Festivals in NRW

​Dieses indoor open air hatte große Klasse! |

JOE-Festival 2021

Text & Fotos: Stefan Pieper

Essen, 01.09.2021 | „Wir machen vor allem die Musik, die uns gefällt“, beschreibt Patrick Hengst von der Jazz-Offensive Essen die Formel für das „JOE-Festival“. Was eben immer auch heißt, dass sich viele Konzerte direkt aus aktuellen Projekten der beteiligten Künstlerinnen und Künstler nähren. Manchmal herrscht sogar Personalunion zwischen Kurator und Musiker. So etwas sorgt für Kollektivgeist, womit das Festival immer wieder ein denkbar unmittelbares Fenster direkt in die Szene hinein öffnet.

Seit neuestem ist übrigens der vielseitige Saxofonist, Improvisator und Konzeptionskünstler Florian Walter die zweite Hälfte im künstlerischen Leitungs-Duo. Auch das wirkte sich bei der aktuellen, sommerlichen Ausgabe sehr unmittelbar aus. Das JOE Open-Air 2021 ist ein organisatorischer Kraftakt genug gewesen - umso mehr, wo das eigentliche open air Event kurzfristig noch nach indoor verlegt werden musste. Bizarre Randnote: Bis vor wenigen Tagen wäre es gar nicht erlaubt gewesen, eine Veranstaltung mit mehreren Konzerten als "Festival" zu bezeichnen, wohl aber als open air. (Also sollten wir hier lieber von einem indoor-open-air reden, bevor hier noch die Behörde mitliest...)

Egal, wie wir es nennen: Drei Abende lang gab es kreative, mit Herzblut erdachte, mit immenser Leidenschaft gespielte Musik - die sich im übrigen überhaupt nicht darum schert, in irgendeine kommerziell oder medial fassbare Schublade, ein „Genre“, wie es immer so schön heißt, zu passen.

Das traf alles schon zu auf die Band "Wir hatten was mit Björn" um die Sängerin Maika Küster, diesmal mit einer Neubesetzung in Gestalt von Caris Hermes am Bass. Wunderbar, wie sich hier die Spiellust und Instrumentenbeherrschung des Jazz in ein Singer-Songwriter-Pop-Format einschleicht, woraus souveräne Qualität und ehrliche Aussage entsteht.

Was passieren kann, wenn man der aufgestauten Spiellust und vorhandener Energie keinerlei Limit auferlegt, zeigte danach das Trio „Maelstrom“. Ja, diese Band klingt so, wie sie heißt - aber inmitten der kraftstrotzenden improvisierten Duelle stehen subtil ausgefuchste komponierte Prozesse zwischen Florian Walter, Saxofon, Jo Beyer, Schlagzeug und Axel Zajac mit seine „abgesägten“ E-Gitarre, die so unendlich viel mehr als nur Heavy Metal (den allerdings auch wunderbar) kann. Freejazz meets Metal, könnte man sagen, aber das Koordinatensystem in den Stücken reicht endlos weiter - der Spaßfaktor vor und auf der Bühne war immens!

Die Szene-Verwurzelung bei diesem Event ist das eine, die internationale Ausstrahlung durch ausgewählte Gastspiele ein anderer Aspekt, der in Essen viel mehr Publikum rechtfertigen würde. Mit dem Trio Cranes, bestehend aus Matthias Müller, Eve Risser und Christian Marien, Schlagzeug bereicherte eine brandneue deutsch-französische Formation das Festival (jetzt ist dieses Wort doch mal herausgerutscht...)

Ebenso brandaktuell und exklusiv konnte ein norwegisches Ausnahme-Trio um den Schlagzeuger Thomas Stroenen gewonnen werden - ihre Sache ist eine sphärisch-getragene Interaktion voller Rätsel und Klangsinnlichkeit nicht ohne eine gehörige Portion legendärem ECM-Sound.

Zum Finale vereinten sich nochmal alle Komponenten miteinander -einen überaus kraftvollen Beitrag, der die Szenen von Essen und Berlin vereint, ebenso eine vielbeachtete Großformation, die - ebenfalls von NRW ausgehend- längst ein internationales Format auf der Bühne versammelt. Zunächst „DJ Illvibe meets Handsome couple“: Mit Simon Camatta erleben wir einen der energetischsten, präzisesten Schlagzeuger, der hier in messerscharf getakteten, repetitiven Strukturen Bass- und Snaredrum zum Glühen und das Hihat zum Zischen bringt. Stoisch-präzise, mechanisch, aber ingesamt doch nicht so technisch-unterkühlt wie bei Jaki Liebezeit. Einen Banjospieler als Partner würde man hier wohl nicht vermuten - aber St.Kirchhoff sorgt mit seinen Loops und Blues-Zitaten dafür, dass die wohl denkbar coolste Mucke dabei heraus kommt. Immer mit tanzbarem Groove, (gilt eigentlich das Tanzverbot immer noch?) zuweilen schwer hiphop-lastig, manchmal fast technomäßig. Aber eben mit beseelten Zwischentönen. DJ Illvibe aus Berlin zieht derweil alle Register eines handwerklich brillanten Turntablism, wenn eine ganze kleine Vinylsammlung zitathaft ins Spiel bringt - und dabei auch mal so manches Jazz-Solo, für das hier kein Musiker auf der Bühne stehen braucht, durch beherztes Scratching noch maßgeblich "verbessert".

Ein solches Umfeld von Spiellust und kreativer Offenheit erwies sich dann auch als würdiger Rahmen für eine Liveaufführung von Luise Volkmanns Gruppe „Ete Large“, wofür 13 Musikerinnen und Musiker aus zahlreichen europäischen Ländern erstmal zusammen kommen mussten. Und schon nimmt sie wieder Fahrt auf, diese schillernde, kraftvolle Rock-Oper - denn als solche muss man Luise Volkmanns dramaturgisch durchkonzipierten Stücke in ihrer Gesamtwirkung bezeichnen. Am Anfang stand der Wunsch, Songs über das Älterwerden, über die Prägung durch ihre Eltern und vor allem über eine notwendige Rückbesinnung auf den Geist der 1968er Bewegung zu schreiben. Heraus gekommen sind großartige kompositorische Bögen mit radikalen Schnitten und einer riesigen Souveränität in der Beherrschung musikalischer Strukturen von Punk über Freejazz bis hin zu Sinfonik und Oper und innerhalb die einzelnen Bandmitglieder immer wieder zu Charakterdarstellern wurden. Das Konzert auf dem Moers-Festival im letzten Jahr wirkte fragiler und vorsichtiger. Die Neuauflage in Essen hat deutlich mehr Wucht. Aber auch hier sind ja auch Energien geballt vorhanden, die wieder hinaus wollen. Was sich umso mehr in der Zugabe zeigt, als „Ete Large“ noch einmal die Opener-Nummer spielt - die sich zum Abschluss dieses open-Air-Events im geschlossenen Raum noch rebellischer gebärdet.