Interview

Jazz and beyond Interview |

Lukas Keller und seine Band Bört

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Lukas Dimmler

Köln, 23.06.2021 | Lukas Keller, Bassist, Komponist und Bandleader der Gruppe BÖRT war zu Gast in der Sendung Jazz and beyond mit Uwe Bräutigam im Internetradio 674fm und hat seine neue CD Hana vorgestellt. Das Interview wurde am 13.6.21 gesendet.

Sakura, Sakura (Kirschblüte) von Stanley Clarke. Dieses japanische Volkslied ist so etwas wie die inoffizielle populäre Nationalhymne mit der etwas klischeehaft Japan gerne dargestellt wird.

Die Band Bört, die auch von einem Bassisten geleitet wird, von Lukas Keller, hat Ende Mai ein Album herausgebracht, das auch einen japanischen Titel hat: Hana – Blume oder Blüte. Lukas Keller ist heute zu Gast bei Jazz and beyond auf Radio 674fm.

Hallo Lukas, ich freue mich, dass Du zu uns ins Studio gekommen bist.

Lukas Keller: Vielen Dank für die Einladung.

Wir hatten vor ein paar Wochen die Flötistin Conni Trieder zu Gast im Studio. In ihrem Trio spielst Du als Bassist mit und hast einen gehörigen musikalischen Beitrag zum Album Brot und Salz des Connie Trieder Trios geleistet. Nun ist Hana, Deine erste CD als Leader, herausgekommen, wie fühlt sich das für Dich an?

Lukas Keller: Es fühlt sich natürlich toll an, dass das Album jetzt da ist. Es ist ja immer eine ganze Strecke, die man bis zur Veröffentlichung zurücklegt. Und dieses und letztes Jahr waren durch die Situation auch sehr speziell. Wir haben das Album noch ganz kurz vor dem Pandemiebeginn in Deutschland aufgenommen, Ende Februar. Gemischt haben wir schon über Video Konferenz mit dem Tontechniker Christian Heck. Die ganze Arbeit, die man nach der Aufnahme noch zu tun hat, hat in diesem verrückten Jahr stattgefunden. Es ist natürlich schön, dass das Album nun da ist, diese Etappe ist genommen.

Es ist auch ein guter Zeitpunkt. Jetzt geht es wieder mit Live Konzerten los und ihr seid nun direkt mit einem neuen Album am Start.

Du hast eine Band mit einer großartigen Musikerin und Musikern, mit denen Du zusammen spielst. Wir hatten aus Deiner Band Theresia Philipp hier auch schon als Gast in der Sendung. Erzähl uns doch ein bisschen über Deine Band und wie ihr so zusammenarbeitet. Was habt ihr für einen Stil?

Lukas Keller: DieFrage nach dem Stil ist von mir selber sicher schwer zu beantworten. Ich kann ja etwas über die Gründungsgeschichte erzählen. Im Endeffekt ist es die Abschlussband meines Studiums 2016. Am Ende gibt es ja auch ein Abschlusskonzert. Ich habe auch schon mit Jonathan Hofmeister am Klavier und Jan Philipp am Schlagzeug im Trio gespielt. Dann habe ich Theresia Philipp an Saxophon und gelegentlich auch Klarinette dazugeholt. Diese Band hat sich von Anfang an gut angefühlt. Theresia und Jan sind übrigens nicht miteinander verwandt.

Was ich mit Stil meinte, ist Euer Arbeitsstil. Bringst Du die fertigen Kompositionen mit oder improvisiert Ihr über ein paar musikalischen Ideen und daraus entsteht etwas?

Lukas Keller: Die Zusammenarbeit basiert natürlich aufeinem Konsens, was eine bestimmte Spielhaltung angeht und das ist ja elementar für eine funktionierende Band. Die Kompositionen kommen im Moment größtenteils von mir. Auf der Platte ist ein Stück von Jonathan Hofmeister mit dabei: Cohen Brothers. Die anderen Stücke sind alle von mir.Bört ist schon meine Band.

Gut, ich bin Bassist, ich habe traditionell eine bestimmte Rolle in der Musik. Mir ist es aber wichtig, dass ich mich nicht als der Solist dieser Band verstehe. Ich lege Wert darauf, dass wir als Band gut klingen.Mir ist wichtig dass wir kollektiv und homogen funktionieren und gleichzeitig aber diese Reibung, dieses Feuer entsteht, dadurch das wir eben vier ganz individuelle Musiker sind, die alle ihre eigene Klangsprache mitbringen und dann zu einem verschmelzen. Das hat für mich etwas von Energiepolen, die dann Spannung erzeugen.

Ja, wir wollen in die CD hineinhören. Wir hören nun Hana, das Titelstück der CD.

Lukas, wie bist Du zu dem Stück Hana gekommen und vor allem zu diesem für Köln etwas ungewöhnlichen Titel?

Lukas Keller: Der Titel ist Japanisch, wie du vorhin schon erwähnt hast. Das hat den Hintergrund, dass meine Lebensgefährtin, meine Freundin, Japanerin ist. Sie ist zwar in Deutschland aufgewachsen, aber hat japanische Wurzeln. Über sie und ihre Eltern habe ich von der japanischen Kultur einiges mitbekommen. Ich war auch schon in Japan und hätte auch letztes Jahr, nicht mit Bört sondern einer anderen Band, dort gespielt, was wegen der Pandemie dann ausgefallen ist.

Hana ist eins der wenigen Worte, die ich auf Japanisch kann, ich sollte viel mehr sprechen können. Hana bedeutet Blume oder Blüte. Mit den Titeln ist immer so eine Sache. Manchmal hat man schon von Beginn an eine Idee oder Assoziation, oder während man die Musik schreibt. Oft aber kommt die Idee erst hinterher. So geht es mir sehr oft. Vielleicht habe ich das Stück schon zwei- oder dreimal gespielt bis ich ein Gefühl dafür bekomme, warum es da geht und dann entsteht ein Bild, das für mich dazu passt. Hana ist dann letztendlich auch der Titel der CD geworden und ist das erste Stück auf dem Album.

Lukas, wie bist Du auf Dein Instrument, den Kontrabass, gekommen? Über die Klassik?

Lukas Keller: Nein, tatsächlich über den “anderen Weg“. Ich habe vorher E-Bass gespielt. Allerdings auch komplett autodidaktisch, so garagenbandmäßig. Ich habe das so mit 11 oder 12 angefangen und bin dann, unter anderem auch durch CDs von meinem Vater, in Richtung Jazz gegangen. Habe angefangen mich dafür zu interessieren und habe mir dann einen Kontrabass ausgeliehen und damit herumprobiert. Später mit 15-16 habe ich dann Unterricht genommen. Das war mein Weg, die Klassik kam dann später bei mir dazu.

Wir haben eben Stanley Clarke gehört, der “auch“ über den E-Bass kam und dann den Kontrabass für sich entdeckt hat. Welche Bassisten magst Du gern?

Lukas Keller: Das ist schwierig zu beantworten, dann es gibt wahnsinnig viele gute Bassisten. Und dann ist es so, dass einen phasenweise auch unterschiedliche Musik besonders beschäftigt und berührt. Ich habe eine ganze Zeit sehr viel Charlie Haden gehört, der war für mich sehr wichtig, dann Scott LaFaro. Im Moment Thomas Morgan. Aber es gibt einen riesigen Pool von Musikern, allein hier in Köln leben über 50 arbeitende professionelle Jazz Bassisten, die sich wahnsinnig viel gegenseitig inspirieren.

Wir wollen nun den nächsten Titel Nach Norden aus Deinem neuen Album spielen. Kannst Du uns dazu etwas sagen?

Lukas Keller: Nach Norden ist eins der älteren Stücke, die auf das Album gekommen sind. Ein Stück, das wir schon zu Beginn unserer Zusammenarbeit erarbeitet haben. Es ist ein eher energetisches Stück, das auch live sehr gut funktioniert. Es ist ein bisschen Wayne Shorter inspiriert. Nach Norden ist eine Assoziation von mir, irgendeine Himmelsrichtung, ein Gefühl von Aufbruch.

Du erwähnst gerade, dass dieses Stück live gut funktioniert. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich es ausgewählt habe. Ich habe euch ja live schon einige Male gehört und da habt ihr dieses Stück natürlich gespielt.

Lukas, Du bist Jazz Bassist, welche Musik außer Jazz hörst Du noch, Klassik, World?

Lukas Keller: Ach ja, soviel. Im Moment höre ich ein Duo Album von Edgar Meyer, ein amerikanischer Bassist, mit Chris Thile[Mandoline]. Ein bisschen countrymäßig, aber mit einem ganz eigenen megageschmackvollen Stilmix, schon einwenig wie Neue Musik, Klassik angehaucht mit Country Elementen, Blue Grass. Das finde ich zur Zeit spannend.

Das wäre meine weitere Frage, welche Stücke hörst Du im Moment gerne. Im Indie Bereich habe ich immer die Frage gestellt: Was läuft gerade auf Deinem Iphone?

Lukas Keller: Heute auch nicht mehr, da heißt es: Was ist in Deiner Playlist? Edgar Meyer auf jeden Fall und tatsächlich auch Punch Brothers, die Band des Mandolinisten Chris Thile. Ich habe viele Songs von Gabriel Kahane gehört, ein amerikanischer Komponist, er schreibt viel zeitgenössische klassische Neue Musik, aber in einem ganz eigenen Stil. Im Prinzip sind das alles Songs, mittlerweile singt er auch viel. Er war vor zwei Jahren auch in Köln. Vor allem die Klavier Platte, Book of Travellers, sein letztes Album, gefällt mir gut. Im dem Jahr [2016] in dem Trump gewählt wurde hat er sich in einen Zug gesetzt und ist mehrere Wochen durch Amerika gefahren, um zu begreifen, wie das passieren konnte. Er wollte sein Land neu kennen lernen und auch mit den Menschen zu reden. Daraus ist dann eine Platte entstanden. Die habe ich gerade auf meiner Playlist. Eine gute Überleitung zum nächsten Stück.

Ja, in der Tat eine gute Überleitung zum nächsten Stück aus der Bört CD Hana. Ich habe West-Highland Line ausgewählt, das klingt nach einer Zuglinie in Schottland.

Lukas Keller: Ja, genau. Das ist eine Zuglinie in Schottland, die durch die Highlands geht und zwar teilweise wirklich einspurig, eingleisig. Die Züge fahren nur wenige Mal am Tag und wenn man Pech hat, an diesem Tag gerade nicht oder nur in die andere Richtung. Man kommt da an seltsame Orte. Ein Ort war eigentlich nur ein Bahnhof, inmitten der Natur und den Hügeln. Da war nichts wirklich gar nichts. Wir waren da in Urlaub und nach einer halben Stunde Fußweg, kamen wir an einen See und da war eine Jugendherberge, sonst war dort gar nichts. Und von dieser Stimmung inspiriert habe ich dann das Stück West-Highland Line geschrieben.

Was sind Deine bzw. Eure Pläne für die nächste Zeit. Es ist ja, wie Du eben sagtest, eine sehr spezielle Zeit, die hinter uns liegt und in der wir auch irgendwie noch darin sind.

Lukas Keller: Ja, besonders das Letztere. Als Musikliebhaber*in und Hörer*in hat man nicht immer auf dem Schirm, das die Konzertplanung immer einen Vorlauf hat. Wir hatten jetzt ein Release Konzert im Loft mit Nils Wogram als Gast, das war sehr schön. Der Stream ist sogar noch auf Youtube, den kann man sich noch anschauen. Das hat für uns gut funktioniert. Wahrscheinlich wird es in der nächsten Zeit einige Verzögerungen geben, bis wir wieder richtig ins Spielen kommen. Denn es wollen nun alle wieder auf die Bühne, das wird auch passieren, aber einwenig Geduld ist gefragt. Dann wollen wir natürlich die CD präsentieren und dann kommt die nächste Platte, so geht es dann weiter.

Eine Frage habe ich gar nicht gestellt, die ich sonst gerne am Anfang stelle. Kommst Du eigentlich aus Köln? Die meisten Musiker*innen kommen ja gar nicht aus Köln.

Lukas Keller: Ne, ich komme auch nicht aus Köln, ich komme aus Aschaffenburg, also Grenze Bayern.2011 bin ich zum Studium nach Köln gekommen, seitdem bin ich Kölner.

Vielen Dank Lukas, dass Du zu Jazz and beyond im Radio 674fm ins Studio gekommen bist. Ich wünsche Dir und Deiner Band alles Gute, vor allem viele Möglichkeiten wieder live zu spielen. Wir freuen uns Euch wieder auf der Bühne zu erleben.

Lukas Keller: Danke.

Link zum Konzertbericht BÖRT 2018 im LOFT:

https://www.nrwjazz.net/jazzreports/2018/Boert_im_LOFT/