Wenn die Luft bleihaltig wird...|

Live-Impro und cineatische Kostbarkeiten direkt aus der Prärie

Text & Fotos: Stefan Pieper

Münster, 08.08.2020 | Alte schwarzweiß-Western fügten sich auf der Großbildleinwand zu einer schräge Collage zusammen, dazu improvisierte ein Trio mit Klängen und Sprache. Der Schlossgarten wurde zum imaginären Kinosaal...

Der Pavillon im botanischen Garten hinterm Schloss in Münster ist eine wunderbare Konzertlocation für den Sommer. Auch dieser Ort profitiert von den Rahmenbedingungen „in Zeiten von Corona“ - und wird ausgiebig bespielt! Und zwar bevorzugt mit ambitionierter, mainstreamfreier Kultur: Zu dieser Kategorie gehörte zweifellos ein Film- und Improvisationskonzert im Rahmen der Reihe „Schwarzweiß ist keine Farbe“.

Jim Jarmush hat es vorgemacht: In seiner schrägen Western-Interpretation „Dead Man“ verleibt er sich ein Genre ein, um etwas eigenes, größeres draus zu machen. Der Soundtrack zu diesem Schwarzweißfilm ist allein die Soloimprovisation einer E-Gitarre. Und dieses Instrument hat es neuerdings auch Anja Kreysing angetan. Begeistert von ihrer neuen „Mexican-Strat“-Gitarre erforscht sie deren Potenziale in Bezug auf cineastisch brauchbare Soundwirkungen. An diesem Abend in Münster hat auf jeden Fall der Western-typischem „Twang-Sound „seine große Stunde. Wenn er dem Leinwandgeschehen mit reitenden Cowboys und rauchenden Colts erst zu seiner wahren Aura verhilft, bleibt die Gitarre doch Teil einer klugen Interaktion mit Helmut Buntjer (Posaune und allerhand Geräuscherzeuger) und dem dritten im Bunde: Das ist der Schauspieler Marcell Kaiser, der nicht nur vielen lakonischen Kommentaren eine starke Stimme leiht, sondern auch die unverzichtbare Mundharmonika und manchmal auch die Trompete bläst.

Konsequent wird improvisiert. Der Film, den die Ausführenden auch über Monitore verfolgen können, ist die einzige Partitur. Ein Highlight ist, wie er den Indianer mimt und seine Stimme in eigenwilliger Kunstsprache, die wie ein Apachen-Idiom anmutet, erhebt. Dazu: Epische Szenen von reitenden Cowboys, immer wieder dramatisch drohende Close-ups auf einzelne Leinwandhelden, auf Colts, die aus Halftern gezogen werden, auf historische Bilder von Pueblos aus Lehm und dem Feuerross, das sich auf gerade erst verlegten Schienen seinen Weg durch die Prärie bahnt. Herrlich lakonisch, wie es echten Westmännern geziehmt, liefert Marcel Kaiser eine “Reportage“ über das Pokerspiel, in dessen Verlauf gerne auch mal die Fäuste fliegen und schließlich die Luft bleihaltig wird.

Helmut Buntjer, Anja Kreysing und Marcell Kaiser lassen durch ihre Live-Interaktion eine intensive Nähe zu den collagenhaft montierten Sequenzen aus alten Schwarzweiß-Western aus den 1940er Jahren aufkommen. Ironische Distanz und Liebeserklärungen ans Genre sind dabei keine Widersprüche - und obwohl der Akzent hier stark auf dem Humoristisch-Leichten lag, beugte die Erfahrung dieses Trios jedem Abrutschen ins Seichte zuverlässig vor.

Sehr erfolgreich veranstaltet die Reihe „Schwarzweiß ist die bessere Farbe“ Filmkonzerte in größeren und vor allem auch kleineren Venues bevorzugt im Münsterland. Dabei wird immer live und oft auch sehr experimentierfreudig improvisiert - und das hat bereits vielen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Kulturmilieus die Ohren geöffnet. Anja Kreysing beschreibt ihre Erfahrungen: „In ein Konzert mit Neuer Musik oder Freejazz kommen in der Regel nur Minderheiten. Bei unseren Filmkonzerten entsteht plötzlich ein funktionierender Gesamtkontext. Plötzlich funktioniert alles, und die Leute sind hypnotisiert.“