​Es ist nicht alles nur schlecht |

Mit der Band Tribe über die schnöde Wirklichkeit hinaus wachsen...

Text & Fotos: Stefan Pieper

Duisburg, 31.10.2020 | „Es tut uns gut, dass ihr einen guten Job macht“ - bekundete John-Dennis Renken auf der Bühne beim CD-Release-Konzert in Duisburg. Den Politikern in Bund und Ländern galt das Lob des vielgefragten Trompeters wohl kaum an diesem Abend...

Der Schock über gerade erst offiziell verkündete Maßnahmen, die es im November ohne Kultur still werden lassen, saß auch in Duisburg tief. Renken meinte mit seinem Lob vor allem das Publikum, dass eben auch in Zeiten strenger Hygieneregeln mitmacht – und überhaupt noch in die Konzerte kommt! Nicht minder viel verantwortungsvolle Arbeit leistet Eckhard Pressler vom Verein Säule Jazz e.V., um seine Duisburger Konzertreihe auch unter widrigen Bedingungen am Laufen zu halten. Das schloss auch das Organisieren einer großräumigeren „Ausweich-Location“ in Duisburg ein, der Aula der in unmittelbarer Nachbarschaft von Säule und Dellplatz gelegenen Globus-Gesamtschule.

„Hier werden gerade Existenzen kaputt getreten“ artikuliert John-Dennis Renken seine Wut über die als ungerecht empfundene Behandlung der freien Kulturszene durch die neuen, quasi ohne Vorwarnung verhängten Lockdown-Maßnahmen. Aber aus Wut erwächst auch Kraft – eben an diesem Abend auch die kraftvolle Musik der Band Tribe!

Schwergewichtige Gitarrenriffs von Andreas Wahl stoßen wie Lavaströme vorwärts, aber die Improvisationen und viele abgehackte, atemlose Tonfolgen von Trompete, Altsaxofon und Posaune wachsen darüber hinaus. Es ist spürbar: Die Spielleidenschaft brennt gerade an einem Abend wie diesem um so heftiger. Schlagzeuger Bernd Oeszevim wirkt mit seinen poly- und multimetrischen Strukturen wie in Epizentrum und fokussiert dennoch einen bezwingend kraftvollen Groove. Saxofon, Trompete und Posaune müssen sich manchmal schon miteinander vereinen, um den rockigen Gitarre-Schlagzeug-Soundbrettern Paroli zu bieten - aber auf die raffiniert sich auftürmenden Crescendi ist bestens Verlass. Das ganze wirkt transparent, ja durch den Verzicht auf Bass oder Harmonieinstrument regelrecht luftig. (Obwohl man sich schon manchmal bei dem Gedanken ertappt, dass doch ein E-Bass oder ein paar untenrum wabernde elektronische Subbässe das ganze noch mächtiger machen könnten...)

Aber auch so oder gerade, weil es so ist wie es ist, wuchern die Ideen des Quintetts wie ein Baum und kann man hörend an jeder virtuosen Verästelung teilhaben. Spannend ist auch die Symmetrie der Klangwelten in diesem Sextett: Die Bläsersection führt mit seinen nicht abreißenden Ideenströmen vor, was der Jazz dem Rock voraus hat. Gitarre und Schlagzeug leisten ebenso ganze Arbeit - um klar zu machen, wo Rockmusik gegenüber dem Jazz die Nase vorn hat. Tribe stellt die Synthese her und beides wächst zusammen. Gemeinsam vereint ist eben alles stärker. Was es individuell zu sagen hat und was es gerade heute „loszuwerden“ gilt, kommt in flexibel wechselnden Konstellationen zum Ausdruck: Zu hitzige Duellen fordert Schlagzeuger Oeszevim jede und jeden einzelnen heraus: John-Dennis Renken mit seinem atmenden, leuchtenden Trompetenspiel, das neue Bandmitglied Klaus Heidenreich auf seiner Posaune und Angelika Niescier mit ihren druckvoll-fordernden, minutenlangen Altsaxofon-Soundkaskaden.

„Krasse Zeiten bringen krasse Musik hervor“, bekundet John-Dennis Renken. Eines seiner Stücke wurde von Meldungen über brutale Polizeiwillkür in den USA inspiriert - und klar, die Wut über die Behandlung der freien Musiker durch die Politik, lädt das Ganze an diesem Abend wohl auch noch zusätzlich auf. Dennoch haben alle fünf auf die Dauer viel zu viel Spaß an und mit der Musik, als dass es auf einen dystopischen Abend hinaus liefe. Vor allem die ruhigeren und oft auch sehr melodiösen Stücke führen in wärmende Gefilde: Renken hat eine behagliche Ballade seiner noch jungen Tochter gewidmet - nachdem diese sich beschwerte, dass ihr Vater immer nur so schräges, kompliziertes Zeug auf seinem Instrument trötet. Renkens humorvolle Konzertmoderation tut ihr übriges, damit ein Jazzkonzert mit guter Nähe zum Publikum entsteht. Die inspirierte, hellwache Musik lässt ohnehin alle Beteiligten, Publikum und Musiker gleichermaßen ca. 70 Minuten lang über die feindliche Wirklichkeit hinaus wachsen.

John Dennis Renken und Andreas Wahl lernten sich vor Urzeiten in Peter Herborns Bigband „Large“ kennen. Als der Schlagzeuger Bernd Oeszevim dazu kam, verpassten sie im Zodiac Trio dem Jazz mit neuartigen Rhythmen und Sounds eine Frischzellenkur. Die erweiterte Besetzung „Tribe“ verdanken wir einem der typischen Synergieeffekte beim Moers-Festival: Als Renken in Moers Improvisor in Residence war, kam Angelika Niescier hinzu, damals die erste Improvisorin in Residence in Moers und zusätzlich die australische Posaunistin Shannon Barnett.

„Man muss jetzt aber auch mal über gute Dinge reden“, betont John-Denis Renken in seiner Schlussansprache beim Duisburger Konzert: „Wir schätzen uns glücklich, dass wir mit einer Ensembleförderung vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft bedacht wurden, die uns ein Arbeiten für die nächsten drei Jahre ermöglicht. Dafür möchten wir uns bedanken und bitten um einen weiteren starken Applaus!“ Das Publikum lässt sich nicht lange bitten. Denn es ist ja nicht alles nur schlecht...