CD-Besprechung

Voluptuaries von Brandon Seabrook und Simon Nabatov |

Freie Musik at its best

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Köln, 12.02.2021 | Der in Köln ansässige Ausnahmepianist Simon Nabatov ist ein ausgesprochen umtriebiger Musiker mit hoher Veröffentlichungsrate. Bei aller Quantität der Aufnahmen: Immer ist Nabatov für eine positive Überraschung gut, was die Besetzung, aber auch, was die Qualität seiner freien Musik angeht. Dies trifft auch auf sein neustes Album mit dem Titel Voluptuaries zu. Es handelt sich um eine Aufnahme mit dem amerikanischen Gitarristen Brandon Seabrook aus dem Kölner Loft. Die zwölf Titel der CD nehmen einen mit auf eine ausgefallene Klangreise.

Bereits der Opener Daggers überrascht mit einer nervös-dynamischen Zwiesprache mit Nabatov-typischen Läufen und Sprüngen, die der Gitarrist einfallsreich begleitet und ergänzt. Das eruptive Spiel an beiden Instrumenten ergibt ein bizarres Klanggebilde, das im letzten Teil mythische Züge annimmt. In Who Never Dies erarbeiten Nabatov und Seabrook mit virtuosen Läufen ein vibrierendes Gewebe, das metallen klingende Squalid Simplicities erinnert an ein verstörend frenetisches kunstvolles Topfschlagen.

Den eher rhythmisch energischen Stücken des Albums stehen solche gegenüber, die ausgesprochen ruhig, ganz auf rätselhafte Klangerzeugung ausgerichtet sind wie Fresnel Lenses oder das besinnlich-lyrische Dust Storms oder das verrätselte Diamonds And Dust. Fast bedrohlich verbleibt Foam in den Tiefen des Bassspiels, während Simon Nabatov in Grosbeak in gewohnt energischer Weise die Pianotasten mit atonalen Clustern und Läufen traktiert, was von der Gitarre kongenial sekundiert wird. Gleiches gilt für den experimentellen Charakter von Spirit Of The Staircase und den rasant rhythmisierten Dialog des Tracks Vex Me. La Femme Makita erinnert an fernöstliche meditative Klangwelten, die in einen interstellaren Raum verlegt werden. Das Album endet mit dem titelgebenden Stück mit seinem verhalten schwebenden Gestus.

Mit dem teils energievollen, teils meditativ-versponnenen Charakter der Albumtitel erzielen die beiden Musiker eine ausgesprochen mythische, labyrinthische Klangwelt, ja: ein wahres Hörabenteuer. Das Titelbild mit einem Ausschnitt aus Nymphen und Satyr von William Adolphe Bouguereau und die rätselhaften Titel der Tracks eröffnen zusätzliche Assoziationsbrücken zu den abstrakten Soundgebilden. Bestimmt keine eingängige, leicht rezipierbare Kost. Wer sich auf sie konzentriert einlässt, erfährt freie Musik at its best.

Brandon Seabrook, Simon Nabatov: Voluptuaries. Leo Records 2020, CD LR 894