Festivals in NRW

Wahrnehmungskanäle weit offen |

Ein Abend beim 11. Klaeng-Festival

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper

Köln, 25.11.2021 | "Ich kam im Jahr 2013 nach hier und lernte dieses produktive Kollektiv kennen. Das hat mich unglaublich mitgerissen!“ beschreibt Rebekka Salomea Ziegler ihr Erweckungserlebnis in der Kölner Jazzszene. Vor allem das Klaeng-Kollektiv hat in Köln dazu beigetragen, produktive Kräfte zu bündeln und zahllose neue Besetzungen und Kollaborationen sowie ein gemeinsames Label hervorgebracht. Dass so etwas die öffentliche Präsenz maximiert, beweisen zwei gut gesuchte Festivals in jedem Jahr. Die 11. Ausgabe des „Klaeng-Festival“ war nun keine Streaming-Notlösung mehr, sondern wurde live im Stadtgarten von ganz viel Publikum wie ein Neustart gefeiert – natürlich mit entsprechenden Vorkehrungen gegen die Gefahren der Pandemie und einer - wie immer auf Konzerten- guten Disziplin im Publikum.

Der „internationalste“ Act steht gleich am Anfang des zweiten Festivalabends: Der Konzertsaal im Stadtgarten wirkt regelrecht klein angesichts von der großen bunten, altersmäßig gemischten Schar aus Zuhörenden. Und auch beim versammelten Quintett auf der Bühne ist es eher eng, was allein schon dem Instrumentarium der Perkussionistin Marylin Mazur geschuldet ist. Aber so soll es sein: Zum Intro rauschen die Chinagongs, zimbeln die Glöckchen, um dann auf episch verschlungenen Wegen in die Klanglandschaften dieser Band hinein zu ziehen. In Marylin Mazurs Stammbesetzung sind bewährte Kräfte am Werk, die auch auf einschlägigen ECM-Produktionen dokumentiert sind. Immer getragen vom lyrischen Rhythmuszauber der Bandleaderin und dem glasklar fokussierten Bassspiel ihres Lebensgefährten Klavs Hofmann sowie der japanischen Pianistin Makiko Hirabayashi als dritte, intuitive Kraft. Als Gäste sind an diesem Abend die große britische Sängerin Norma Winstone und der Trompeter Jacob Buchanan mit an Bord.

Und klar- die Grande Dame des britischen Jazzgesangs öffnete sofort eine ganz jazzopern-affine Ausdruckstiefe in ihren erhabenen Song-Gebäuden. Gerade dieses erste Konzert am Samstagabend hätte mehr Spielzeit für echte, meditative Entfaltung verdient. Warum bleibt bei nur drei Festivalprogrammpunkten an einem Tag nur eine knappe Stunde für jedes Konzert?

Die Saxofonistin Theresia Philips ist zurzeit in aller Munde – und das hat sie sich mit aller Vehemenz selbst erarbeitet. Leichtfüßig stürmte sie auf ihrer jungen Karriere durch einschlägige Sozialisationsinstanzen wie dem Bujazzo, erkundet seitdem in vielen stilistisch breit aufgestellten Projekten immer neue Freiheiten und ist ebenso auch im Fuchsthone Orchestra eine unverzichtbare Stimme. Schon am Freitagabend war im Stadtgarten die Zeit reif für ein großes Debut: Ihr neues Projekt „Ain`t I“ spielte in großer Besetzung in ausgefeilten selbstkomponierten Stücken und geizte auch nicht mit politisch-emanzipatorischem Überbau. Was diese Saxofonistin, Komponistin und Improvisatorin im Ganzen auszeichnet, wurde am Samstagabend in einer Triobesetzung vom ersten Ton an spürbar: Alle Wahrnehmungskanäle sind weit offen, wenn sie mit ihrem Saxofonspiel selbstbewusst die Geschickte lenkt im Trio mit Schlagzeuger Jim Black und Simon Jermyn an Bass und Gitarre. also zwei der erfahrensten Kapazitäten in Sachen frei improvisiertem Jazz. Wie sie Themen formuliert, in ihrem Spiel Richtungen ändert, ihre beiden Mitmusiker zu Antworten herausfordert, wie freitonale Klangzustände und melodische Läufe zu unverzichtbaren Elementen von Kommunikation wurden, das war allerhöchstes Niveau.

Dunkel und ganz anders wurde es auf der Bühne zum dritten Act des Abends. Bei Salomea ist Showtime angesagt. Aber es ist nicht nur der Name dieser Band und Sängerin oder das surreale Outfit. Erstmal spielte nur die Band zum Eingrooven. Erst dann betrat die Sängerin mit ihrem eigenwilligen Charisma die Bühne. In Sachen Theatralik hat die Popkultur dem Jazz meist einiges voraus. Rebekka Salomea weiß hier die Register von hypnotischer Performance zu ziehen. Eigenwillig, zugleich sinnlich erhebt sie ihre Stimme, wobei coole „spoken word“- Ästhethik, Hiphop-Elemente und verklärte Zitate aus dem R and B ins Spiel kommen. Aber so, dass es spannend, elektrisierend, unvergleichlich bleibt. Diese Form einer intelligenten Durchdringung praktiziert ebenso ihre zupackend aufspielende Band: Bassist Oliver Lutz, Schlagzeuger Leif Berger und Keyboarder Yannis Anft zauberten über weite Strecken eine club-affine Underground-Ästhetik voller Broken Beats, knochentrockener, tiefer „Garage“-Basslinien und schwirrender Synthesizer.

Wer den Auftritt von Salomea nochmal erleben möchte, sollte am 29.11. nach Münster fahren: Da spielt die Kölner Band in einer neuen Konzertlocation namens Penson Schmidt am Alten Steinweg https://www.pensionschmidt.se/programm/.