Livestream-Review

Kuhn Fu in der Kulturfabrik |

Jazzpolizei blieb zuhause, alle anderen auch

Text: Stefan Pieper | Fotos: screenshots

Krefeld, 29.04.2021 | Die Jazzpolizei musste bei diesem Gig Fall zuhause bleiben - aber alle anderen auch. Denn auch die Kulturfabrik darf noch nicht für Publikum öffnen. Also haben alle etwas verpasst beim furiosen Gig von der Band Kuhn Fu, verstärkt um den Power-Saxofonisten John Dikeman. Doch es gibt einen gehaltvollen Livestream und der wird auch bis auf weiteres im Netz bleiben. So sorgt man für nachhaltige Sichtbarkeit!

Zumindest die Kamerleute haben begeistert mitgetanzt, wusste Rolf Sackers hinterher zu berichten. Diese Band füllt den Raum und damit auch das Wohnzimmer mit berstender Energie.Auf der Bühne herrscht Kunstfreiheit und von der macht Christian Achim Kuhn, Gitarrist und Vokalist ausgiebig Gebrauch - denn von der sind auch jene Worte gedeckt, mit der er den vorübergehenden bayerischen Anwärter auf das Amt des Bundeskanzlers titulierte. Und auch sonst lässt er allerhand schräge Geschichten mit grotesk erhobener Stimme, in nicht immer ganz (politisch) korrektem Englisch vom Stapel. Dabei hätte das geballte Ideenfeuerwerk dieser Band solche „Narrative“ kaum nötig.

Angekündigt als „Paranoide-Prog-Punk-Jazz-Performance mit post-romantischer Jazz/Rock-Störung“ hört sich das ganze auch so an, was ein brillantes spielerisches Niveau in keinem Fall ausschließt! Der Sound von Kuhn Fu wirkt subversiv, aber dieser nicht abreißende Ideenstrom erfüllt alle Qualitätskriterien von aufgeklärtem Jazz, vor allem von sprühender spielerische Flexibilität bei jedem einzelnen Mitglied muss hier die Rede sein. Wohlig reiben sich metal-affine Gitarrenbretter, Schlagzeug-Sperrfeuer und tiefe Bass-Eruptionen aneinander. Für letztere hat der türkische Bassist Esat Ekincioglu sein Instrument vorsichtshalber noch mit Unmengen von Gaffertape „verstärkt“. Zugleich dialogisieren, improvisieren, fantasieren John Dikeman und der israelisch Klarinettisten Ziv Taubenfeld, dass es eine pure Wonne ist! Denn was bei dieser Show musikalisch passiert, ist nicht nur brachial, sondern geht zugleich melodisch hoch ausdifferenziert zur Sache. Die Rhythmik bedient sich bei so manchem - Polka, Swing, hochgepitchte Walzermetren, die jedes bayerische Bierzelt schnell zum Einsturz bringen ließen. Kurzum - diese Band ist eine echte Entdeckung - dabei gibt es sie schon lange und es liegen mittlerweile diverse Alben vor.

Kuhn lässt derweil den Faden seines Storytellings nicht abreißen: Er spinnt die Mär von einem Fisch, der auch bei Krefeld durch den Rhein schwimmt, welche Wünsche erfüllt, wer ihm begegnet. Dass die Pandemie endet und ein blauer Porsche Carrrea stehen auf der Wunschliste des Bandleaders.

Die Bands, die am frechsten, spontansten, abgedrehtesten daherkommen, sind oft jene, die mit dem meisten professionellen Ernst bei der Sache sind, wenn es um die Erarbeitung ihrer Konzepte geht. Vor dem virtuellen Gig hatten sie bereits mehrere Tage in der Kulturfabrik mit Feuereifer geprobt, wusste Rolf Sackers zu berichten. Herausgekommen ist jetzt ein Livestream, bei dem es sich lohnt, mehrmals hineinzuhören und die Ohren für alle Details zu öffnen.