CD-Besprechung

Heiner Rennebaum Doppelquartett |

Bebop Bizarre

Text: Stefan Pieper

Düsseldorf, 03.08.2021 | In seinem Doppelquartett vereint der Düsseldorfer Gitarrist Heiner Rennebaum ein Streichquartett mit einer Jazzcombo. Das aktuelle Album Bebop Bizarre wirkt bei aller Abenteuerlust in bestem Sinne klar und fokussiert.

Was für eine mächtige, mitreißende Produktion: Das Heiner Rennebaum- Doppelquartett ist keine - im freien Jazz- durchaus übliche klassische "Double-Band", wo eine Combo-Besetzung "mal zwei" genommen wird. Stattdessen ergänzen sich hier zwei Instrumentengattungen und ergänzen sich zur symbiotischen Interaktion. Da ist einmal die druckvolle verlässliche Bandchemie im Jazz-Quartett-bestehend aus Jan Klare als expressivem Sax-Spieler und dem Bandleader Heiner Rennebaum selbst, welcher mit der E-Gitarre Präsenz zeigt sowie Max Hilpert als kraftvollem Schlagzeuger, der in jeder Großbesetzung die Führung behält. Bassist Alex Morsey, wohl einer der vielbeschäftigsten Spieler auf diesem Planeten, waltet als mächtige Schnittstelle - auch für die "andere" Komponente in diesem Doppelquartett: Diese ist eine modifizierte Streichquartett-Besetzung, bestehend Julia Brüssel mit ihrem experimentierfreudigen Violinspiel, Pauline Buss auf der Viola und die beiden Cellisten Conrad Noll und Veit Steinmann - hier sauber auf den jeweils linken und rechten Stereokanal gemischt, was allein schon für eine verblüffend stringente Struktur in der Klangvielfalt sorgt.

Feuer frei: Allein die sportlich vorwärtstreibende Drum- and-Bass-Nummer November am Anfang lohnt schon den Erwerb dieser Platte, zeigt, wie stringent und druckvoll die verschiedenen Charaktere an einem Strang ziehen. Das ist eine sichere Bank, um danach in ganz andere Richtung zu lenken. Die klagende Saxofonstimme zieht in die spirituelle Melancholie eines barocken Chorals von Henry Purcell hinein, die Streicher weben eine feine Ornamentik dazu - aber dann entsteht etwas neues daraus, wenn Heiner Rennebaum auf der E-Gitarre die alte Komposition in eine tieftraurige Jazzballade hinein mutieren lässt. Das Stück heißt ja auch "Dido`s Lament."

Auch das Stück 20/20 Vision hätte durchaus ein Anwärter für den Albumtitel "Bebop Bizarre" sein können - denn im Motiv, auf dem diese Nummer baut, sehen Puristen vielleicht so etwas wie eine ironische gebrochene Bebop-Phrase? Aber bevor man zu sehr ins Nachdenken käme, wird so etwas über verschlungene kammermusikalische Umwege in ruheloser Polymetrik verwirbelt - mit immer mehr Instrumenten, denen noch immer mehr dazu einfällt. Aber was immer sich auftürmt, so bleibt das Gefüge ein solides - denn hinter der gelebten Abenteuerlust in dieser Band steht umso mehr Erfahrung. Zudem sorgt das Streichquartett auch bei allen virtuosen Soli in jedem Moment für harmonischen Zusammenhalt.

Die einzelnen, zeitlich ausgedehnten Nummern folgen ganz unterschiedlichen Ansätzen, um sich zu etwas Großem aufzubauen. Etwa das Stück "Kreisel" - hier leben fantasievolle Prozesse, mit denen sich aus Ur-Kakophonien zunehmend melodische Strukturen heraus schälen und alles ist irgendwie durch eine höhere Logik aufeinander bezogen - egal, ob vielstimmige Streicherteppiche oder mal wieder eine schlanke Breakbeat-Girlande, die in der Ferne pulsiert.

Das alles sprüht vor Fantasie und Abenteuerlust und es setzt faszinierende Klangwirkungen frei - vor allem dank der präsenten, extrem luftig eingefangenen Streichinstrumente: Im Titelstück "Bebop Bizarre" treten die beiden Celli zum Pizzicato-Duell an, wie sie überhaupt im ganzen Oktott-Gefüge über die Mittellage, der Königsdisziplin des Violoncellos, herrschen. Schon im nächsten Moment übernimmt ein galaktischer Gitarrenswing das Regiment, auf dass sich immer mehr Instrumente davon angesteckt fühlen. So manch analog verzerrter E-Gitarrensound lässt Assoziationen an Bitches Brew aufflackern und auch die vibratoarmen Schwebeklänge von Violine und Viola sind für so manches "Mahavishnu-Feeling" gut, derweil uns Alex Morsey auf dem Kontrabass in tiefste Keller-Regionen mitnimmt....

Das fast zehnminütige Finalstück "Oder so" wird von einer lyrischen Struktur eröffnet, als dann die Violine eine filigrane Springbogen-Technik entfaltet, weitere Streichinstrumente einstimmen, manchmal das bevorzugte “sul-ponticello”-Spiel direkt am Steg manchmal jedes Verzerrgerät alt aussehen lässt. Im weiteren Verlauf einer kontinuierlichen Steigerung hebt Jan Klare schließlich in einem befreiten Solo zum großen solistischen Fazit an. Ganz großer Wurf!!!

Heiner Rennebaum Doppelquartett

Bebop Bizarre

Umland Records 2021

prelisten and order under:

https://umlandrecords.bandcamp.com/album/bebop-bizzare