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Essen, 07.10.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: André Symann

Zehn Ausgaben, einst sieben, heute fünf Kuratorinnen und 2025 der Deutsche Jazzpreis als „Festival des Jahres“: Das Essener PENG Festival feiert Jubiläum. Am Samstagabend im Maschinenhaus stehen drei Konzerte nebeneinander, so verschieden wie drei Planeten: Zola Mennenöhs seidig-fragile Kammersongs, das aberwitzige Zwiegespräch von Fabiana Striffler und Aki Takase, der Groove von SO SORRY. Zusammen zeigen sie, was Pluralität bei PENG bedeutet: Gegensätze aushalten und ihnen einen gemeinsamen Raum geben.

Auf der ebenerdigen Bühne stehen Sträuße. Das Licht ist warm. Voll ist es, das gehört bei PENG fast schon zu den Naturgesetzen. Junge Leute und Ältere, Stammgäste der ersten Stunde, alle bestens gelaunt, bevor überhaupt ein Ton erklingt. Freude liegt in der Luft, und am breitesten strahlen die Gastgeberinnen.

Zehn Jahre also. Genauer: zehn Ausgaben seit der ersten im März 2016, eine hat Corona gefressen. 2021 kam der Ehrenpreis des WDR Jazzpreises, im vergangenen Jahr dann die große Auszeichnung. Vom 2. bis 4. Oktober 2026 spielten am Freitag Ruji, SVM3 und die Carla Köllner Big Band, am Sonntag folgten ein Workshop über Muster von Machtmissbrauch in Kunst und Kultur und ein Kinderkonzert. Der Samstag versammelte drei Acts, die auf den ersten Blick erstaunlich wenig miteinander zu tun haben. Auf den zweiten eine ganze Menge.

Eisberg aus Seide

Zola Mennenöh, pendelnd zwischen Kopenhagen und Berlin, eröffnet mit dem Programm ihres zweiten Albums „A Labour of Love“, erschienen im November 2025. Sie singt, bedient Elektronik, Sampler und Perkussion, an ihrer Seite Elisabeth Klinck (Geige), Emily Wittbrodt (Cello), Kathrin Pechlof (Harfe), Ginte Preisaite (Klavier, Elektronik) und Phil Donkin (Kontrabass). Aus hauchzartem Gesang, gesprochenen Passagen, schwebenden Streichern, Harfe, Klavier und fein gesetzten elektronischen Texturen entstehen fragile, atmosphärisch dichte Stücke, die sich klassischen Songformen immer wieder entziehen. Kunstlied, zeitgenössische Kammermusik, Improvisation, experimenteller Pop: Alles klingt an, nichts setzt sich fest. Die Mischung aus Akustik und Elektronik hat etwas eigentümlich Schwebendes, stellenweise fast Filmisches.

Die Songs lassen sich Zeit, sehr viel Zeit, und genau daraus ziehen sie ihren Sog. Pausen bleiben stehen, Töne dürfen verglühen. Geige und Cello legen Flächen unter die Stimme, Pechlof setzt mit der Harfe Figuren dagegen, die mitunter eine überraschende Rauheit annehmen und dem Gesang Reibung geben. Das Klavier tastet. Und biegt harmonisch genau dort ab, wo man sich gerade bequem eingerichtet hatte. Mennenöh selbst nennt ihr Album einen Eisberg aus Seide. Für diesen zweiten Festivalabend ist das ein Auftakt, leise wie ein Atemzug und doch bestimmt.

Im Jahr des Hasen

Dann das Konzert des Jahres, und das darf man ohne Weiteres so sagen. Fabiana Striffler, Berliner Geigerin, trifft auf Aki Takase, 1948 in Osaka geboren, seit 1987 in Berlin, Weggefährtin von Lester Bowie, John Zorn und Alexander von Schlippenbach. In diesem Jahr hat der Deutsche Jazzpreis sie für ihr Lebenswerk geehrt, als eine prägende Stimme des zeitgenössischen Jazz. Ihr Duo heißt „Capriccio“. Beide kommen aus der Klassik, heißt es in der Ansage, und beide haben sich längst zwischen allen Lagern eingerichtet. Beim PENG Festival agieren zwei Forscherinnen mit viel Humor, ständig auf der Suche nach der nächsten Grenze, die sich einreißen lässt.

Takase greift in den Flügel, als wäre er ein Schlagzeug. Cluster, Splitter, Kanten, irgendwo im Hintergrund zwinkern Strawinsky und Co. Striffler singt auf der Geige dagegen, lyrisch, dann plötzlich mit rauem Kratzen, als schneide sie der eigenen Melodie das Wort ab. Dahinter steht eine unbändige Liebe zu ihrem Instrument, die aus jeder Phrase spricht. Beide Musikerinnen haben die Musikgeschichte tief eingesogen, und was jetzt herauskommt, gehört ihnen. Frage, Antwort, Gegenfrage, in einem Tempo, bei dem selbst ein einzelner Ton zum Ereignis wird. Takases linke Hand gräbt sich in die Basstöne, das Duo swingt, als wäre das die normalste Sache der Welt. Später schwebt ein „Raumschiff über Nusa Penida“ durch den Saal, benannt nach einer Insel vor Bali, und tatsächlich klingt das nach Gamelan, nach Metallophonen und feuchter Tropenluft. Woanders verhaken sich zwei Stimmen kontrapunktisch, ein Choral schält sich heraus, steht kurz da wie ein Denkmal und zerbröselt in freier Improvisation.

Eine Geschichte gibt es auch. Ein Stück, das Striffler nach dem Kennenlernen für Takase schrieb, trug lange nur eine Widmung: für dich. Takase fragte trotzdem jedes Mal nach dem Titel. Bis er ihr eines Tages selbst einfiel, wie ein Geistesblitz: ein japanisches Wort für Hase. Kurz darauf erfuhr Striffler, dass sie im Jahr des Hasen geboren ist.

Dazwischen: Schönheit, fast unverschämt sentimental, jedes Mal nur für einen Wimpernschlag. Eine innig gesungene Geigenlinie, ein warmer Takase-Akkord, und schon kippt alles. Sekunden später ist dieser kammermusikalisch verdichtete Improvisationsdialog bereits ganz woanders: Kantige Klavierattacken, lyrische Geigenlinien, Geräusch, Melodie und musikalischer Aberwitz wechseln ständig die Seiten. Experimentell und dabei sinnlich bis in die Fingerspitzen ist das. Zwei Generationen, zwei Instrumente, eine einzige, hellwache Neugier. Waren das wirklich nur 38 Minuten?

Ein großer Dank 

Vor dem letzten Set greifen die Kuratorinnen zum Mikrofon. Ein langer Dank, aufrichtig, wie es sich für Jubiläen gehört: an Produktionsleiterin Sophie Anton, an zahlreiche Helferinnen aus Wuppertal, an die Künstlerinnen, an ein Publikum, das seit zehn Jahren wiederkommt. Dann wird es spitzer. Die Förderlage sei angespannt, dazu ein Seitenhieb auf die Verhältnisse, unter denen Formate wie dieses überleben müssen. Auf der Förderliste stehen Kulturministerium NRW, Kunststiftung NRW, Regionalverband Ruhr, Kulturbüro Essen und die Sparkasse.

Barbara Barth , Marie Daniels , Maika Küster und Mara Minjoli blicken auch zurück. Am Anfang stand eine Mail. Man traf sich, redete, schmiedete Pläne, und irgendwann fiel zum ersten Mal das Wort Festival. Förderanträge, Festivalorganisation, das waren damals böhmische Dörfer, erzählen sie. Doch sie haben es sich beigebracht, Jahr um Jahr, und irgendwann auch gelernt, Arbeit abzugeben.

Mit Schwung geht es in den dritten Act des Abends. SO SORRY ist ein Berliner Quartett mit Zuza Jasinska (Gesang), Käthe Johanning (Keyboards), Shanice Ruby Bennett (E-Bass) und Lenny Rehm (Schlagzeug), gegründet 2023. Musicboard-Stipendium, Sparda Jazz Award, Junger Münchener Jazzpreis, im Januar die Debüt-EP „We Are So Sorry“. Der Bandname ist ein ironisches Augenzwinkern: Diese vier nehmen sich ihren Raum, und zwar mit Nachdruck.

Nach Takase und Striffler überhaupt noch mit irgendetwas anzuknüpfen, gleicht einer dramaturgischen Quadratur des Kreises. SO SORRY lassen den Groove nach vorne losgehen. Bass und Schlagzeug treiben mit gelassener Geduld, die Keyboards weiten das Klangbild, darüber pendelt Jasinskas Stimme zwischen Verletzlichkeit und Selbstbehauptung. Die Texte, soweit sie sich im Saal erschließen, kreisen um Selbstzweifel, um Kontrolle und ihren Verlust, um die Frage, was richtig ist und was falsch. Ein trotziger Refrain lädt zum Mitsingen ein. Contemporary Jazz, R’n’B, UK-Jazz und Alternative Pop reiben sich produktiv aneinander. Jazzaffine Popmusik mit Haltung, aber auch mit viel Pose, aus vertrauten Mitteln gebaut und eigensinnig verpackt. Als Überleitung zur Party gelesen, fügt sich das Set dennoch stimmig in die Dramaturgie des Abends. Dann zieht es alle hinaus. Sekt und Kuchen stehen bereit, bald wird eine Feuerschale entzündet. So feiert ein Festival, das aus einer einzigen Mail entstanden ist. Auf die nächsten zehn Jahre!

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