Raus aus dem Keller |

Jan Klares Band 1000 erobert den öffentlichen Raum

Text & Fotos: Stefan Pieper

Krefeld, 20.07.2020 | Krefelds Jazzkeller muss leider wegen den Corona-Abstandsgeboten bis auf weiteres Pause machen. In einer open-Air-Sommerkonzertreihe kooperieren der Krefelder Jazzklub und der „Keller“ miteinander und holen die Konzerte an die Oberfläche, hinaus auf die Straße inmitten der Innenstadt – zuletzt beim Auftritt der Band „1000“, diesmal in Triobesetzung mit Jan Klare (reeds), Michael Vatcher (drums) und Wilbert de Joode (bass).

Open-Air-Veranstaltungen vor der Tür sind die Lösung der Stunde - zumindest solange noch Sommer ist! Also schweben leichtfüßige, vor Ideen sprühende Tonskalen durch die Straßenschlucht, als Jan Klare auf seinen Saxofonen und manchmal auch der Flöte loslegt. Auf Bänken sitzend, haben circa 100 BesucherInnen der Programmplanung des Krefelder Jazzklubs vertraut, lassen sich ein und werden nicht enttäuscht. Noch interessanter sind die Reaktionen des Laufpublikums: Zum Beispiel verweilt eine junge Mutter mit einem kleinen Kind, das aus dem gebannten Staunen überhaupt nicht mehr herauskommt. Ein erstes Erweckungserlebnis für den Jazz?

„Als wir im Jahr 2004 die Band gründeten, erschien die Zahl 1000 noch unvorstellbar groß“ liefert Klare eine noch seltsamere Erklärung für den ohnehin schon eigenartigen Namen für diese Band, die normalerweise – und nach eigenem Bekunden in Anlehnung an ein Quartett von Ornette Coleman – in Viererbesetzung antritt. So dadaistisch-schräg Klares Erklärung des Bandnamens hier anmutet, so unmittelbar und querdenkerisch kommuniziert dieses Trio mit seinen Instrumenten. Dieser Jazz wirft Fragen auf, statt Klischees zu bedienen – und entfaltet eine lässige Musikalität dabei! Sportliche Eitelkeiten auf den Instrumenten sind überhaupt nicht nötig. Jan Klare lässt auf seinen Hörner den Spielfluss nie versiegen. Schlagzeuger Michael Vatcher setzt dynamische Wellen in Bewegung und macht auch durch Crescendo-Effekte gehörig Alarm. Bassist Wilbert de Joode ist Lyriker und Berserker zugleich auf seinem Tieftöner. „Der zerreißt ja manchmal fast die Saiten seines Instruments“ staunt ein Zuhörer über das unmittelbar Erlebte. Vor allem: Die drei kreisen bei allem nicht um sich selbst, sondern holen im besten Sinne ihr Publikum ab. Wenn Michael Vatcher zwischendurch einen charmanten Song anstimmt, braucht er kein Gesangsmikro, denn so sehr hat sich die Kunst des Zuhörens längst aufs Publikum übertragen. Die spannendsten Momente entstehen, wenn die Musik auch mal leiser wird, um der akustischen Umgebung Raum zu geben. Stimmen aus der Ferne. Irgendwo ein Martinshorn. Schließlich ein obskures lautes Surren von oben. An einem neumodischen Zweckbau fahren automatische Rolladen hoch. Die Sonne geht und der laue Abend kommt. Michael Vatcher antwortet mit einem dezenten Trommelwirbel...

Saxofonist Jan Klare hat früher Straßenmusik gemacht - und empfindet das Spiel im öffentlichen Raum als Herausforderung: „Es braucht Mut, wenn dort viele unterschiedliche Menschen unterwegs sind und eben nicht nur ein exklusives Publikum wie im Jazzkeller“.

In der Rubrik jazzreports ist ein Interview mit Ralf Sackers vom Jazzklub Krefeld zu lesen...

https://www.nrwjazz.net/jazzreports/2020/Interview_mit_Rolf_Sackers_vom_Jazzklub_Krefeld