Stefan Bauers NYCronicle |

Lockdown

Text: Stefan Pieper und Stefan Bauer | Fotos: Stefan Bauer

New York, 12.09.2020 | Der Frühjahr 2020 ist schon jetzt ein surreales Stück Zeitgeschichte: Ein weltweiter Total-Lockdown infolge der sich explosiv ausbreitenden Masseninfizierung mit einem neuartigen Virus hat Verkehr, Mobilität, Kultur, soziales Leben eingefroren. Was wird die Zukunft bringen. Die urbane Dichte in den Metropolen der Welt ist einer asketischen Leere gewichen. Vor der Corona-krise sind alle gleich? Bullshit – es entstehen ganz neue Ungleichheiten. Nicht nur für Stefan Bauer, der seinen Musikerberuf in diesem Moment nicht mehr ausüben kann. Seine eigene Momentaufnahme Ende März 2020:

„Mir persönlich geht es gut – ich mache, was ich meist in NY mache, zuhause abhängen, Musik üben und spielen, kleine Renovierungen am Haus, und (fast) täglich eine halbe Stunde Joggen. Der Park um die Ecke. Wir wohnen in Sunset Park, Brooklyn, eben benannt nach diesem kleinen Park, bekannt für seinen fantastischen Überblick aus erhöhter Position. Man sieht die “Narrows”, den vom Meer kommen enden Wasserweg, mit Freiheitsstatue und dann aus südwestlicher Perspektive über das untere und mittlere Manhattan. Es ist ziemlich leer jetzt. Ich schaue von dort aus auf die sonst ziemlich belebte 5thAve: Nix los, die meisten Geschäfte zu!

Meine Frau Wagaye schiebt wochenlange Marathondienste in Ihrer Blutspende-Sammelsstation im Grand Central Bahnhof, der jetzt wie ausgestorben ist, was ihr sehr gespenstisch vorkommt. Aber Blut wird fleißig gespendet. Jetzt gerade spezialisiert man sich darauf, Corona-Überlebenden Plasma abzunehmen. Der Andrang ist gross, die Mitarbeiter sind da nicht sonderlich geschuetzt, getestet wird eigentlich gar nicht - einfach nicht genug Material dafuer vorhanden! Neulich hat eine Angestellte abends bekanntgegeben, dass sie den Virus hat, was sie nur durch einen privat initiierten Test heraus bekommen hat. Sie wurde nach Hause geschickt, sonst nichts, kein Testen der anderen. Ich hatte Wagaye beschworen, zuhause zu bleiben, was sie dann für 19 Tage tat.

Eine der Sorgen ist die U-Bahn, die nur noch auf 10% ihrer sonstigen Kapazität fährt, aber das reicht nicht für alle die “Essential Wirkers” (Pflegepersonal, öffentliche Verkehrsmittelarbeiter, Arbeiter, Supermarkt-Angestellte etc) die morgens nach Manhattan fahren, d.h. die U-Bahn ist übervoll. Gleichzeitig sind schon ziemlich viele Fahrer der öffentlichen Verkehrsmittel gestorben, eine riesige Zahl ist krank. Ich fahre also seit Wochen Wagaye zur Arbeit und hole sie auch wieder ab, was einige Stunden täglich in Anspruch nimmt, aber das Mindeste ist, was ich tun kann. Zuhause halten wir respektvollen Abstand

"Die Stadt ist paralysiert"

Auf dem Rückweg von Manhattan mache ich immer wieder Photos und vor allem Videos– irre, diese Stadt ist so paralysiert, zu sehen . . . man sieht aber auch, nun unabgelenkt vom sonst herrschenden Tohuwabohu, wie schön viele Dinge gebaut sind, architektonisch einfach ein endloser Fundus, auch nach vielen Jahren – z. Zt. durch diesen surrealen Kontrast vielleicht noch mehr – immer noch faszinierend! Heute über den mit mechanisch-toten Reklame-Videos illuminierten Times Square. Diese monumentale Manifestation menschlichen Strebens - Architektur, die tatsächlich in den Himmel strebt – so leer, verlassen und, ja, hilflos zu sehen hat mich angerührt und melancholisch gemacht, eigentlich zum ersten Mal jetzt (außer den Gedanken vor allem an die Zukunft meiner Kinder, wenn dies hier alles nur ein kleiner Vorgeschmack auf die zu erwartenden Klimakatastrophen sein soll)….

Unsere Tochter ist an dem Tag noch nach Kanada durchgerutscht, an dem die Kanadier die Grenzen dicht gemacht haben, um Ihrer alleinerziehenden Tante in Calgary zu helfen, die ihre kleinen Kinder schon mit auf der Arbeit hatte, weil Schulen und Kindergärten geschlossen sind. Da ist sie gut aufgehoben, macht einen sehr sinnvollen Job indem sie ihnen beim online Lernen hilft und auch selber zur ersten Generation von Studenten gehört, die unfreiwillig ihr online Studium weiterbetreiben. Ich glaube, die Kanadier gehen da schlauer vor, es war vieles früh und vorsorglich dicht gemacht worden, auch an Orten, wo das Infektionsaufkommen relativ gering war.

Unser Sohn ist in Queens bei seiner Freundin. Sie ist Sozialarbeiterin. Ihr letzter ‘Patient’, mit dem sie bis vor einer Woche gearbeitet hat, hat den Virus (erholt sich aber mit seinen 86 Jahren)! Wir sind super vorsichtig mit unserem Sohn. Er kam hier neulich vermummt an und wir haben ihn durch die Tür versorgt mit Kleidern und Vorräten – das mit seinem eigenen ‘Kind’ zu tun ist sehr eigenartig.. . . er ist jetzt gerade in unserer leeren Ferienwohnung (wenigstens dazu ist sie jetzt gut), er pendelt. Ich mache mir Sorgen um diese Generation und um ihn speziell. Er sagt, er vermisst es sehr, mit seinen Freunden abzuhängen, er habe Schwierigkeiten, motiviert zu bleiben bei seinem online Studium.

Mein anderer Sohn in Vancouver hat mir erzählt, er lerne schon seit einem Weilchen, sich in jeder Situation physisch zu verteidigen . . . Vancouver hat ein unglaubliches Aufkommen an Heroinsüchtigen, ganze auf der Straße sichtbare Kolonien (die tatsächlich an so Zombie Filme erinnern) die ja ihre Sucht nur wegen so einem Virus nicht aufgeben werden. Er ist recht erfolgreicher Goldschmied, aber sein Chef hat vorsorglich seinen Laden zugemacht, die Angestellten leben erstmals von Arbeitslosengeld . . . auch bei ihm grassiert Unsicherheit wie es ‘danach’ weitergehen soll. Wenn es denn ein Danach gibt...Im Radio ist viel die Rede von der Tragödie der überwiegenden Mehrheit der Leute, die sterben: Sie sind alleine!

Meiner Mutter im Ruhrgebiet geht es den Umständen entsprechend gut. Sie ist – das habe ich von ihr – jemand, die ständig am Machen ist, in dieser Situation ein großer Vorteil! Außerdem hatte sie sich nach langem Überlegen wegen ihres Alters letztes Jahr doch endlich dazu entschlossen, einen älteren Kater bei sich aufzunehmen, und jetzt sind die beiden ein Herz und eine Seele und gute Gesellschaft füreinander (He’s black, he’s a ‘cat’, his name is Tony)! Ich hoffe sehr, dass sie sich den Virus nicht einfängt, sie nimmt das Ganze ernst und benimmt sich dementsprechend.

"Deutschland klingt, als wäre es einer der am wenigsten schlechten Plätze!"


Deutschland klingt, als wäre es einer der am wenigsten schlechten Plätze! Auch und gerade in Hinblick auf Aufklärung, wenngleich auch dort wohl nicht immer stichhaltige Statistiken verbreitet werden, wie ich lese und höre . . . aber im Grossen und Ganzen, scheinen die Leute den Staat und verantwortungsvolle Führung wieder für wichtig zu halten – was, wie ich im Deutschlandfunk höre, der AfD und ihrer Vermaledeiung des Staates Wind aus den Segeln nimmt (zumindest zum Teil).

Aber hier: unfassbar! Und die widersprüchlichen Infos – vor allem aus dem Mund von unserem kleiderlosen, orangenen Kaiser – haben natürlich echte, fühlbare und tödliche Konsequenzen. Mittlerweile nehmen die Leute schon beinahe als gegeben an, dass “Agent Orange” (Spitzname für wen wohl?) den mehrheitlich demokratisch regierten Staaten – NY allen voran – schlicht angemessene Ausrüstung verschleppt und verweigert aus Rache dafür, dass er von ihnen nicht gewählt worden ist, und es wohl auch nie wird. Sollte einer von uns in einer dieser horrenden Intensivstationen hier in Brooklyn enden (oder gar verenden), dann für sowas, für die himmelschreiende Kleinheit dieses Taschen-Diktators . . . ich hoffe, dass mich die Wut über das Potential eines solch banalen Szenarios mit genügend Überlebensenergie ausstattet. Also weiter Händewaschen und mit Maske nach draußen gehen. Die Frau ‘meines’ Saxophonisten Chris – beide sind z. Zt. als Freelancer völlig mittellos – stellt Masken her und verkauft sie.

Unsere Ferienwohnungsvermietung (und damit der Rückhalt für mein “teures Hobby” Musik) ist an ihrem natürlichen Ende angelangt, jetzt, nach 13 ganz schönen Jahren damit. Also Zeit, sich wieder was zum Geldverdienen zu überlegen. Aber was? Immerhin habe ich neulich ein Taschengeld mit einem online-workshop verdient. Trotz der inflationären Solo live-streaming Konzerte habe ich mich technisch so aufgerüstet, dass auch ich das machen kann. Ich mache hin und wider kleine Videos mit mittlerweile hochwertigem Sound und stelle fest, dass das besser als nichts ist.

Positiver Aspekt: Die Natur kriegt mal eine kleine Verschnaufpause. Trotz des Elends in Italien erfüllen mich die Photos aus Venedig, wo man den Kanälen auf den Grund sehen kann, mit etwas Optimismus. Ich hab' ja echt die leise Hoffnung, dass dies alles zu was gut ist und wir uns einen Augenblick besinnen darauf, was vielleicht wirklich wichtig, und was eher überflüssig ist. Und vielleicht wieder etwas mehr Menschlichkeit einzieht und diese “Ich Ich Ich” - Kultur etwas zurückgedrängt wird.

Aktuelles Video:

https://youtu.be/YdfYY6SFXH4