Nach vorne denken hilft |

Programm fürs Moers-Festival steht soweit

Moers, 25.03.2020 | Die Programm-PK fürs Moers-Festival fand in diesem Jahr - wen wundert es- zuhause statt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass es Pfingsten, also vom 29.5. bis 1.6. ein Festival geben wird. Dass nach vorne denken gut tut, beweist das Veranstalter-Team mit einem sehr kreativen Programm für die 49. Ausgabe und einer bemerkenswerten Kooperation mit dem PENG-Festival.

"Wir möchten in diesen ungewöhnlichen Zeiten ein Festival präsentieren, das Spaß und Mut macht, den Fokus erweitert und die Menschen zusammenbringt – in welcher Form auch immer das möglich sein wird."

Unter dem Motto new ways to fly ist das Festival wieder unterwegs zu neuen Ufern, Entdeckungen und dem ganz besonderen Sound.

2020 liegt ein Fokus auf Projekten von und mit Frauen. Peng macht Moers! Das moers festival kooperiert mit dem Essener Peng!-Festival und präsentiert mehrere Formationen, in denen die Damen das Sagen haben – auch in der heutigen Szene noch lange nicht selbstverständlich. Außerdem stellen drei international bekannte Improvisatorinnen ihr Projekt 51% vor. Joëlle Léandre, Maggie Nicols und Silke Eberhard laden jeweils weitere Musikerinnen ein und formieren ein schlagkräftiges Nonett, eine Premiere.

Ein Wiedersehen gibt es mit der charismatischen Camae Ayewa und ihrer Band Irreversible Entanglements, die politisch brisante Lyrics mit energetischem, freiem Jazz verbinden und niemand Geringeren als Archie Shepp als Gast mitbringen. Der 83jährige

Altmeister, der einst mit Coltrane spielte und die Geschichte des schwarzen Jazz wie kaum ein anderer prägte, passt mit seiner hellwachen, unbeugsamen Haltung bestens zu dem jungen Quintett.

Nach 31 Jahren dürfen wir Heiner Goebbels wieder begrüßen. Aus einem seiner jüngsten Theaterprojekte entstand Band The Mayfield. Fünf junge Musiker*innen aus vier Ländern improvisieren in einem eigenwilligen, unerhörten Stil.

In 49 Jahren erst zum zweiten Mal ist ein Gigant des modernen Jazz in Moers: John Scofield bringt mit Steven Swallow und Bill Stewart zwei Großkünstler zum Festival, die ihn seit Jahrzehnten begleiten.

Der Montag steht ganz im Zeichen von John Zorn. Der New Yorker zeigt zwei aktuelle Kompositionen, die mit der Sopranistin Barbara Hannigan und dem Pianisten Steve Gosling zwei Weltklasseinterpreten finden. Zorn wird außerdem ein unbegleitetes Solo spielen, in einem Schwerpunkt mit dem charmanten Titel „Picasso“. Gemeint ist nicht der Maler, sondern das erste unbegleitete Bläsersolo des Jazz, 1948 von Coleman Hawkins eingespielt. Der Picasso-Spot unterbricht immer wieder das Bühnenprogramm, neben Zorn spielen auch Archie Shepp, Wolfgang Puschnig und andere.

Ein Städtespot liegt in diesem Jahr auf Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Kaÿn Lab spielen eine raffinierte äthiopische Art des Jazz, mit knackigen Rhythmen und jeder Menge Energie. Eine großartige Kooperation hat der norwegische Schlagzeuger Paal Nissen-Love ersonnen: Seine 14köpfige Large Unit wird um zwei brasilianische und sechs äthiopische Musiker*innen erweitert, darunter der bekannte Tänzer Melaku Belay. Ein brodelnder melting pot, der richtig abgeht.

Auch Künstler*innen aus São Paulo sind wieder in Moers zu Gast. Allen voran natürlich der diesjährige improviser in residence, Mariá Portugal. Sie stellt unter anderem das neueste Projekt ihrer Band Quartabê vor, das tief in die Tradition brasilianischer Musik eintaucht. Schlagzeugkollege Guilherme Kastrup spielt mit seinem Quartett, das heiße tropische Rhythmen mit Jazz und Elektronik verbindet.

Drei große Projekte widmen sich dem Spannungsfeld Neue Musik und freie Improvisation. Der vor 30 Jahren verstorbene, hierzulande fast unbekannte Minimal-Komponist und Performer Julius Eastman wird gleich zweimal in den Blick genommen: die junge amerikanische Band Horse Lords widmet ihm ihr jüngstes Projekt, sozusagen Eastman goes Rock! Vier Pianist*innen um die Folkwang-Professorin Patricia Martin, die einst selbst mit Eastman arbeitete, spielen seine Musik im Original auf vier Flügeln.

Das weltbekannte Ensemble ChorWerk Ruhr mit seinem Leiter Florian Helgath trifft auf Marc Schmollings Quintett. Gemeinsam tasten sie sich in Schmollings zarten Kompositionen und Improvisationen vor und kontrasieren diese mit den kühnen Madrigalen von Gesualdo.

28 Musiker*innen bilden Onceim, ein französisches Ensemble für die ganz außergewöhnlichen Projekte. Zu hören sein wird die einmalige Zeitlupenmusik der 88jährigen Komponistin Éliane Radigue, die seit den 1950er Jahren elektronische Musik konziperte und ihre Erfahrungen und Klangvorstellungen inzwischen auf akustische Instrumente überträgt. Ein feiner, subtiler Klangstrom zum Eintauchen.

Auch das moers festival gedenkt des 250. Geburtstags von Ludwig van Beethoven. Zwei ganz verschiedene Programmpunkte, natürlich aus Wien, sind dem Meister gewidmet. Wolfgang Mitterer mischt die neun Symphonien zu einem erregenden, witzigen Remix zusammen, über den Moers-Urgestein Wolfgang Puschnig und Herbert Pirker improvisieren.

Im Original belässt das Auner Quartett Beethovens Spätwerke und zeigt, wie radikal und modern diese Musik auch heute noch klingt. Für ein weiteres Beethoven-Werk erweitert sich das Streichquartett um junge Musiker*innen des Landesjugendorchesters NRW.

Der Kompositionswettbewerb composer kids wird zum dritten Mal durchgeführt, das moers festival freut sich auf viele Einsendungen. Wolfgang Puschnig lässt es sich nicht nehmen, mit der Projektband die Werke der jungen Künstler*innen einzustudieren.

Aktuelle Infos unter www.moers-festival.de