Irena Tomazin und Michael Zerang bei Soundtrips NRW |

Großartige Improvisationskunst

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 04.10.2020 | Ganz links auf der Bühne des Kunstmuseums Bochum stellt sich Michael Zerang mit einer Glocke auf, ganz rechts Irena Tomazin , letztere beginnt, mit ihrer Stimme Tuchfühlung mit der Raumumgebung aufzunehmen, sie lotet aus, welche Wirkung, welche Resonanzen ihr Rufen, Wimmern, Stöhnen in der Ecke des Bühnenraumes haben....

Wir sind bei einem Konzert, das die slowenische Stimm- und Bewegungsperformerin in der Reihe Soundtrips NRW gemeinsam mit dem US-amerikanischen Drummer und Percussionisten Michael Zerang gerade in elf Städten in NRW gibt – in der reihenüblichen Besetzung mit jeweilig unterschiedlichen Musikern vor Ort. In Bochum sind dies Gunda Gottschalk (vln) und Martin Blume (perc). Im ersten Set treten Irena Tomazin und Michael Zerang alleine auf, ihr Beitrag ist gekennzeichnet von einer räumlichen und akustischen Annäherung: Im Laufe ihrer gemeinsamen Performance bewegen sie sich von den beiden Bühnenenden allmählich aufeinander zu, akustisch kreieren sie einen intimen Dialog von Schwingungen - Michael Zerang mit der Glocke eher lautlich als rhythmisch, Irena Tomazin mit einer unglaublich vielfältigen Modulation ihrer Stimme, für die das sprachliche Beschreibungsvokabular schlicht versagt. Auffällig dabei der körperliche Einsatz der Vokalistin: Die Stimme wird als Ausdrucksmittel eingesetzt, das immer Teil einer Bewegung ist, sie ist Teil eines im wesentlichen ganzkörperlichen Einsatzes. Man hört und sieht der Performerin an, dass sie in unterschiedlichen performativen Kontexten wie Theater, Tanz und Musik arbeitet und ihre Erfahrungen in Workshops mit dem Schwerpunkt Stimme und Bewegung weitergibt.

Im zweiten Set kommen Gunda Gottschalk und Martin Blume hinzu. Im Quartett verstärkt Irena Tomazin ihre Stimme per Mikro, was ihr zusätzliche Modulationsmöglichkeiten gibt. Gemeinsam entwickeln die vier ein dynamisches Tongeflecht mit ruhigen, ja zarten Sequenzen, bei denen vor allem im hohen Tonbereich Violine und Stimme, aber auch die Perkussion, etwa mit Styropor auf der Snare Drum gerieben, sich wundersam entsprechen und ausgesprochen dichte Momente schaffen. Die Violine gibt mit kraftvollem Strich den Auftakt für energiegeladenere Phasen des Zusammenspiels. Unabhängig von der Dynamik gelingen dem Quartett in der Improvisation immer wieder wunderbare musikalische Gravitationszentren abseits jeglicher Tonalität. Dies gilt auch für die Zugabe, hier entfaltet sich auf der Bühne eine suggestive Interaktion, die vor allem auf Schwingung setzt: Vibrierende Motoren auf den Trommelfellen der Drumsets korrespondieren eindrucksvoll mit Stimme und Violine, Letztere lässt das Konzert am Schluss in einem schlüssigen Fade out ausklingen.

Gespannt sein darf man nach diesem Konzert auf die weiteren Soundtrips-Stationen in den kommenden Tagen in Münster, Essen, Oberhausen, Wuppertal, Hagen, Aachen und Düsseldorf. Informationen dazu hier.