​Der Kreis des Lebens schließt sich |

Fuchsthone Orchestra in Dinslaken

Text & Fotos: Stefan Pieper

Dinslaken, 13.10.2020 | Es muss schon fast eine traumatische Erfahrung gewesen sein: Eine Band reist zum ersehnten Auftritt an. Es ist schon alles aufgebaut, dann heißt es, alles wieder einpacken, weil die Veranstaltung spontan abgesagt werden musste. So geschehen im März dieses Jahres, an jenem Wochenende, wo der große Corona-Lockdown verhängt wurde. Fuchsthone reloaded – also der nun endlich in Dinslaken nachgeholte Auftritt fühlte sich in dieser Hinsicht fast wie das Aufwachen aus einem bösen Traum an. Denn das befreite Spiel von fast 20 Musikerinnen und Musikern unter Leitung von Caroline Thon und Christina Fuchs war hör- und fühlbare Realität – diesmal in einer gut funktionierenden „Ausweichlocation“, nämlich der geräumigen Aula im Dinslakener Schulzentrum.

„Es ist Zeit, nicht mehr zu träumen, sondern aufzuwachen“ - dieser einschlägige Slogan von Greta Thunberg, hier von Filippa Gojo mit dem Megaphon zitiert, mündet in eine wüste Klangcollage, lässt Alarmstimmung aufkommen. Dass die Welt viel zu komplex für plakative Slogans ist, demonstriert von dem Moment an allein die aufbrausende Klangwelt eines neuen Stückes von Christina Fuchs. So viele widerstreitende Emotionen, harmonische Farben, tonale Muster bündeln Energie, die in den Raum hinaus will, nach Befreiung strebt. Aber die Band hat in diesem Moment gerade erst Fahrt aufgenommen.

Caroline Ton, die viel mit Meditation im Sinn hat, ließ sich vom hinduistischen Kreis des Lebens für eines ihrer Stücke inspirieren. Also geraten musikalische Ideen in einen hypnotischen Kreislauf, der elementare Kräfte freisetzt – in diesem Fall findet der hinduistische Kreis des Lebens seine Entsprechung im Spiel einer Jazzband! Stärker als jeder gesellschaftliche Irrsinn ist die elementare Kraft der Natur. Auch für solche Ideen mobilisiert das Fuchsthone Orchestra geballte musikalische Bildkraft. Auf Olivier Messiaens Pfaden wandelt Christina Fuchs Stück „Syrinx“, wo zunächst sämtliche Blas-, Streich- Tasten- Schlag- und Zupfinstrumente und natürlich auch Filippa Gojos Stimmbänder zahllose Vogelstimmen imitieren. Aber wo Messiaen aus seinen akustischen Feldforschungen strenge formale Muster ableitete, da ist für das Fuchsthone Orchestra eine überbordende Kollektivimprovisation doch viel naheliegender. Denn sind nicht Vögel in der Natur nicht die wahren Jazzer?

Sich mit so vielen Instrumenten und Klangfarben auf starke Ideen zu fokussieren und nie in Labyrinthe abzudriften, das ist das Kapital des Fuchsthone-Orchestras, dessen Potenziale von Christina Fuchs und Caroline Thon in verblüffend stringente Richtungen gelenkt werden. So geht bildhaftes „Musik-Theater“!

Noch viele weitere starke Bilder gehen aus den flexiblen Interaktionen dieses Großensembles hervor. Mal verleibt sich die Band die Diktion einer archaischen Mehrstimmigkeit ein - in diesem Fall nährt ein tanzwütiges, eigenwillig-polyphones Vokalstück aus Sardinien namens Mamoiada Pate eine neue Komposition. Ein Bravourpart hat hier vor allem der Bassist Alex Morsey, der mit dem Bogen die Saiten harsch traktiert, was den in der sardischen Volksmusik häufig vorkommenden rauhen, abgrundtiefen Männerstimmen verblüffend nahe kommt.

Und ja, es ist ein Kosmos der Individuen: Saxofonist (und Flötist) Roger Hanschel bringt in seinen flammenden Soli sein „Markenzeichen“ zur Entfaltung - etwa, wenn er durch Tonrepetitionen Flächenklänge erzeugt. Oder Kristina Brodersen, die auf ihrem Altsax eher für den schlanken lyrischen Tonfall verantwortlich zeichnet. Andreas Wahl rundet durch seine E-Gitarrensoli das Spektrum in rockigere Richtungen ab. Heidi Beier lässt in einem hinreißenden Solo ihr Flügelhorn aufstrahlen. Eva Pöpplein sorgt mit ihrer Elektronik für ein stets präsentes experimentelles Sound-Design. Laja Genc entfaltet in ausgesuchten Momenten viel pianistisches Feuer. Schlagzeuger Jens Düppe hat auf der Bühne seinen Platz dort, wo er hingehört, nämlich in der Mitte. Sein dynamisches Spiel verweigert sich jeder Kraftmeierei, denn Führungsqualität hat nichts mit Dominanzgehabe, sondern umso mehr mit Zuhören-Können zu tun: „Ich muss eigentlich mit meiner Wahrnehmung ständig überall sein und fühle mich oft wie ein zweiter Dirigent“ beschreibt er später seine Rolle im Gespräch. Man könnte endlos weiter die vielen imposanten Einzelleistungen aufzählen - was absolut verdient wäre! Noch besser ist es, das Fuchsthone-Orchestra live zu erleben.

Schon am 4. Dezember besteht voraussichtlich wieder Gelegenheit dazu und zwar im Kölner Stadtgarten anlässlich eines besonderen Beethoven-Projektes. Caroline Thon durchforscht im Moment mit viel Neugier die Orchester-Partituren des großen Komponisten, der vor 250 Jahren geboren wurde, um diese dem Fuchsthone-Orchestra zugänglich zu machen, wie sie nrwjazz verrriet....