CD-Besprechung

Immer wieder neue Perspektiven |

Zwei neue Alben von Simon Nabatov

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Köln, 09.03.2020 | Gleich zwei neue Alben aus der Kölner Szene der improvisierten Musik sind aktuell bei Leo Records erschienen, beide mit dem umtriebigen Ausnahmepianisten Simon Nabatov: Dance Hall Stories und Time Labyrinth. Nein, tanzbare Musik sind von den acht Tracks der ersteren CD nicht zu erwarten, wie Titel und Cover vielleicht suggerieren. Im Duo mit Frank Gratkowski (as, cl, fl) und in vier Stücken in Trio-Besetzung gemeinsam mit Dominik Mahnig (dr) sind vielmehr hochspannende Musikszenen einer Aufnahme aus dem Kölner LOFT zu bestaunen. Der mit über 10 Minuten lange Opener Hopeful Glances etwa beginnt mit einem verrätselten Irrlichtern von Altsax und Piano, um in dynamischer Zunahme in einen furiosen Dialog der beiden Instrumente überzugehen. Die wuchtigen Akkordsprünge vom Bass bis zum Diskant sind als Nabatov’sche Spielweise nicht unbekannt, ebenso wenig Frank Gratkowskis expressives Spiel mit seinen Blasinstrumenten – wie etwa auch in Wrong Move Reflected, einem dissonanten, fast aggressiv-zupackenden Zwiegespräch von Bass-Klarinette und Piano, das mit einem erschöpften Saiten- und Klappen-Spiel endet, oder in Slinky, einem Derwisch-Tanz von Querflöte und Piano. Dominik Mahnig als Vertreter der jüngeren Generation von Improvisationsmusikern fügt sich mit seinem filigranen und zupackenden Einsatz unterschiedlicher Perkussionsinstrumente und -techniken wunderbar in den Kosmos der virtuellen Dance Hall ein, etwa in dem nervös-groovigen It’s All In The Hips, dem geheimnisvollen Gradual Enticement mit seinem ekstatischen Ende oder dem kraftvoll-zupackenden und vorwärtstreibenden Titel Pocket Found.

Das Album besteht in beiden Formationen aus atmosphärisch ausgesprochen dichter musikalischer Narration mit je eigener Dynamik und unterschiedlichen Klangräumen, die trotz ihres abstrakten Charakters eine beeindruckende Farbigkeit erzeugen. Konzentriert man sich auf die Interaktion der Musiker, erschließt sich einem auch eher der Album-Titel: Die acht Stücke geben ein gelungenes Zeugnis von musikalischer Interpretation des zwischenmenschlichen Kommunizierens: von vorsichtig-tastender Annäherung, von Zurückweisen, von weiteren Annäherungsversuchen bis hin zum ausgelassen-ekstatischen Miteinander – Geschichten, die man sich im Kontext des realen Tanzbodens so vorstellen kann.

Das Album Time Labyrinth geht von der Stilistik und Entstehung einen ganz anderen Weg: Simon Nabatov schreibt für ein Septett sechs kammermusikalische Stücke zum Thema ‚Zeit‘.

Ausführende Musiker der Studioaufnahme sind neben dem Komponisten am Klavier bekannte Musiker der Kölner Impro-Szene: Frank Gratkowski (as, cl, b-cl, fl), Matthias Schubert (ts), Dieter Manderscheid (b), Melvyn Poore (tuba), Hans W. Koch (synth) und Shannon Barnett (trb). Der musikalische Zugang zu dem abstrakt-philosophischen Thema erfolgt mit Hilfe eines digitalen Dirigenten als „Zeitgeber“. Labyrinthisch-geisterhaft beginnt der musikalische Diskurs mit Wave, auf- und abschwellend wechseln sich Pianoläufe und zum Teil kurze Bläsereinsätze ab, mikrotonale Verschiebungen beenden das wellenhafte Auf und Ab mit dem Zustand der zeitlosen Stille. Metamorph beginnt mit einem hyperschnellen, kakophon-nervösen Gegrummel aller Instrumente, das fast sieben Minuten hochenergetisch anhält, um am Ende in einen ruhigeren Aggregatzustand überführt zu werden. Reader, v.a. die Flöte von Frank Gratkowski, erinnert in der ausgeglichenen Ruhe zunächst an impressionistische „klassische“ Musik, die durch den Konterpart des Synthesizers aus dem Gleichgewicht gerissen wird. Dieter Manderscheids Kontrabass-Solo nimmt am Ende die anfängliche Stimmung wieder auf. Nach einem pochenden Auftakt werden in Right Off die Stimmen der Blechbläser vom Tutti kommentiert. Es entspinnt sich ein interessanter Dialog zwischen den Einzelstimmen, vor allem der der Posaune von Shannon Barnett und dem Ensemble. Repeated bietet ein beim ersten Hören eher amorphes Klanggebilde, dessen fein verwobenes Gewebe sich als genau konzipiertes Konstrukt eines raffinierten Zeitkontinuums entpuppt. Das letzte Stück, Choral, beginnt langsam-ruhig, bevor es dem Pianisten Gelegenheit gibt zu seinen Ausbrüchen auf 88 Tasten, die vom Ensemble fast „konventionell“ unterlegt werden, bevor der Höhepunkt in einer turbulenten Ensemble-Improvisation erreicht wird. Beendet wird das Stück mit einer „versöhnlichen“ Phrase.

Beide Alben demonstrieren anschaulich das Talent von Simon Nabatov und seinen Musikern, mit überbordendem Ideenreichtum und pianistischer Kunst der improvisierten Musik immer wieder neue Impulse und Wendungen zu geben und perspektivenreich aufzufächern. Gespannt sein darf man auf die Fortsetzung von Time Labyrinth, das als erster Teil seines größeren Projektes „Changing Perspectives“ konzipiert ist. Als Zuhörer beteiligen wir uns gerne an solchen akustischen Perspektivwechseln.

Frank Gratkowski, Simon Nabatov, Dominik Mahnig: Dance Hall Stories. Leo Records CD LR 880. 2020

Simon Nabatov: Time Labyrinth. Leo Records CD LR 881. 2020