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Stefan Bauers NYCronicle |

Intro

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Bauer

New York, 08.09.2020 | Stefan Bauer ist Recklinghäuser und Wahl-New Yorker zugleich. Die aktuellen Alltagsbedingungen in New York “unter Corona” sind herausfordernd – und machen auf neue Weise produktiv. Stefan Bauer dokumentierte – vor allem in den ersten Wochen des Lockdowns im Frühjahr mit der Kamera eine Wirklichkeit im Ausnahmezustand. Und auch in Zeiten ohne Livekonzerte reißt der Strom an musikalischen Ideen nicht ab. Wir kennen Stefan Bauer nicht nur als einen vielseitigen Jazzmusiker, sondern auch als einen unerschöpflichen Geschichtenerzähler. Deswegen war es klar, dass es nicht bei einem Telefonat mit ihm im Frühljahr bleiben würde. Seitdem ist ein reger Austausch mit ihm via Mail und Telefon im Gange – das gibt einer neuen Serie auf nrwjazz.netgenug Material, um regelmäßig über dem großen Teich in die Sehnsuchtsmetropole für den Jazz zu blicken.

Die Bilder und Impressionen aus dem Frühjahr dieses Jahres haben sich ins Bewusstsein eingebrannt. Dampfschwaden der unterirdischen Heizungsrohre, die aus der Straße heraus kommen und in den klaren Frühlingshimmel aufsteigen. Häuserschluchten, die irgendwo hoch ohne im Himmel enden. Oder vielleicht auch nicht? Straßenzüge, jetzt menschenleer und wo sogar die typischen Polizeisirenen schweigen. Irgendwas stimmt nicht an den Bildern aus diesen Tagen, die irgendwie anders anmuten als alle einschlägigen Archetypen, die in zahllosen Filmen ständig wiederholt werden. Eine Leere, die eher an Pjöngjang als an einen der dynamischsten Plätze auf diesem Planeten denken lässt. Die Stadt als Organismus, dessen Lebensadern nicht mehr verstopft sind, wo klare Luft durchfließen kann?

Stefan Bauer, Vibrafonist und Komponist, lebt seit fast 20 Jahren in Brooklyn. Aus privat-familiären Gründen war er im Jahr 1990 nach Winnipeg in Kanada gezogen, später zog es ihn nach New York – allein der „unfassbaren Dichte von so vielen unfassbaren Musikern“ wegen. New York als Sehnsuchtsort für den Jazz? Von Romantisierungen des Jazzmusiker-Daseins in New York hält Stefan Bauer nicht viel: Der Überlebenskampf als Musiker ist noch viel kräftezehrender als in Europa, da in den USA noch viel weniger Geld für den Jazz vorhanden ist. Hut- und Tür-Konzerte sind die Regel sind und kontinuierliche Mitpreisexplosionen machen vielen Venues das Leben immer schwieriger. Stefan Bauer klingt verbittert, wenn er beschreibt, wie schnöde Marktlogik die freie Kultur auffrisst: „Läuft ein Laden gut, werden sofort die Mieten angehoben“.

Ausnahmesituationen schärfen den Blick

Wer überleben will, muss auf so vielen Hochzeiten wie möglich tanzen und dies auch kräftemäßig stemmen können. Dann kam Corona. Die Konsequenzen markieren einen bislang weltgeschichtlich einzigarigen Vorgang. Einnahmen und Gigs sind über Nacht weggebrochen, als New York in den Lockdown hinein schlitterte. Staatliche Unterstützungen für die gebeutelte Kultur oder für Soloselbstständige? Guter Witz! Stefan Bauer kämpft gegen das innere wie auch materialle Loch durch maximale Produktivität an. Jeden Tag etwas neues Produktives machen. Ausnahmesituationen schärfen den Blick - siehe oben!

Seine unstillbare Neugier hat ihn zur Handykamera greifen lassen. Er schweift gerne ab von seinen Alltagswegen, denn eines herrscht neuerdings, was sonst in New York absolute Mangelware ist: Die Freiheit, sich Zeit zu nehmen. Er erforscht die Stadt, in der er lebt, neu, entdeckt ungeahnte Plätze und Details, die einem der schnell getaktete Alltags-Tunnelblick sonst vorenthält. Fernweh wird manchmal durch Streifzüge in die allernächste Lebensumgebung gestillt. Nach solchen Streifzügen werden die Film- und Fotodokumente zu imaginären Partituren. Er beginnt im eigenen Studio zu improvisieren. Tonmalereien, perkussive Impulse, assoziative Fächen, um die unterschwellige Atmosphäre zu verdichten. New York im Frühjahr Ende 2020 wirkt wie gereinigt von aller Überzivilisation, gleichzeitig wirkt die Leere bedrohlich, unheimlich, ja auch tief melancholisch. Bei allen harten Überlebensbedingungen sind Musiker eine privilegierte Spezies, wenn sie alle Emotionen und Impressionen unmittelbar in musikalische Ideen abbilden können. Das bringt neue Klänge, Melodien, Themen hervor. Das rückt bereits vorhandenes Material in neues Licht, gibt den spontan enstandenen Filmsequenzen aus einer surrealen Gegenwart ihren Soundtrack. .

Dissonante Harmonien verdichten solche Emotionen. Ihr übriges tun die Stimmemn von Tammy Scheffer und Michal Cohen, ebenso ist die Band Voyage im Ganzen zu hören.

Videolink

https://youtu.be/YdfYY6SFXH4

Wenn alles so kommt, wie geplant – nichts scheint ja sicher in diesen Tagen – reist Stefan Bauer im Oktober für eine Reihe von Gigs in Essen und Köln nach NRW – Termine werden noch bekannt gegeben.