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PUNKT Festival Kristiansand 2021

Text: Christoph Giese | Fotos: Alf Solbakken & Petter Sandell

Kristiansand, 08.09.2021 | Zum zweiten Mal in diesen Pandemiezeiten setzt das Festival PUNKT ausschließlich auf norwegische oder in Norwegen lebende Künstler. Natürlich wäre es in diesem Jahr auch möglich gewesen Musiker aus dem Ausland einzufliegen - der nrwjazz.net-Mitarbeiter hat es ja auch aus Good Old Germany ins dieses Mal durchgehend sonnige und angenehm warme Kristiansand geschafft. Aber warum sich unnötig Stress machen, wenn man so eine kreative Musikszene direkt vor der Haustür hat, ein Füllhorn an Künstlern, die man einladen kann.

Und die man auch in ungewöhnlicher Weise miteinander kombinieren kann. Außerdem wollten die Festivalmacher auf Nummer sicher gehen, was sich auch als richtig erweisen sollte. So musste das geplante Konzert von „Dark Star Safari“ ausfallen, um allerdings durch ein fantastisch miteinander agierendes PUNKT Ensemble mit Jan Bang, Erik Honoré, Eivind Aarset und weiteren Musikern ersetzt zu werden. Wie diese Band, die ja eigentlich keine ist, den Zuhörer auf eine Klangreise durch Beats, geheimnisvolle Sounds und Reminiszenzen mitnahm, das war wunderbar zu erleben. Und von „Dark Star Safari“ gab es in Kristiansand immerhin schon das neue, zweite Album von „Dark Star Safari“ zu erwerben. Und „Walk Through Lightly“ ist ein hörenswertes Werk geworden.

Das Auftaktkonzert der 17. Festivalausgabe stand ganz im Zeichen vom 25. Geburtstag von Bugge Wesseltofts Plattenlabel Jazzland. Um die 250 Produktionen hat Jazzland inzwischen veröffentlicht. Der Labelchef konnte zwar leider nicht persönlich vor Ort sein wegen anderer Verpflichtungen, aber er hatte zuvor eine Geburtsband für PUNKT zusammengestellt. Bekannte Namen waren nur zwei der insgesamt sechsköpfigen Formation, nämlich Saxofonist Håkon Kornstad und Bassist Audun Erlien. Zu diesen beiden arrivierten Namen der norwegischen Musikszene gesellen sich im Retro-Chic des Gebäudes vom Blå Kors vier junge Damen - die Geigerin Harpreet Bansal, Tablaspielerin Sanskriti Shrestha, Gitarristin Lilja und Schlagzeugerin Veslemøy Narvesen. Was wie eine wild zusammengewürfelte Truppe unterschiedlicher musikalischer Herkünfte klingt und ja auch ist, entpuppt sich aber als überraschend homogenes, vielschichtiges, mutig agierendes Ensemble, das sich wunderbar gegenseitig zuzuhören vermag und eine herrlich organische, stilübergreifende Musik, von klassischen indischen Klängen bis zu diversen Spielarten des Jazz und Nordic Folk, präsentiert.

Die beiden Hauptabende fanden zum zweiten Mal im langjährigen, ziemlich modernisierten Festival-Hotel Norge statt. Im obersten Stockwerk der große Konferenzraum, das hört sich erst einmal schrecklich an, aber es ist in der Tat ein wunderbarer, sehr gut klingender Konzertraum mit tollem Blick auf Kristiansand. Und mit einer digitalen Riesenleinwand am Bühnenhintergrund, die viele visuelle Umsetzungen des Gehörten ermöglicht. Und das visuelle Element war und ist bei PUNKT immer ein wichtiger Baustein des Konzeptes.

Die Osloer Geigerin Harpreet Bansal, Tochter indischer Eltern, durfte an Festivaltag zwei ihre eigene Band, besetzt mit Harmonium, Bass, Santur und Tablas, und ergänzt um dem fabelhaften Cellisten Svante Henryson, und ihre eigene Musik vorstellen. Wie sie dabei die Tradition der klassischen indischen Raga mit Jazz und nordischem Folk zusammenbringt – aufregend und hörenswert. Wie auch der Musikmix der Band des Hardanger Fiddlers Nils Økland, in der Mats Eilertsen den Bass spielt. Traditionelle norwegische Folklore, klassische und zeitgenössische Elemente und Jazz, das alles so schlüssig miteinander verbunden, da lässt man sich mitnehmen auf beseelte Ausflüge in verzaubernde Klangwelten. Mats Eilertsen hat übrigens zwei neue, eigene CDs am Start: Das herrlich vielschichtige, mit Effekten über den akustischen Bass gelegte Soloalbum „Solitude Central“ und das ebenfalls in vielen Farben schimmernde, im Quartett unter anderem mit Saxofonist Tore Brunborg aufgenommene, im frühen Winter offiziell erscheinende „Hymn For Hope“.

Für Klangwelten ganz anderer Art sorgte Gitarrist Eivind Aarset mit seinem Release-Konzert seines neues Albums, das dieser Tage bei Jazzland erscheint: „Phantasmagoria, or A Different Kind Of Journey“. Mit seinem „4tet“, mit E-Bass und gleich zwei Drummern besetzt, lotet Aarset dabei mit seinem Ambient-Jazz viele Möglichkeiten seines Instrumentes aus, bin hin zur völligen Verfremdung des Gitarrentons, türmt mit Hilfe von elektronischen Bearbeitungen laute, mächtige Klangberge auf, die von grandiosen Visuals getragen den Zuhörer fast in die Galaxie schießen. Wie will man das anschließend remixen? Mastermind Helge Sten gab die Antwort und führte den intergalaktischen Soundtrip mit eigenen Ideen aufgefüllt einfach fort.

Dass PUNKT auch der nächsten Generation von Musikern ein Podium gibt, dieses Mal sogar am Samstagabend zur Prime Time, ist großartig. Vor allem wenn man dann so ein Talent wie die junge Sängerin und Komponistin Benedikte Kløw Askedalen, eine ehemalige Studentin von PUNKT-Mastermind Jan Band an der Agder-Universität in Kristiansand, mit ihrer Auftragsarbeit für Festival auf der Bühne sieht. Zwischen Folk, Pop und Improvisation changierend, hört man schöne Kompositionen, die zwischendurch immer wieder spannend aufgebrochen werden.

Und es gab noch so viel weitere wundervolle Momente beim PUNKT 2021. Etwa der kurze Sologig von Håkon Kornstad mit geloopten Sounds und berührendem klassischen Gesang. Oder die Remixe nach den meisten Konzerten, die das zuvor Gehörte jeweils in ein anderes Licht rückten. Und das visuell, aber vor allem auch für die Ohren. Offen sollten sie sein, dann bietet PUNKT jedes Mal wieder eine Menge Entdeckungen. Und sowieso lohnt sich eine Reise in den landschaftlich traumhaft schönen Süden Norwegens.

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