Jazz und Tanz

Nederlands Dans Theater 2 |

Sad Case zu Latin Jazz und Dunkles zu Placebo

Text: Uwe Bräutigam | Fotos: Rahi Rezvani und Joris Jan Bos

Köln, 01.02.2020 | Das Nederlands Dans Theater 2 hat im Schauspiel Köln einen abwechslungsreichen Ballettabend dargeboten. Mit vielen nachdenklich stimmenden, verstörenden, aber auch nährenden, bereichernden und schönen Momenten. Die jungen Tänzer*innen haben die hohen körperlichen und tänzerischen Anforderungen meisterhaft bewältigt. Das Publikum im ausverkauften Depot 1 feiert den Ballettabend mit frenetischem Beifall.

Lateinamerikanischer Jazz mit fetzigen mexikanischen Mamborhythmen untermalt die Bewegungen der fünf jungen Tänzer*innen des Nederlands Dans Theater 2. Die weiß geschminkten Körper der Tänzer*innen, die mit einzelnen schwarzen Strichen bedeckt sind, bilden einen Gegensatz zur lebensfrohen rhythmischen Musik der Latin Jazz Standarts wie Frenesi von Alberto Dominguez und El Watussi von Ray Barretto oder Tanznummern wie Mambo No 8 von Pérez Prado. Zu dieser Musik geht es in Mexiko bunt und fröhlich zu.

Aber die Tänzer*innen auf der Bühne haben etwas Geisterhaftes, das allerdings durch ihre Bewegungen, Schreie und Lachen ins Groteske gebrochen wird. Manchmal erinnern sie an Stummfilmfiguren. Sol León und Gordon Lightfood, die Hauschoreographen des Nederlands Dans Theaters, haben das Stück Sad Case 1998 geschrieben als Sol im siebten Monat schwanger war. „Diese Hormone voller Lachen, Irrsinn und dem Bangen vor dem vor uns liegenden Unbekannten sind die Nabelschnur dieser Arbeit,“ so Paul Lightfood. Dies wird in eindrückliche Bilder umgesetzt, wenn die vier Tänzer*innen bei einem Solotanz im Hintergrund stehen und heftig zittern, wenn zu einem Trompetensolo hysterisch geschrieen wird oder wenn alle in Chorusline stehen und heftig ihr Gesäß kreisen lassen. Abrupte Übergänge von Solo, Gruppe oder Paartanz unterstreichen diese verrückte Stimmung. Sad Case dauert 22 Minuten und ist das letzte von vier Tanzstücken, die die junge niederländische Kompanie tanzt.

Den Beginn macht das Werk Wir sagen uns Dunkles von Marco Goecke. Inspiriert ist das Stück von der problematischen Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Der Titel ist eine Zeile aus Celans Gedicht Corona. Wie für Goecke typisch tanzen die Männer mit nacktem Oberkörper. Die Tanzsprache von Goecke ist gekennzeichnet von abgehackten Bewegungen, verdrehten Körpern, Zittern und abrupten Bewegungen einzelner Körperteile. Die Bewegungen grenzen schon an pathologische Muster.

„Mein Tanzen hat viel damit zu tun, aus diesem Körper zu flüchten, aus diesem Gefängnis,“ so erklärt Goecke seinen Tanz.

In den gebrochenen Bewegungen der Tänzer*innen, die sich an manchen Stellen förmlich zu quälen scheinen, wird diese Köperflucht manifest. Der Versuch dem Körper zu entfliehen ist naturgemäß zum Scheitern verurteilt.

Zerrissenheit als Grundmuster, das sich auch in der Beziehung von Bachmann zu Celan zeigte, durchzieht das ganze Stück (29 Minuten). Neben dieser Oberflächenströmung, blitzt immer wieder eine queere Ästhetik auf, die nur an wenigen Stellen explizit wird, etwa wenn sich zwei der Tänzer küssen. Die Musik von Placebo unterstreicht diese Ästhetik. Die englische Band Placebo ist bekannt für ihr “gender bending“, was sich auch im androgynen Auftreten und Gesang von Brian Molko ausdrückt. Aber auch im Soundtrack gibt es Brüche und Gegensätze, wenn Placebo auf Schuberts Nocturno oder Schnittkes Piano Quintett trifft.

Wir sagen und Dunkles ist ein körperlich ungemein forderndes Stück, das Goecke für das Nederlands Dans Theater 2, geschrieben hat. Die Kompanie eine junge Nachwuchskompanie, bestehend aus 16 Tänzer*innen aus aller Welt, die zwischen 17 und 23 Jahre alt sind. Hier wird der Nachwuchs für das Nederlands Dans Theater 1 herangezogen.

Zwischen diesen beiden längeren Ballettstücken werden noch zwei kürzere Stücke getanzt. Mutual Comfort von Edward Clugs drückt mit fließenden Bewegungen menschliche Widersprüche und Konflikte aus. Paare kommen zusammen und trennen sich in wechselnden Konstellationen. Versuchung und Verlangen gehören ebenso dazu wie Eifersucht und Ablehnung. Alles geht nahtlos ineinander über, alles bleibt im Fluss. Dabei entstehen immer wieder Bilder von tiefer Formvollendung und Eleganz. Die Musik für Piano und Cello ist vom slowenischen Musiker und Komponisten Milko Lazar. Lazar war 15 Jahre Saxophonist in der Big Band RTV in Slowenien und komponiert Jazz und zeitgenössische Musik für Theater und internationale Sinfonieorchester.

Ein weiteres Ballett ist Simple Things vom Nestor der europäischen Choreographie Hans von Manen (*1932). Es ist eine Kreation für zwei Paare. Das Ballett wird mit einem Akkordeon Duo eröffnet und beschlossen, zu dem zwei Tänzer fröhlich beschwingt Tanzen. Dazwischen tanzen zwei Paare einen Pas de deux zur Musik von Haydn und Peteris Vasks, mit vielen klassischen Sprüngen und Drehungen. Ein Ballett von schlichter Schönheit.

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