CD-Rezension

Charles Lloyd & The Marvels |

Tone Poem

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Dorothy Darr

Los Angeles, 21.02.2021 | Chick Corea ist tot. Mit Charles Lloyd lebt aber noch ein Urgestein des Jazz. Am 12. März erscheint sein neues Album Tone Poem, auf dem er, ähnlich wie bei Joe Chambers‘ neuer CD, eine Art Rückblick auf die Blue-Note-Jahre gibt.

Vor zwei Jahren fand zu Lloyds 80. Geburtstag in Santa Barbara ein Konzert im Lobero Theatre statt, das im letzten Jahr auf CD (8: Kindred Spirits) erschien. Tone Poem ist Loyd‘s 3. Album mit den Marvels. Lloyd selbst spielt TenorSax und Flöte. Die Marvels sind der bekannte Gitarrist Bill Frisell, Reuben Rogers am Bass, Eric Harland, drums, und Greg Leisz, Pedal steel guitar.

Alle 9 Stücke sind rein instrumental, 3 davon von ihm selbst komponiert, zwei von Ornette Coleman, eins von Monk. Sie umfassen ein breites Spektrum von Jazz, Blues, Country bis hin zum Rock.

Ramblin’, 1959 von Ornette Coleman komponiert, setzt mit der Imitation eines Hupens eines Trucks ein, oder ist es ein Zug? Und los geht die quirlige Fahrt, die Sax-Passagen könnten auch gut von Sonny Rollins sein.

Dismal Swamp, komponiert von Lloyd, spielte dieser schon 2019 mit Kindred Spirits live in Belgrad. Dismal Swamp ist auch der Name eines großen Sumpfgebiets zwischen Virginia und North Carolina, das früher entlaufenen Sklaven als Rückzugsgebiet diente. Das Stück hier klingt aber nicht nach düsterem Sumpf, eher bluesig-entspannt, entspricht vielleicht eher einem Besuch des gleichnamigen State Parks.

Tone Poem, wonach das Album benannt wurde, hat Loyd auch selbst komponiert und schon 1985 auf One Night With Blue Note Vol. 4 veröffentlicht. Das klang damals fast wie Coltrane, heute klingt es viel gelassener mit vielen Klangfarben – Altersweisheit? Wer weiß wie Coltrane in Lloyd’s Alter gespielt hätte...

Monk’s Mood erschien auf Thelonious Himself, Coltrane himself hatte bei diesem Stück den Sax-Part übernommen. Auf Vanished Gardens (2018) war es schon von Lloyd zu hören, hier nun etwas lebendiger mit melodiösen Farbtupfern. Am Ende eine etwas befremdliche Passage mit der Pedal Steel-Gitarre im Country-Style.

Eine ganz andere Welt eröffnet Ay Amor, eine Komposition aus den 40er Jahren des Kubaners Villa Fernandez. Sein Spitzname Bola de Nieve (Schneeball) bezog sich wohl – ähnlich wie bei Cannonball Adderley – auf seine Körperform.Lloyd spielt es mit mehr Groove, doch es klingt auch sehr romantisch, fast süßlich, Greg Leisz’ Pedal steel guitar ist da nicht weit von einer Hawaii-Gitarre entfernt. Das sind ziemlich lange 10 min.

„Charles Lloyd bläst nicht Saxofon. Er singt es.“ schreiben Berendt/Huesmann im Jazzbuch (2009, S.416), es sei ein „..Gesang voll süßlicher Melancholie mit Buddha-Lächeln fernöstlicher Weisheiten.“ Da ist sicher was dran. Lloyd war immer schon als Melodiker bekannt. Doch wenn dann die Pedal Steel Gitarre dazu rummault, wird’s doch manchmal ein bisschen viel. Besser gefallen mir die schnelleren Stücke wie Ramblin‘.

Prayer, for Breona am Ende der CD klingt recht feierlich, irgendwie abschließend, aber das kann doch nicht alles gewesen sein? Brubeck wurde 92 und spielte fast bis zuletzt, da ist noch allerhand drin!

Charles Lloyd & The Marvels | Tone Poem
Label Blue Note CD 06024 3526341 0 / LP 06024 3526343 4
VÖ: 12.03.2021