Buch-Rezension

Rainer Wieczorek: Pirmasens |

Coltrane in der Schuhfabrik

Text: Heinz Schlinkert

Darmstadt, 07.04.2021 | „Am Ende seines kurzen Lebens spielt Coltrane zwischen den einzelnen Sets in der Pause weiter, hinter den Kulissen: einer unerhörten Erschöpfung entgegen.“
„Vielleicht ist es das, was diese Aufnahme zur Musik unserer Zeit werden lässt“, sagt Amrein. - „Vielleicht ist es das.“

John Coltrane ist in Rainer Wieczoreks Novelle Pirmasens ein wichtiger Protagonist. Sein Leben und sein Schicksal stehen geradezu metaphorisch für die Entwicklung des Jazz, aber auch der Gesellschaft.

  • Die Geschichte

In der Novelle Pirmasens geht es nicht nur um Jazz - ganz anders als in Wieczoreks nächster Novelle über Heinz Sauer. Es geht auch um Folk, um bildende Kunst und nicht zuletzt um die Stadt Pirmasens. Die Geschichte spielt in einer alten Schuhfabrik in der Stadt Pirmasens, die bis zum Niedergang in den 70er-Jahren das Zentrum der deutschen Schuhindustrie war.

Drei Personen, die - real existierende - Grafik-KünstlerinSerena Amrein und die erfundenen Figuren Wajaroff und Danski sind die Handlungsträger, aber auch der Erzähler und – davon unterschieden - der Autor spielen eine große Rolle. Serena Amrein ist artist in residence in einem Stockwerk der Fabrik und stellt dort mit einer speziellen Schnurtechnik abstrakte Strukturbilder her, Wajaroff und Danski wohnen eine Etage tiefer, sie stehen meist am Fenster und fachsimpeln über ihre Arbeitsgebiete: John Coltrane & der moderne Jazz und die Liedermacherbewegung.

  • Jazz & Coltrane

Ich möchte hier nicht das ganze Buch vorstellen, das haben andere, z. B. Willi Huntemann, schon ausführlich getan. Es geht mir nur um die Rolle der Musik, insbesondere um John Coltrane. Danski spricht oft über die Entwicklung des Jazz. Er berichtet von der Herkunft und der Benachteiligung schwarzer Musiker wie Charles Mingus, von der Abkehr von der Tanzmusik im Bebop und von der Veränderung der „musikalischen Signalgebung“ bei Coltrane:
„Klangflächen, Skalen, Akkorde sind kaum noch auseinanderzuhalten. Damit bewegt er sich auf eine Grenze zu, die weder er noch die anderen sehen.“ - „Wie die ‚Schlabbestadt‘ Pirmasens!“ (S.66)

Die Parallelität der Entwicklung des Jazz und der Stadt Pirmasens wird an vielen Stellen deutlich und deutet damit auf die Intention des Autors hin. Aussagen über den Jazz sind im Buch verstreut, man trifft immer wieder auf sie, denn Danski will sein Wissen an den Mann, d. h. hier an Wajaroff, bringen. Die Gespräche über Coltrane laufen auf den 9. Dezember 1964 zu, als Coltrane, McCoy Tyner und Elvin Jones an einem Tag in Rudy van Gelders Studio A Love Supreme aufnahmen. Hier ist ein „höherer Grad Freiheit“ erreicht, der die „Auflösung der Bindung an Akkorde und Skalen“ und damit auch „eine Befreiung vom Publikum (bewirkt), weil die Musik dessen Hörgewohnheiten nicht mehr bedient“ (S.87f). Und auch McCoy Tyner wollte da nicht mehr mitmachen, nur Jimmy Garrison blieb ihm bis zum Schluss treu.

Auch Wolfram Knauer, der Leiter es Darmstädter Jazzinstituts, wird, wie in mehreren Büchern Wieczoreks, erwähnt. Danski hätte sich ihn statt Wajaroff an seiner Seite gewünscht und wirft dem Autor vor, dies nicht getan zu haben.

Parallel zum Jazz-Thema berichtet Wajaroff über die Entwicklung der Liedermacherbewegung. Dabei geht es vor allem um die Feste auf der Burgruine Waldeck. „Weltmusik, sagte Danski. Den gleichen Weg geht Coltrane.“ (S.51)

Amreins Kunstprojekt geht schließlich auch in die letzte Phase. Ihre Bilder werden erst mit Fäden, dann mit Seilen und am Ende mit einem dicken Tau gestaltet, so dass auch bei ihr am Ende keine Steigerung mehr möglich ist.

  • Worum es letztendlich geht ...

... das legt gegen Ende der Novelle der Autor selbst dem Erzähler in den Mund:
„Es sollte anhand von drei Beispielen gezeigt werden, dass künstlerische Entwicklungen und Marktmechanismen nicht unabhängig voneinander verlaufen ...“ (S.90f)

Am Ende hat Amrein ihr Kunstprojekt beendet. Wajaroff und Danski rebellieren noch, weil sie mit dem Ende der Novelle ihr Überleben gefährdet sehen. Doch das Fabrikgebäude ist auf einmal verschwunden, die Geschichte zu Ende.

Weiter geht die Geschichte allerdings in gewisser Weise in Wieczoreks nächster Novelle ‚Im Gegenlicht: Heinz Sauer‘, über die wir bereits berichteten. Dort tritt Danski wieder in Erscheinung, die Handlung reicht bis zur Gegenwart. Es geht vor allem um die Geschichte von Heinz Sauer.

Aber für die Zeit nach den 70ern stellen sich - ausgehend von der oben genannten Grundintention - weitergehende Fragen:

- Wenn der Tod Coltranes in Anlehnung an Virilios ‚dromologisches‘ Beschleunigungs-Szenario als Höhepunkt gelten kann, wie geht es dann weiter? Ist der Free Jazz das Ende des Jazz? Und was hat es zu bedeuten, dass man seitdem nicht mehr von Stil-Epochen sprechen kann, nicht nur im Jazz?

- Könnten HipHop, Techno und elektronische Musik dann nicht viel eher Ausdruck dieser Entwicklung sein als der ‚alte‘ Jazz?

- Tonträger und Filmformate wurden stetig weiterentwickelt, Medien sind in der Konvergenz zusammengewachsen. Inwiefern ist die Kunst in dem schon 1936 von Walter Benjamin festgestellten ‚Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit‘ in eine neue, digital dominierte Phase eingetreten?

- Was bedeutet das für die Musik bzw. für den Jazz, wenn inzwischen ein Großteil der Musik in der Cloud immer und fast überall abrufbar ist und Live-Konzerte gestreamt werden, nicht zuletzt in der Pandemie?

- Wie steht all dies – im Zeitalter der Post-Industrialisierung - im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung?

Was würde Danski dazu sagen?

Rainer Wieczorek Pirmasens
Dittrich Verlag 2020

Hardcover, 124 Seiten
ISBN 9783947373543
22,00 €

Buch, 124 Seiten
ISBN 9783947373581
12,90 €