Welt der Klarinette |

Ein Bericht vom Multiphonics-Festival

Text: Martin Speer | Fotos: Martin Speer

Düsseldorf, 12.10.2020 | Weltmusik, Jazz und Rock trafen sich beim Multiphonics-Festivals in der Jazz-Schmiede Düsseldorf. Das zieht Fans an, die offene Ohren haben - und das ist bei solch vielseitiger Musik, wie sie Multiphonics bietet, durchaus angebracht!

Im Kern ist das Festival der Klarinette gewidmet, die sowohl zentraleuropäisch-volksmusikalische, klassisch-europäische wie US-amerikanische Jazz-Hintergründe hat. Im Jazz ist die Klarinette von Anfang an dabei gewesen, ob im New Orleans-, Dixieland- oder Swing-Jazz (man denke nur an Bennie Goodman), geriet dann jahrzehntelang in Vergessenheit, weil die rauer klingenden, von einem Blechmantel umhüllten Saxophone besser zum -nach dem Swing sich ausbildenden- Modern Jazz passten.

Erst in den letzten Jahrzehnten gibt es ein Klarinetten-Revival, vor allem in den 1980ern durch das Revival des Dixieland-Jazz, dann aber auch durch Musiker, die durchaus experimenteller arbeiten im Gefolge von Eric Dolphy, der immerhin die Bassklarinette schon im Spät-Bop Ende der 50er Jahre und Freejazz der 60er Jahre gekonnt und genial einsetzte, die durch Jazzepigonen wie dem US-Amerikaner David Murray in die 70er und 80er Jahre getragen wurde, oder sich dem benachbarten Orient bis über Arabien, Persien bis hin nach Indien im Weltmusik genannten Stil widmen. Denn vor allem in der Türkei, im Iran und vielen anderen Ländern gibt es Klarinetten-artige Holzinstrumente, und die Klarinette ist durchaus anpassungsfähig.

Trotzdem bleibt die Klarinette im modernen Jazz ein Minderheiteninstrument im Vergleich zum Saxophon, und dieses einzigartige Festival, das nun schon zum 7. Mal stattfindet, macht daher durchaus Sinn. Annette Maye, die Kölner Festivalleiterin und studierte Jazz-Klarinettistin, kommt aus dieser Richtung und bietet dem Publikum genau das: Musik, welche die Vielseitigkeit der Klarinette und Bassklarinette offenbart und offen ist für die ganze Welt der Musik von Klassik bis Jazz und Orient.

Die ganz neue Formation „Beyond the Roots“, alles etablierte Profimusiker, die nur drei Mal vorher Kompositionen diskutieren und einüben konnten, bevor sie in Düsseldorf auf die Bühne kamen, verstehen sich – ganz wie im traditionellen Jazz, was auch einen schönen Anklang an Jazzgeschichte hat, als „Work in progress“-Gruppe, die live auf der Bühne erst zu sich finden und im Bestfall immer besser werden. „Beyond the Roots“, also über die eigenen Wurzeln hinaus, das bewies die Band mit deutschen, indischen und persischen Mitgliedern am Erffnungsabend des Multiphonics-Festivals wunderbar. Das Publikum war begeistert und Besucher des Festivals in Köln können sich künftig auf noch mehr von dieser ausgezeichneten Band freuen.

Kioomars Musayyebi spielt die persische Santur, einen leicht zum Musiker angeschrägten Resonanzkasten mit 72 Saiten, verwandt mit dem europäischen Hackbrett, mit zwei Schlegeln gekonnt. Er hat nach seiner Ausreise nach Deutschland – im Iran wie in den Nachbarländern Afghanistan, Pakistan und dem indischen Kaschmir, wo das Instrument auch gespielt wird, ist Jazz kaum bekannt, wird aber vor allem auf komplexe Rhythmen improvisiert – „die Möglichkeiten des Free Jazz für mich entdeckt“, wie er nrwjazz.net berichtet, was bedeutet, „dass ein traditionell ausgebildeter orientalischer Musiker sich mit gutem Gehör auch in jazzige Rhythmik und Harmonik einfinden kann“. Seine von ihm „orientalisch“ genannten persisch-arabischen Wurzeln erinnern leise gespielt an die Klänge islamischer und vorislamischer Mystik, aber auch hart gespielte Jazzriffs werden in den Stücken hörbar, zwei sind von ihm und in der traurig bis sehnsuchtsvoll klingenden orientalischen Harmonik wie auch rhythmisch in den zirkulären Gruppen komplexer Rhythmen beheimatet. Er spielt tiefsinnig und empathisch.

Wie der ebenfalls persische Bandmusiker , der die Trommel Dombak, unter den Schulten mit zwei Händen bedient, aber anders als die ähnlichen arabischen oder türkischen Trommeln tiefer gestimmt, geradezu virtuos in alle „Beyond the Roots“-Stücke einpasst. Mit voller Power unterlegt er die komplexen Stücke indischer, europäischer und orientalischer Herkunft absolut gekonnt und lässt sich, zwischen tiefen und hellen Schlägen und auch den Trommelrand nutzend, viele Variationen einfallen, die besonders seinen schön eingebauten Soli hörbar werden.

Weiteres Mitglied: Hindol Deb, ein originär in der nordindischen Klassik beheimateter Sitarspieler, der mit dem vielsaitigen (!) Instrument, wie eine Gitarre auf dem Schoß liegend mit Plektron gespielt, mit harmonischen Einfügen Stücke harmonisch unterlegt, eigene melodische Akzente setzt und mehrfach bis in höchste Geschwindigkeiten, Dynamik und Tonlaute der Sitar alles abgewinnt, verursacht staunende Rufe im Publikum. Eine bislang seltene und gute Ergänzung zu den orientalisch geprägten Gruppen Nordrhein-Westfalens.

Hinzu kommt Festivalleiterin Annette Maye auf Klarinette und Bassklarinette, bereits in vielen Formationen geübt in orientalischer Musik, die aber einfühlsam lange Riffs wiederholend oder in Soli die Klarinette als den orientalischen Instrumenten durchaus ebenbürtiges Instrument beweist: Hochgezogene Töne ersetzen die Vierteltonleitern, und rhythmisch akzentuierte, variierte Tonfolgen setzen die Mitmusiker unter Feuer. Maye ist die einzige Klarinettespielerin des Bands, sie sorgt aber dafür, dass die vielfältige Einsetzbarkeit von Klarinette und Bassklarinette an einem Abend durchaus hörbar werden.

Ihr deutscher Kollege, Violinist Albrecht Maurer, der nicht nur mit dem iranischen Musiker Bassem Hawari bereits im Duo auf CD („Crossover Bagdad Köln“, NEMU 2019) orientalische Musik spielte, sondern auch mit einer „neuen alten“ Einspielung von 1993 mit dem weltbekannten Saxofonisten Charlie Mariano eine aktuelle, indisch geprägte CD präsentiert („Remember Yatra“, NEMU 2020) passt bei „Beyond the Roots“ perfekt in den Rahmen und spielt sein Instrument sowohl in langsamen Balladen einfühlsam, aber auch teuflisch geschwind mit gewagten Riffs in den schnellen Stücken.

Scheinbar nicht größer konnte der zweite Teil des Abends sein, aber nur scheinbar: die inzwischen auf allen großen Jazzfestival präsente und vom Goethe-Institut als „deutsches Kulturgut“ bereits auf Reisen in elf Länder auf allen Kontinenten geschickte Jazz-Rock-Formation Jin Jim donnerte was das Zeug hielt: mit komplexen, aber rockig auf den Punkt gespielten Rhythmen und furiosen Soli knüpfen sie an den Jazzrock der 70er Jahre und den Fusion-Pop der 80er Jahre an – bedienen also wieder die Bedürfnisse auch von Nicht-Jazz-Fans, die erst langsam zur improvisierten Musik finden. So etwas bedienen Jin Jim perfekt. Das macht diese Band auch so wichtig und mitreißend nach den langen groovelosen Experimenten des modernen Jazz.

Sogar Showeinlagen hat an diesem Abend jeder Jazzmusiker drauf – jene, welche auch Louis Armstrong (New Orleans), Dizzy Gillespie (Bebop) oder Miles Davis populär machten. Das beweist etwa Danie Manrique Smith an der Pikkolo-, Alt- und Bassflöte, zwischen einem klassisch spielenden Ian Anderson (Jethro Tull) und einem auf die Spitze treibenden Jazz-Flöte spielenden Joe Farrell (Return To Forever) wandelnd, aber technisch weit über sie hinaus gehend, mit der aus dem Hiphop entlehnten Human Beat Box auch zeitgenössische Entertainment-Elemente einbringend, wird zu einem Publikumsliebling, wie im Prinzip jedes andere Bandmitglied auch. Gitarrist Johann May haut dazu Metal- und Punk-ähnliche Riffs wie auch feinfühlige jazzige Linien heraus und erweist sich als in seinen Pausen vom Publikum gleich kopierten und geliebten Klatsch-Animateur. Bassist Ben Tai Trawinski hämmert so gekonnt und zielgenau blues- und rockbetont auf den Kontrabass, bei dem jeder Ton sitzt, das es die Zuschauer fast zum Tanzen bringt, ebenso wie Drummer Nico Stallmann, der in den durchaus komplexen, wiederum an indische und orientalische angelehnte Rhythmuszirkel so gekonnt Rockelemente einbringt wie Miles Davis-Drummer Jack de Johnette in seinen besten Phasen, nur noch elastischer und schwingender. Eine Band zum Anfassen und Lieben, welche zu Witzen und lustigen musikalischen Einschüben das Publikum einfach mitreißt! Das ist moderner Jazz, wie er traditionell eben auch gesehen wurde. Toll, wunderbar. Annette Maye spielte bei zwei Stücken Klarinette und Bassklarinette, etwas abstrakter, versetzter in den Rhythmusgefügen, und bringt empathisch einen Ton in die Band, der durchaus passte.