeck (Gitarre) und Max Schaaf (Bass) mit unterlegtem Schallplatten-Knistern zunächst an Meistergeiger wie Ferenc Sánta. In wenigen Takten schaffen sie es, den taumelnden Sog und die schwere Süße zu beschwören, die das Markenzeichen der ungezügelten Kreativität ungarischer Roma-Musiker ist, bevor sie sich brillant die elegant swingende Nummer „Afternoon in Paris“ (John Lewis) vornehmen.

Träumerisch eingestreute Flageolett-Töne

„If I Had You“ (Shapiro, Campbell, Connelly) gerät zu einer so sangbaren wie rhythmisch pointierten Ballade, in die Sven Jungbeck intelligent Bach-Zitate einflicht. „Bossa pour Didier“ beleuchtet das Sebastian Reimann Quartett aus verschiedenen Perspektiven: Grappellis Interpretation tritt hier in einen Dialog mit Didier Lockwoods Ansatz, für den Grappelli das Stück komponierte. Eine weitere Ebene eröffnet Reimann mit „Grappelli Swing 2020“, der einzigen Eigenkomposition des Albums, in der er Bezüge zu den Anfängen der Karriere Grappellis herstellt. Das Parfum französischer Salons und die Melancholie des französischen Kinos prägen – im besten Sinne – zwei Filmmusiken, die Eingang in das Programm gefunden haben: Den „Valse du passé“ schrieb Grappelli für Louis Malles „Milou en Mai“ („Komödie im Mai“) aus dem Jahre 1990. „Les valseuses“ wiederum entstand für den gleichnamigen Film von Bertrand Blier (1974) und wird von Reimann mit träumerisch eingestreuten Flageolett-Tönen, blutvollen Melodielinien und humorvollen Pizzicati garniert.

Stilistische Wandelbarkeit

Dass Grappelli sich in der Spätphase seiner Karriere stärker populären Nummern zuwandte, zeigen die Musiker mit Billie Joels „Just The Way You Are“, das mit eleganter Phrasierung und legendärem Timing an Frank Sinatras tiefenentspannte Interpretation angelehnt ist. Nat King Coles größten Hit „Straighten Up And Fly Right“ unterziehen die Musiker einer interessanten Verwandlung, die genauso von Reimanns klassischer Technik befruchtet wird wie „Undecided“ (Robin, Shavers), in der sich Reimann hörbar vor Grappelli und seiner stilistischen Wandelbarkeit verbeugt. Die Funk-Inspirationen, die Grappelli in „Love for Sale“ aufnahm, werden vom Quartett aufgefrischt, bevor die Musiker mit „King of the Gypsies“ noch einmal zu den ungarischen Inspirationen zurückkehren, die das Album eröffnet haben. „Hommage à Stéphane“ will nicht eine Kopie des unnachahmlichen Grappelli-Stils vorlegen, aber den Spirit und die Menschlichkeit seiner Musik einfangen. Es ist eine CD, die darüber hinaus auch die Bandbreite von Sebastian Reimann aufzeigt, der seine Musik selbst einmal als Irish-Funk-Jazz-Rock-Oriental-Classical-Gypsy-Bluegrass-World-Groove bezeichnet hat. Vom Ensemble hervorragend interpretiert und frisch musiziert – genau das Richtige für trübe Sommertage.