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Jazzfest Berlin virtuell und transatlantisch

Text: Stefan Pieper | Fotos: Camille Blake, Wolf Daniel

Berlin, 10.11.2020 | Während sich Gesellschaften zu spalten drohen, baut Jazz die Schranken zwischen Kulturen, Nationen, und Stilistiken ab – das Jazzfest Berlin demonstrierte mit zeitgleichen „Tandemkonzerten“ in Berlin und New York ein solches Zusammenrücken vorbildhaft. Die völlige Ortsungebundenheit mangels eines physischen Publikums machte es möglich.

Ein Fazit bleibt nach vier langen Tagen und Abenden vor der heimischen Bildschirmen und Anlagen: Diesseits und jenseits des Atlantiks ist große Lust vorhanden, neue musikalische Welten zu erschaffen.

Im Jahr 2018 übernahm Nadine Deventer die künstlerische Leitung für eine der traditonsreichsten Jazz-Großveranstaltung in Deutschland. Die Philosophie des Festivals hat seitdem eine konsequente Verjüngungskur durchlaufen. Heute geht es in Berlin – und nicht nur dort -um eine Spurensuche in der Gegenwart - nach allem, was in den Szenen der großen Städte gegenwärtig, aufregend und kostbar ist. Und im Moment auch so bedroht ist wie nie, wo die politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie den freien Kultursektor bedrohen.

Man war bei der Planung sowieso von einem Hybrid aus Liveereignis und Medienevent unter Beteiligung aller ARD-Anstalten ausgegangen. Entsprechend stand die Infrastruktur bereit, als der ungünstigste Fall, nämlich der völlige Ausschluss des Publikums, eintrat. Also schlug in Berlin die Stunde animierter Videoformate und Multimediakonzerte. Denn neue, kreative Lösungen gehen allmählich über die schnöde Konzertsimulation im Netz hinaus – umso wichtiger, seitdem Streamingkonzerte in der Szene nicht mehr den allerbesten Ruf genießen.

Wo kein Publikum den Musikern mehr direktes Feedback gibt, sorgte eine besondere Venue für emotionale Schadensbegrenzung: Im achteckigen Raum des Kulturquartieres „Silent Green“, einem ehemaligen Krematorium überdies, konnten die Musiker vis a vis und im Kreis positioniert spielen, was augenscheinlich das „Einander-Zuhören“ begünstigte und damit die vielen angetretenen Sextett-, Septett-, Oktett etc.- Besetzungen hörbar beflügelte.

Mehr noch, die fast spirituelle Aura dieses Orte ließ umso besser in ungeahnte musikalische Welten abheben, immer neu, immer wieder anders. Hinreißend, was den Ausführenden im Projekt „Ap Lla“ alles einfiel. Kern des Projektes unter Federführung des schwedischen Bassisten Joel Grip ist ein dadaistisch angehauchtes Kunstsprache-Konstrukt unter diesem Namen. Es wurde eine Sternstunde an improvisierter, komponierter, auch choreografierter Darstellungslust. Zum synästhetischen Erfahrungsraum wurde das Silent Green immer wieder: Auch das Projekt „Sunnosphere“ des Pianisten Alexander Hawkins zog optisch alle denkbaren Register. Aber aus Sirenengesängen und Trompetensound-Kaskasen erwuchs viel mehr, als “nur” kosmische Fantasiegebilde eines Sun Ra: Mittendrin textet der libanesische Rapper Siska über eine – auch gerade in der Haupstadt seines Heimatlandes – desolaten Wirklichkeit.

In fliegendem Wechsel wurde nach New York, genauer nach Brooklyn herübergeschaltet – dieser Stadtteil hat längst Manhatten komplett als Epizentrum der Jazzavantgarde abgelöst und ein Club namens Roulette gehört zu den angesagten Örtlichkeiten. Ein neues Trio des Pianisten Craig Taborn schickte seine musikalischen Mikroorganismen aus dem Brooklyner Musikclub Roulette direkt über den Atlantik – aber die drei können auch ganz anders, wenn sie gegen Ende ihres Sets jede aufgetürmte Anstraktion über Bord werfen, konkret werden, die Elfeintürme zum Einsturz bringen. Die Saxofonistin Lacecia Benjamin legte im Trio eine Coltrane-Hommage hin, was wie eine würdige Hommage an klar definierte Ewigkeitswerte im Jazz wirkte. Zum Glück vermeidet es Latecia Benjamin vornherein, mit Coltranes Spiel konkurrieren zu wollen. Die Antwort auf so viel geballte Jazzgröße aus Berlin folgte zu einem anderen Zeitpunkt des Festivals: Von sprühender Spiellust und funkelnder Finesse nahm sich die Großformation Potsalotsa von Silke Eberhardt der charismatischen Musik des großen Henry Threadgill an.

Die Möglichkeiten echter Begegnung sind in Zeiten von Ausgangssperren und Abstandsgebot wie rare Strohhalme, um sich dran zu klammern. Die Gespräche, welche Nadin Deventer und ihre New Yorker Co-Moderatorin mit allen Musikerinnen und Musikern führten, wiederspiegeln ein starkes Ausgehungertsein, welches zurzeit hinter allem kreativen Tun steht. Die Bühnen in Berlin, New York und anderswo sind hier Befreiungsräume, um loslassen zu können. Und um Charakter zu zeigen.

Ohne den Schlagzeuger Jim Black wäre das Festival wohl nicht das, was es geworden ist. Zu erleben war der humorvolle Drummer in gleich mehreren Besetzungen – last but not least auch in einer schrägen Rock-, Disco-, Retro-Hiphop-Hommage im Rahmen der Band MEAOW.

Und was für einen Spaß auf der Bühne transportierten auch die Sopranistin/Gitarristin Heidi Heidelberg und der Flötist Mauricio Velasierra in ihren komödiantisch-überspitzten Live-Duellen im Rahmen ihres Duos “Which and Monk”!

Und klar, dass sich hier bei diesem Festival Berlin auch als Schmelztiegl in Sachen elektronischer Klänge Gehör verschaffte – etwa im Duo TRAINING, wo John Dieterich and Işıl Karataş die Klangereignisse aus den Schaltkreisen mit real erlebarer Perkussion konfrontieren.

Zwischendurch hellte in Berlin und New York ein Lichtblitz die Minen aller Beteiligten auf, sofern dies sichtbar war und nicht von Mundnasenschutzmasken verdeckt war: Gerade als Ingrid Laubrock und Kris Davis eine sehr kammermusikalische Form von Gemeinsamkeit pflegten, kam die Nachricht von der endgültigen Abwahl des ungeliebten Donald Trump - bekanntlich hat der in seiner Amtszeit mit vielen Dingen nicht wirklich geglänzt, auch nicht mit Großtaten für ein transatlantisches kulturelles Miteinander.

Sämtliche Konzerte und Übertragungen können nachgehört und angeschaut werden unter

https://www.arte.tv/de/videos/100319-003-A/jazzfest-berlin-live-07-11-20/