Fine Art Jazz Night 2021|

Appell zur Mittäterschaft!

Text & Fotos: Stefan Pieper

Herten, 22.11.2021 | „Ich wünsche mir, dass Sie zu „Mittätern“ werden - appellierte Andreas Schneider vom Vereins zur Förderung von Jazz und Kunst ans Publikum in der Eventhalle Schlägel und Eisen. Eingebrochene Ticketverkäufe, abgesagte und verschobene Konzerte stellen auch den Konzertveranstalter Public Jazz vor eine starke Herausforderung, um unter diesen Bedingungen überhaupt noch Kultur zu machen. Ein solches Engagement könne also nur gemeinsam getragen werden. Eine echte organisatorische Herausforderung war die „Fine Art Jazz Night’“ gewesen, viermal verschoben und mehrere Male neu besetzt fand sie nun endlich im stimmungsvollen Ambiente der Schwarzkaue Schlägel und Eisen statt.

Stimmungsvoll illuminiert ist die große Halle. Platz nehmen darf man in lauschigen Clubsesseln. Das Raumerlebnis dient nicht nur der Sicherheit unter aktuellen Hygienebestimmungen, sondern lässt musikalische und atmosphärische Energien umso freier fließen. Kerzen auf den Stehtischen bilden mit dem vielfarbigen LED Licht auf der Bühne einen stimmungsvollen Kontrast. Und so ließ Musik auch die etwas dystopisch wirkenden Zeitumstände vergessen, sobald Stephanie Lottermoser mit ihrem Tenorsax ins Rampenlicht kam. Die in München geborene und in Hamburg lebende Saxofonistin und Sängerin zeigte sich als Entertainerin mit sympathischer Bühnenpräsenz – und ja, sie kann verteufelt gut Saxofon spielen! Reif und geschmeidig atmen ihre Phrasierungen, egal ob sie mit rockigem Biss knackige Funk-Grooves in Fahrt bringt oder ob sie in melancholischen Balladen Klagegesänge erzeugt. Eben solche Klasse haben ihre Mitmusiker, der agile E-Bassist Martin Ziaja, Till Sahm an den Keyboards und vor allem Schlagzeuger Felix Lehrmann mit seinem präsenten variantenreichen Drive. Funk and Soul ist das Material, was Lottermoser vor allem mit den Stücken ihres aktuellen Hamburg Albums zu einem sehr positiven entspannten Vibe auszugestalten weiß, wozu phasenweis auch ihre soulig-coole Gesangsstimme beiträgt. Große Klasse hatte auch, wie hier etwa Nancy Sinatras 60er Jahre "These boots are made for walking“ in eine zeitlose Funk-Nummer mutierte.

Nach diesem eher bodenständigen Einstieg in die Jazznacht folgte ein Bekenntnis zu wilder Freiheit: Der Name „Pulcinella“ dieser Band aus Toulouse hat rein gar nichts mit jenem berühmten Strawinsky-Ballett zu tun. Stehen doch diese vier schrägen Typen für eine eigenwillige, humor-gesättigte Programmatik, wie sie in einer solchen Vehemenz wohl nur aus Frankreich kommen kann und die typisch für die dortige, sehr lebendige Progjazzrock-Szene ist. Schon die exotischen, endlos lange repetierten Tonskalen am Anfang deuten darauf hin, dass es gleich schräg wird. Vollgas geben und in kantig verschnörkelten Rhythmuseskapaden über alle stilistischen Leitplanken drüber brettern, dass es Funken sprüht - so könnte man die danach eingeschlagen musikalische Richtung beschreiben. Das Phänomen dabei: Dieser ganze Dschungel aus Stilen, Klängen und befreiter Improvisation setzt hinreißende Musikalität und eine überbordende Bilderflut frei. Balkaneske Molltonskalen und vertrackte Polymetren der Klezmermusik walten im inneren musikalischer Treibriemen mit Heißlaufgarantie. Phasenweise wabert eine orgiastische Orgel wie bei den Doors oder erinnern Synthesizerklänge an Bands wie Soft Machine. (Beim nächsten Mal sollten Lavalampen in der Schwarzkaue aufgestellt werden.) Gerade wurde einem noch in musikalischem Kirmesgewusel schwindelig, da geht es im freien Fall ganz tief runter in die Zeitlupen-Traumsequenz eines David Lynch-Filmes. Und mittendrin, in dieser ganzen Masse aus Tönen, gebrochenen Beats und genialen Ideen spielt sich Saxofonist Ferdinand Doumec die Seele aus dem Leib.

Nur zweien im Publikum wurde es zu viel – alle anderen wirkten spürbar vitalisiert nach so viel musikalischer Erfrischung. Sie reden miteinander, tauschen Eindrücke über das Erlebte aus - denn Pulcinella können vor allem eins: Auf der Bühne Fantasie entfesseln und diese auch bei ihren Hörern anstacheln.

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