Jazz in anderen Ländern

Jazz in Canada |

Bria Skonberg und Samantha Martin

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: s.u.

Bochum, 08.01.2021 | Wenn US-Amerikaner nach Canada fahren und ihr Auto dort auftanken, gehen ihnen manchmal die Augen über, wenn sie auf die Ziffern der Tanksäule sehen. Denn die Sprache ist zwar die gleiche, aber man rechnet dort nicht in Gallons, sondern in Liter; auch die Kilometer muss man in Miles umrechnen. Doch was würden die US-Amerikaner über den Jazz in diesem Land sagen? Staunen würden sie vielleicht, dass Oscar Peterson dort geboren ist, ebenso wie Kenny Wheeler und Gil Evans.

Denn Canada hat viel zur Entwicklung des Jazz beigetragen. Shelton Brooks schrieb schon 1917 „At The Dark Town Strutters“ für die Original Dixieland Jazzband. Paul Bley, Michael Bubblé, Diana Krall und der Trompeter und Bandleader Maynard Ferguson sind weitere Namen, die man nicht unbedingt mit Canada in Verbindung bringt.

Canada ist etwas größer als die USA, hat aber nur ein Zehntel der Bevölkerung. Wegen der sehr hohen Einwanderungsquote (über 20% der Bevölkerung im Ausland geboren), ist vielleicht auch der Jazz sehr vielfältig und offen für neue Impulse und Ideen. Es gibt eine große Jazz-Szene mit Musikern, die bei uns nicht so bekannt sind, canadajazz.net gibt dazu einen guten Überblick.

Berühmt ist Canada für das Festival International de Jazz de Montréal, das in der französischsprachigen Provinz Quebec liegt und seit 1980 in jedem Sommer stattfindet. Es ist eines der größten Jazzfestivals der Welt mit bis zu 2 Millionen Gästen. In jedem Sommer? Nicht im letzten, da gabs nur einen online-Ersatz.

Ebenso sah und sieht es leider auch bei uns in Deutschland aus. Canada sollte bei jazzahead! im letzten Jahr Partnerland sein, das wurde nichts und in diesem wird Canada ein weiteres Jahr aussetzen wegen des Reiseverbots der kanadischen Regierung.

Ich möchte nun mit Bria Skonberg und Samantha Martin zwei kanadische Musikerinnen vorstellen, die beide 1983 geboren wurden, die aber ganz unterschiedliche Stile vertreten.

  • Bria Skonberg

Bria singt und sie spielt Trompete. Sie kommt aus British Columbia, also aus dem Westen Canadas und ist für guten Mainstream-Jazz bekannt.

Bei ihrem Album With a Twist (2017) geht es sehr lebendig zu, auch die Auswahl der Stücke ist interessant. Es beginnt mit dem durch Nina Simone bekannt gewordenen My Baby Just Cares For Me, hier von einer Piccolo-Flöte begleitet und mit einem Trompetensolo von Bria.
Dance Me to the End of Love von Leonard Cohen, der auch in Canada geboren wurde, singt sie ähnlich melancholisch, aber nicht so düster, dafür mit einer melodischen Trompeten-Begleitung. Thinking out Loud von Ed Sheeran gibts in einer Instrumentalversion im HardBop-Stil.

High Hat, Trumpet and Rhythm ist ein Song der US-Amerikanerin Valaida Snow, die in den 20er und 30er Jahren auch sang und Trompete spielte (s. Foto unten links).
Drei der 13 Stücke hat Bria selbst komponiert, darunter Time to Go. Sie selbst berichtet, dass das kleine Lick im Intro und Outro von 'Dizzy Atmosphere' von Dizzy Gillespie stammt. Als Kanadierin singt sie manchmal auch auf Französisch: z. B. den durch Juliette Greco bekannt gewordenen Song Seule ce Soir.

Zu ihrer letzten CD Nothing Ever Happens gehört das Stück Blackbird Fantasy.

Hier verbindet sie Duke Ellingtons Black and Tan Fantasy mit Blackbird von den Beatles. Ein sehr interessantes Stück. Es beginnt mit dem dumpfen durchgängigen Beat der Black and Tan Fantasy, der wohl vom Duke bei Chopin entlehnt wurde. Parallel dazu setzt der Gesang mit der Melodie von Blackbird ein. Dann ein Trompeten-Solo mit Dämpfer und Growl-Effekten im Stile von Bubber Miley; dann wieder der Gesang, leicht bluesig – ‚...into the light oft he dark black night‘ - sehr gut!

Bria Skonberg
With a Twist 2017
Nothing Ever Happens 2019

Fotos aus https://www.briaskonberg.com/video

  • Samantha Martin

Samantha kommt aus Toronto. Sie steht für Soul und für Tanzmusik. 2018 hatte sie Run To Me herausgebracht, im letzten November The Reckless One. Im diesem Album finden sich 12 Stücke, die unterschiedlich angelegt sind, vom Sound her ähnlich klingen. Es dominiert die Stimme Samanthas als Soul-Leadsängerin, man denkt vielleicht an Tina Turner, an Otis Redding oder Booker T. "Samantha Martin’s trademark hurricane-force vocals.” sagt sie dazu selbst auf ihrer Homepage.

I’ve Got a Feeling bringt ganz viel Feeling rüber und wurde auch als Single veröffentlicht. Das Stück zeigt mit der Emphase in der Stimme und mit den co-vocals ihre Nähe zum Gospel. Anders bei Bob Dylans Meet Me in the Morning. Hier covert sie recht funkig und eindringlich. Bei allen anderen Stücken war sie an der Komposition beteiligt. Recht funkig auch Love is All Around, womit nicht der Ur-Oldie von den Troggs gemeint ist. In manchen Stücken kann ihre Stimme auch mal so ähnlich wie Janis Joplin oder Maggie Bell klingen. Samanthas Musik motiviert bei vielen Songs zum Tanzen und Mitsingen, kommt wohl am besten live rüber.

Samantha Martin & Delta Sugar - The Reckless One
Label Gypsy Soul Records Nov. 2020

Fotos aus https://samanthamartinmusic.com

Hoffen wir, dass jazzahead! 2022 offline stattfinden wird und wir dann endlich kanadische Jazzmusiker live erleben können!

Hinweis: ein weiterer Report zu Jazz in Canada folgt demnächst an dieser Stelle