CD-Rezension

Techno-Jazz |

JAZZRAUSCH

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Marc Wilhelm

München, 30.03.2021 | Unglaublich: junge Musiker einer Big Band begeistern ein ebenso junges Publikum. Wie kann das sein? JAZZRAUSCH hat Techno und Jazz zusammengeführt und so dem Jazz eine ganz neue Zuhörerschaft erschlossen. Techno Jazz - das ist auch Tanzmusik, das war in Swing-Zeiten auch mal so.

Von Jazzfans hörte man oft: Techno - das ist Maschinenmusik, laut, dumpfer Beat, Musik für Ecstasy-bedröhnte Dumpfbacken. JAZZRAUSCH begegnet solchen Pauschalurteilen und hat nun das Kunststück vollbracht, Jazz und Techno zusammenzubringen, mit großem Erfolg. Wie geht das? Aber hören wir erstmal rein.

- Dancing Wittgenstein

heißt das erste Stück der gleichnamigen CD

“The world is all that is the case. The world is the totality of facts, not of things. The world is determined by the facts, and by their being all the facts. …”

Mit diesem Text setzt die Sängerin Patricia Römer nach einem langen, Spannung aufbauenden Intro ein, der Text stammt aus Ludwig Wittgenstein’sTractatus Logico-Philosophicus. Und dann für die Nicht-Philosophen:
Do you feel that the real things are what you see?”

An Wittgensteins Tractatus haben sich schon viele die Zähne ausgebissen. Im Albumtext steht, man könne die Frage nach der Realität der Dinge nicht in Worten ausdrücken, deshalb seien ,the sentences .. completed by music instead of words.” Wem das zu schwierig ist, kann einfach der Aufforderung der Sängerin folgen: “I would keep dancing ...” Tanzen kann man auch zu dem dann folgenden wunderschönen langen Tenor Sax-Solo.

Music und Lyrics fast aller hier genannten Stücke stammen von Leonhard Kuhn. So auch Le système planétaire. Im Text kommt eine Frau aus einer anderen Galaxie in den 80ern nach Paris und begeistert sich für einen jungen Astronomen. Skurill, klingt aber gut en français, vielleicht auch was für StarWars-Freunde.
Bemerkenswert auch das 9-Minuten-Stück I want to be a banana, denn hier wird die Fusion aus Techno und Jazz gut deutlich. Würde in manchen Teilen das Schlagzeug vom reinen Beat in eine Art Shuffle-Rhythmus übergehen, könnte man von einem Jazz-Stück sprechen. Im CD-Text steht: “remix of a Funk style 12bar blues". Das kommt hin. Wie bei vielen Stücken geht es los mit einem langen Intro, in dem ein Motiv vorgestellt wird. Dann ein langes Sax-Solo im Bebop-Stil, gefolgt von einer funkigen Passage, vor allem von der Gitarre getragen. Gegen Ende des Stücks sind drei Blues-Chorusse zu hören: Bariton-Solo, dann Bariton-Break, Tutti. Dann Wiederaufnahme des Anfang-Motivs und Schluss. Toll!

Ben Klocks Subzero ist auch dabei, ähnlich minimalistisch wie in der ursprünglichen Fassung. Harter Puls mit Vocalisen der Sängerin, die gegen Ende des Stücks auch orientalische Züge annehmen; viel Techno, kaum Jazz.
Die Titel Moebius Strip und Continuous Dirichlet verraten, dass dem Komponisten Philosophie und Mathematik nicht fremd sind. Das Möbius’sche Band kann man sich leicht bei Wikipedia ansehen. Bei dem nach dem Mathematiker Dirichlet benannten Stück wurde der Rhythmus nach einem Algorithmus komponiert, so klingts manchmal wirklich nach ‚Computermusik‘.
Aber was sollen die Titel, es zählt die Musik! Und die ist wirklich umwerfend. Trotz all der Power klingt sie manchmal melancholisch-sehnsüchtig - verloren in der Post-Moderne? Can you hear me, Major Tom?

- Die Bigband

Roman Sladek hat die Band 2014 mit Studenten der Hochschule für Musik und Theater München als Hausband im Münchner Club Rausch & Töchter gegründet, daher der Name. Nach der Schließung des Clubs ging es weiter im Technoclub Harry Klein, wo sie als Resident Bigband fungierte. Mit im Schnitt 120 Konzerten im Jahr ist sie inzwischen eine der erfolgreichsten Big Bands der Welt.

Leonhard Kuhn und Roman Sladek, geboren in den 80ern, haben schon viel erreicht. Kuhn ist in der Band für Gitarre, Live-Elektronik, Komposition, Arrangement zuständig, Sladek ist Bandleader und spielt Posaune. Neun Alben gibt es bisher, darunter die Weihnachts-CD Still! Still! Still!. Die Instrumentierung ähnelt der einer Jazz-Bigband: Reeds: 4 unterschiedliche Saxofone, Brass: 2 Trompeten, 2 bzw. 3 Posaunen, 1 Tuba; Rhythm: drums, percussion, Live-Elektronik, E-Bass, keyboard, guitar; es singt Patricia Römer (Besetzung s.u.).

- "Beethoven's Breakdown"

Nach ‚Bruckners Breakdown‘ (2016) geht es nun Beethoven an den Kragen, sicher nicht zufällig im Beethoven-Jahr:

Piano Sonata No. 14 in C sharp minor Op. 27 No. 2 ‘Moonlight’
ein klangvoller Titel, gemeint ist die Mondscheinsonate. Bläser intonieren sehr rhythmisch das Motiv, der Bass-Sampler setzt ein. Die triolische Interpretation des Einleitungsmotivs in Verbindung mit dem geraden Beat des „Unterbaus“ bewirkt ein besonderes Spannungsgefüge, Vocalisen der Sängerin Patricia Römer kommen dazu.

Symphony No. 7 in A major Op. 92 – II, Allegretto
ist ähnlich gestrickt. Ein langes rhythmisches Intro, dann ein sehnsüchtig klingendes Trompetensolo, da setzt zeitweise der Dauer-Puls des Samplers aus. Dann wieder Vocalisen, schließlich übernehmen Kontrabass-Klarinette und Tuba das Thema, tief ruhig und wuchtig.
Die vierteilige Sonata ist eine Komposition von Leonhard Kuhn. Die Sonate ist eine wichtige musikalische Gattung im Schaffen Beethovens, die Komposition hat aber keine direkten Bezüge zu eines seiner Werke. Das klingt am Anfang schon fast symphonisch, nicht mehr durchgängig Techno-orientiert. Im 2. Teil wird es funkig mit einem Solo von Nils Landgren. Das Largo im 3. Teil dagegen sehr langsam, gedehnt, im 4. Teil setzt der Puls wieder voll ein, in alter Frische kommt der Techno-Sound wieder an die Oberfläche.

Im String Quartet No. 14 in C sharp minor Op. 131 (in 2 Teilen)
sind mehrere klassische Elemente aufgenommen, Beethoven höre ich vor allem im 2. Teil heraus, manchmal klingts wie Fusion-Jazz in Verbindung mit Techno à la Ben Klock.
Das Album ist als Hommage an Beethoven als einen großen Komponisten zu verstehen, für den das Ausloten und Überschreiten musikalischer Grenzen ebenfalls ein künstlerisches Anliegen war.

- Technojazz: beyond Jazz – beyond Techno

Kombinationen des Jazz mit anderen Musikstilen gab es schon oft, z. B. im Fusion der 60er, im Acid-Jazz der 80er Jahre. Techno-Jazz ist neu. Was macht den Techno aus, was den Jazz?

Vom Techno hat die Musik den Groove, den durchgehenden, oft gnadenlos wummernden Beat. Da reicht die Bassdrum nicht, es geht nur elektronisch über einen Sampler. Solche ‚sturen‘ 4/4, kommen im Jazz gar nicht gut, sind im Techno aber wohl unverzichtbar. Dazu schnelles Tempo und hohe Lautstärke, da drängt alles nach vorne, nur die Sängerin nicht.

Denn diese muss nicht unbedingt vorne im Blickfeld sein, sie bleibt oft hinten in der letzten Reihe stehen. So bleibt die Band als Ganzes im Vordergrund und Vocalisen können als Klangflächen auch optisch im Hintergrund bleiben.

Vom Techno her kommt auch die Arbeit mit Patterns, wie man sie in der Minimal Music findet. Wenn man dadurch nicht gerade beim Tanzen in Trance gerät, kann das irgendwann auch ganz schön nerven, denn die Varianten der Motive sind nicht so ausgefeilt wie in der Neuen Musik.

Aber auch vom Jazz findet sich so allerhand. Äußerst komplexe rhythmisch-metrische Strukturen sorgen zwar für einen starken Flow, aber swingen tut’s hier kaum. Und auch Blues ist selten zu finden. Aber die Bläser-Sätze kennen wir aus dem Jazz. Sie sind oft rhythmisch stark akzentuiert und differenziert, können aber auch sehr melodisch und fast choralartig angelegt sein. Da kann sogar mal der Sampler aussetzen.

Viele Soli könnten gut auch zu einem Jazz-Stück gehören, da gibt es genug Beispiele, nicht zuletzt ein Nils Landgren passt da gut rein. Welche Rolle dabei Improvisationen einnehmen, ist schwer abzuschätzen, die Soli klingen oft durchkomponiert.

Die Band zeichnet sich durch ein recht hohes Anspruchsniveau aus, nicht nur in musikalischer Hinsicht. Bildungsinhalte aus der Klassik, Philosophie und Mathematik werden musikalisch und textuell aufgenommen.

Einflüsse anderer Musikrichtungen wie Funk, Trance-Musik, und House Musik finden sich ebenfalls. Doch nicht zuletzt gehört zum Technojazz auch die sehr ‚junge‘ Atmosphäre, auf und vor der Bühne. Hier herrscht Aufbruchstimmung, und es wird getanzt, wenn auch anders als zum Swing. Immer volle Power, mit über 100 Konzerten im Jahr ist das eine echte Herausforderung für die Band.

Fazit: Technojazz ist nicht dumpfe Maschinenmusik, kein Plattkopf-Gedröhne, sondern eine hochintelligente Musik, die zwei Stile zusammenführt. Der Techno bildet mit dem Groove die Basis, der Jazz in gewissem Sinne ‚aufgepfropft‘, also eher Jazz-Techno, aber wozu über Begriffe streiten? Like it or leave it, I like it!

Silvesterkonzert der Jazzrausch Bigband
Live at Harry Klein Club, München (2 Std.)

Reeds: Daniel Klingl (as), Moritz Stahl (ts), Frederik Mademann (ts), Florian Leuschner (bs) Brass: Julius Braun (tp), Angela Avetisyan (tp), Roman Sladek (tb), Ramona Schwarzer (tb), Jutta Keeß (tuba) Rhythm: Marco Dufner (dr), Samuel Wootton (perc), Leonhard Kuhn (electr, comp), Georg Stirnweiß (b), Thomas Kölbl (keys), Heinrich Wulff (git), Patricia Römer (voc)

Jazzrausch Bigband

Dancing Wittgenstein
Label: ACT, 2019
Bestellnummer: 9417900

Beethoven's Breakdown
Label: ACT, 2020
Bestellnummer: 9649883

Im März ist das neue Album Téchne erschienen. Wir werden dazu demnächst eine Rezension veröffentlichen.