Preview beim WDR Jazzpreis2020 |

Überraschung und Emotion

Text & Fotos: Stefan Pieper

Gütersloh, 03.02.2020 | Mit einem neuen Jury-Konzept kürt der WDR von nun an seine Preisträger. Das dreitägige WDR-Jazzfestival ist zudem Geschichte. Stattdessen gibt ein Preview-Konzert am Vorabend der Preisverleihungen den Musikern und Bands Gelegenheit, sich in entspanntem Rahmen ohne offiziellen Rahmen der puren Musik zu widmen - eine gute Ergänzung zur großen Preisverleihungsgala ist dies allemal!

Wer am Freitag anreiste, musste sich zwar noch gedulden, um die ebenfalls ausgezeichnete Posaunistin Sharon Barnett zu erleben. Die anderen drei Beiträge belegten aber auf ganz unterschiedliche Weise, dass die Jury aber viele Aspekte des heutigen Jazzgeschehens im Blick hat.

Musik aus reichen globalen Kulturen entdeckbar zu machen, hat lange Tradition beim WDR: In diesem Sinne überwältigte gleich der erste Programmpunkt des Abends: Der Iraker Bassem Hawar, heute in Köln lebend spielt die Djoze, ein traditionelles Streichinstrument ähnlich einer Spießgeige aus der Folkmusik. Und damit erzeugt Bassem Hawar auf Anhieb berührend sinnliche Klangwelten von einer entwaffnenden Direktheit. Was medial vor allem als Krisenregion in Erscheinung tritt, weil es nicht zuletzt auch von fremden Mächten dazu gemacht wurde, ist doch im Kern eine musikalische Hochkultur, die sich in dieser erstaunlichen Improvisationsmusik ausdrückt. Großartig, wenn nur einige zarte Phrasen auf einem unscheinbaren Instrument reichen, um solche Assoziationen, Bilder und Gedanken zu wecken. Bassem Hawars Spiel zaubert feinste melodische Linien aufgrund arabischer Tonskalen, zugleich erzeugt dieses unscheinbare Instrument einen spektakulären Obertonreichtum.Was für Zwischenwelten und filigrane Abstufungen tun sich zwischen den „westlichen“ Tonabständen auf, wenn sich erstmal Melismen und Mikrointervalle kunstvoll verselbständigen! Diese Musik ist per se einstimmig. Bassem Hawar erzeugte aber eine satte Klangfülle durch intensive Borduntöne und manchmal verdichtet sich sein Spiel durch kühne Doppelgriff-Akrobatik zu einer Mehrstimmigkeit wie in der europäischen Barockmusik.

Teil zwei des Abends widmet sich der forschenden Gegenwart im aktuellen Jazz. Philip Zoubek hat dafür den Kompositionspreis bekommen. Während sich auf seiner Gala die WDR Bigband seinen Ideen annimmt, gehört der Preview-Abend seinem bemerkenswert hellsichtig agierenden Trio: David Helm am Kontrabass ist das pulsierende Herz dieser Konstellation, dritter im Bunde ist der Schlagzeuger Dominik Mahnig, den ein federnd-schwereloses Spiel und ein komplexes rhythmisches Denken auszeichnet. Vor allem fasziniert, wie die drei in organisch gleichberechtigte Diskurse einsteigen und wie die drei rhythmische Strukturen ineinander blenden und überlagern - mit Zoubeks Spiel auf Piano und Synthesizer als Bindeglied! Man könnte ein ganzes großes Festival mit solchen Klaviertrios füllen, die sich an sowas abarbeiten, Philip Zoubek, David Helm und Dominik Mahnig - alle in Köln ansässig - markieren auf jeden Fall die erste Liga.

The Dorf bezieht seine Ausstrahlung vor allem aus dem vielbeschworenen sozialen Kosmos in der Jazzszene von NRW - vor allem auch mal jenseits der unangefochtenen „Jazz-Hochburg“ Köln. Diesmal stand einem Auftritt des freigeistigen Ruhrgebiets-Musikkollektivs in Gütersloh nichts entgegegen. Man erinnere sich: Vor dreieinhalb Jahren war die Truppe von der Stadthalle Gütersloh kurzfristig ausgeladen worden, weil nach Meinung der Veranstalter der Vorverkauf zu schlecht lief. Im Nachbarort Oelde initiierte „The Dorf“ kurzerhand ein Solidarität-Open Air-Konzert auf dem Kulturgut Nottbeck –und alle kamen!

Jetzt hat die Rundfunkanstalt der köpfigen Truppe den Weg ins Städtische Theater nun doch bereitet. Und die gibt dafür alles, was der langjährige, in regelmäßigen Sessions fast schon rituell gepflegte Erfahrungsschatz hergibt: Plastisch und präzise stürzen sich Bläsergruppen, Streicher, zwei Schlagzeuger, sowie Sängerinnen und Elektronik in dynamisch tiefenscharfe, sinfonisch ausgefeilte Klangbäder hinein – so geht Disziplin als Basis für Freiheit! Hinter der großen Geste lauert bei „The Dorf“ immer die Überraschung und ganz viel Emotion: Hymnische Fanfarenstöße eröffnen an diesem Abend keine Hochglanz-Zeremonien, sondern explodieren im Freejazz-Tumult. Im nächsten Moment something completely different: Hauchzarte Impressionen auf E-Gitarren und Elektronik lassen Nackenhaare aufstehen, bevor neue Anläufe voll repetitiver Rhythmik, neutönerischem Bombast und punktuell, nie übertrieben eingesetztem Bigband-Schwergewicht die Erde beben lassen. Nach einer Strecke aus einigen bewährten - sich in kontinuierlichem Prozess aktualisierenden Stücken - erfüllte sich dann wieder mal die integrative Kraft von Jazz: Nämlich, als die anderen Preisträger des Abends Philip Zoubek und Bassem Hawar von der spielfreudigen Dorfgemeinschaft in ihre Mitte genommen werden und entsprechend dankbar aufspielten.

Die Preisträger-Gala ist im WDR 3- Konzertplayer verfügbar unter

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/konzert/audio-live-wdr-jazzpreis----preistraeger-im-konzert-100.html