Interview

Jazz im Hallenbad |

Besuch bei einem engagierten Kreativnetzwerk

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker | Fotos: Go Between, Patric Siewert, Heinrich Brinkmöller-Becker

Herne, 23.03.2021 | In Wanne-Eickel – die Zuordnung als Stadtteil von Herne hört man dort nicht sehr gerne – gibt es einen kleinen, aber feinen Ort, der als Galerie, als Projektbüro, als Treffpunkt und Basis für ein Kreativnetzwerk dient. Und als Schau-Fenster für den Jazz: das Hallenbad. Heinrich Brinkmöller-Becker hat sich dort mit Stefanie Thomczyk und Patric Siewert getroffen. Stefanie Thomczyk ist Geschäftsführerin der Go Between GmbH und Projektmanagerin, Patric Siewert Bassist und Jazzmusiker, beide geben Auskunft über die Hintergründe von dem, was es mit dem Ladenlokal in der Wanner Innenstadt auf sich hat, das sich im Rahmen der Initiative wanne.2020plus als Projekt der kulturellen Stadtteilentwicklung versteht. Ein schönes Beispiel für die Nutzung von kleinflächigen Leerständen in Innenstädten, inmitten von rund 30 bereits im Stadtteil befindlichen Kreativunternehmen wie Ateliers, privatem Theater, Kultureinrichtungen und Anbietern aus der Kreativwirtschaft!

Jazz im Hallenbad - Muss man sich Konzerte in Badehose vorstellen?

Stefanie: Leider ist bei uns kein Wasser, dafür baden wir aber mit viel Kunst und Kreativität in der Menge Gleichgesinnter. „Hallenbad“ heißt unser Ladenlokal in der Heinestraße und ist der Treffpunkt für das Kreativ.Quartier Wanne in Herne. Das wirkliche Schwimmbad „Hallenbad“ steht in Wanne-Süd und soll abgerissen werden. Wir haben, als es geschlossen wurde, uns das tolle Neonschild aus den 50iger Jahren gesichert, das prangt jetzt über unserer Eingangstür. Ein weiterer Name wäre komisch gewesen. Darüber hinaus haben wir - die Kreativen aus Herne - die stille Hoffnung, dass das alte Hallenbad nicht abgerissen, sondern seiner nachhaltigen Nutzung zugeführt wird. Das Hallenbad-Schild erinnert täglich daran.

Wie sind die Rahmenbedingungen für die Jazz-Reihe? Wer organisiert, macht das Programm? Bekommt ihr eine Förderung?

Patric: Ich bin der alleinige Veranstalter der Jazzreihe und verantwortlich für die Bands, Organisation und Umsetzung. Ich bin „Ladenlokal-Besitzer auf Zeit“, wenn ich die Konzerte im Hallenbad durchführe. Stefanie Thomczyk hilft mir als Netzwerkerin im Auftrag der Herne.Business bei der Betreuung und Öffentlichkeitsarbeit. Förderung bekomme ich manchmal über das Kulturbüro der Stadt Herne oder über die Kulturinitiative Herne e.V. (KIH). Aber das sind nur Zuschüsse und decken nicht die gesamten Kosten.

Stefanie: Das Ladenlokal ist von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Herne (Herne.Business) angemietet und wird kostenlos an Nutzer aus der Kreativwirtschaft abgegeben. Man ist sozusagen Ladenlokalbesitzer auf Zeit. Es ist eine Art Experimentierraum, um eigene Ideen und Projekte auszuprobieren und auf dem Markt zu testen. Unterstützung und Beratung für Gründungsideen gibt zusätzlich das Startercenter der Herne.Buisness. Ich selbst bin mit meiner Agentur Go Between GmbH als Projektmanagerin im Auftrag für das Kreativquartier und Ladenlokal tätig.

Seit wann gibt es diese Einrichtung?

Stefanie: Seit Juli 2017 haben wir das Hallenbad geöffnet. Die Jazzreihe gibt es seit Ende 2019 und findet in der Regel einmal im Monat statt. Immer am 2. Montag im Monat ab 20.00 Uhr, sei es als Konzert vor Ort oder als Livestream.

Habt ihr einen bestimmten Schwerpunkt, eine stilistische Ausrichtung?

Patric: Die Konzertreihe „Jazz im Hallenbad“ steht für moderne zeitgenössische Jazz-Musik. Die Besetzung ist in der Regel klein, meistens handelt es sich um ein Trio oder Duo, aber auch mal nur um eine Solobesetzung.

Was kannst du zu eurem Publikum sagen?

Patric: Wir haben ein treues und begeistertes Publikum. Meistens schauen uns 10-20 Jazzliebhaber*innen zu.

Welche Kooperationen habt ihr? In welche Netzwerke seid ihr eingebunden? Was erwartet ihr, wünscht ihr von solchen Netzwerken?

Patric: Ich nutze meine persönlichen Kontakte, die ich mir seit ca. 20 Jahren in der Jazzmusik-Szene erarbeitet und erspielt habe.

Stefanie: Mit dem Hallenbad und dem Kreativquartier sind wir Teil des Netzwerkes Kreative.Quartiere Ruhr, das sich durch die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 entwickelt hat. Damit sind wir auch in Förderprogramme des Landes NRW eingebunden, zuletzt mit einer erfolgreichen Bewerbung in das Programm #heimatruhr des NRW-Heimatministeriums. Hier starten wir im Frühjahr/Sommer noch das Projekt „Freiraumluxus für Kreative“, Patric ist mit einer Aktion auf dem Wochenmarkt vertreten. Zudem sind wir Teil des Herner Stadtentwicklungkonzeptes wanne2020plus.

Welche Unterstützung brauchtet ihr darüber hinaus am dringendsten?

Patric: Die finanzielle Unterstützung ist sehr wichtig. Die sehr guten Musiker*innen, die wir im Hallenbad hören dürfen, spielen oft ohne Gage, da die kleinen finanziellen Förderungen schnell verbraucht sind.

Gibt es ein Programm im Lockdown? Wie setzt ihr das um?

Patric: Unseren ersten Livestream hatten wir im Mai 2020. Das war eine Menge Arbeit, das ganze Equipment zusammenzustellen und uns erstmals da einzuarbeiten. Kamera, Mischer, Micros, Software, Laptop etc., von überall mussten wir uns die Einzelteile zusammensuchen und uns beraten lassen. Seit dem 2. Lockdown sind wir wesentlich professioneller geworden und das Ladenlokal sieht jetzt aus wie ein Aufnahmestudio.

Stefanie: Die Nutzer machen das Beste draus und nutzen das Hallenbad als geschlossenen „hinter Glas“-Arbeitsraum, -Atelier und -Werkstatt oder machen eine Schaufensterausstellung. Wir haben zum Glück eine tolle Schaufensterfront, dahinter lässt sich auch in Coronazeiten gut musizieren, malen oder einem kreativen Handwerk nachgehen. Ansonsten werden Formate über Facebook und YouTube übertragen oder Gesprächsrunden über Skype abgehalten. Bisher hat alles toll geklappt! SAT1 NRW war sogar im Lockdown bei „Sound and Art“ zu Gast und hat gefilmt.

Und was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Patric: Musik machen, Musik machen, Musik machen! Am liebsten wieder vor Publikum.

Stefanie: Dass wir wieder so zusammen sein können wie vor Corona. Aufeinander Acht geben, weiterhin viel Lust und Spaß daran haben, das Kreativ.Quartier Wanne zu entwickeln, ein lebendiges Quartier für die Wanner Innenstadt.

Kreativ.Quartier Wanne | Hallenbad | Heinestraße 1 | 44649 Herne-Wanne

Tel.: 02325/940 5901

E-Mail: info@kreativquartier-wanne.de

Weitere Informationen:

https://www.facebook.com/KreativQuartierWanneHallenbad

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