​Finanzielles Polster für ein paar Monate|

Frank Haunschild blickt in der Krise in die Zukunft

Text & Fotos: Stefan Pieper

Neunkirchen-Seelscheid, 26.03.2020 | Wir möchten uns an die Quellen begeben – und das seid Ihr, die Aktiven in der Jazzszene von NRW Was macht ihr gerade und was treibt euch um? Was seht ihr kritisch? Was sind eure Zukunftspläne und Hoffnungen? Den Anfang unserer Serie macht der Gitarrist Frank Haunschild, der gerade in häuslicher Quarantäne verweilt und sich über viel Muße zum Reden und für aufgeschobene Dinge freut. Das Interview führte Stefan Pieper am 21.3.2020.

Hallo Frank, wie ist die Stimmung bei Dir gerade?

Die Stimmung ist super. Ich mache endlich mal alles, was vorher lange aufgeschoben war. Ich schaffe gerade sehr viel. Steuer machen. Keller aufräumen. Mal alle Gitarren gründlich putzen und neu besaiten. Ich habe auf jeden Fall noch einige Wochen zu tun.

Und wenn Du damit schließlich fertig bist?

Dann wird es schwierig. Aber wir kommen alle mal ins Nachdenken gerade. Die Welt hat angehalten. Die Natur hat eine Chance, sich zu erholen. Dieser permanente Vollgas-Wahnsinn steht endlich auf dem Prüfstand. Wenn wir als Bewohner dieses Planeten immer so, wie bisher weiter machen, richten wir alles zu Grunde. Gerade fängt der Planet an, sich zu wehren.

Angesichts der vielen existenziellen Bedrängnisse durch die aktuellen behördlichen Beschränkungen, sehe ich die Romantisierung der Situation sehr kritisch - obwohl natürlich was wahres dran ist!

Das ist natürlich so. Ich führe viele Gespräche mit Kollegen. Die Situationen sind so unterschiedlich wie die Lebensläufe und Charaktere. Ich kann alles noch relativ gelassen sehen im Moment, denn ich habe eine nebenberufliche Professur und bekomme mein Gehalt weiter – das sichert erstmal das Allernötigste. Natürlich bin auch ich darauf angewiesen, im Dschungelkrieg des freien Marktes dazu zu verdienen. Im Moment habe ich ein finanzielles Puffer für ein paar Monaten, also nicht so viel Existenzangst. Viele meiner Kollegen sind jetzt von 100 auf 0 runter – ich denke nur an die ganzen Honorarkräfte an Musikschulen etc. Wenn etwas abgesagt ist, gibt es eben kein Honorar und keine Versicherung.

Jetzt fällt dem öffentlichen System die ganze Sparpolitik auf die Füße – was letztlich umso teurer wird für die Allgemeinheit!

Es ist eine Frage, wie man sich eingerichtet hat. Manche leben immer stark am Limit und haben ihren Dispo ständig ausgereizt. Die fallen jetzt schon nach wenigen Wochen böse aufs Gesicht. Bei anderen, die vorsichtige Rücklagen gebildet haben, sieht es entspannter aus. Es hängt von so vielem ab. Hat man kleine Kinder oder nicht? Verdient die Frau dazu? Es betrifft auf jeden Fall alle, das kann man feststellen. Jeder ist betroffen und beeinträchtigt und muss umdenken.

Gibt es Lebenserfahrungen, von denen Du jetzt profitierst?

Auf jeden Fall. Vor ein paar Jahren konnte ich krankheitsbedingt ein Dreivierteljahr nicht arbeiten. Das war noch extremer als jetzt und mit viel Angst behaftet.

Was hat Dich konkret bei dieser Erfahrung weitergebracht?

Ich habe gelernt, zu entspannen und alles gelassener anzugehen. Vor allem nicht ständig zu denken, was jetzt gerade passiert, ist von allzu großer Bedeutung. Alles relativiert sich, auch diese Corona- Krise. Man wird von einer Zeit vor Corona und nach Corona sprechen. Aber es ist kein Weltuntergang. Ich strebe weiterhin einen Gemütszustand von heiterer Gelassenheit an.

Beeinflusst die aktuelle Situation Dein Zeitempfinden?

Insofern, als ich mehr Zeit habe. Ich achte auch in meinem normalen Alltag immer darauf, bewusst leere Tage einzubauen. Ich trage mir diese freien Tage sogar in den Terminkalender ein und versuche, pro Monat 20 Arbeitstage nicht zu überschreiten.

Kann ein Musiker, dessen Leidenschaft zum Beruf wird, überhaupt zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit differenzieren?

Arbeit ist alles, was andere Menschen involviert. Wenn ich für mich alleine bin, greife ich zur Gitarre. Das ist dann nicht Arbeit, sondern eine Entscheidung, mich mit meiner Leidenschaft zu beschäftigen. Fokussierung ist wichtig. Ich mache ungern Unterricht, wenn ich am selben Abend ein Konzert spiele. So zu leben, geht nur mit dem Job an der Musikhochschule – es kommt auch drauf an, finanzielle Ansprüche nicht allzu hoch zu schrauben.

Wie empfindest Du die Ungewissheit, die gerade herrscht?

Wenn man der Wissenschaft Glauben schenken darf, müssen wir bei der aktuellen Krise von einem halben Jahr ausgehen. Darauf stelle ich mich jetzt bewusst ein.

Hättest Du unter den gegebenen Umständen ein halbes Jahr lang eine existenzielle Basis?

Das wird es auf jeden Fall knapp. Man muss sehen.

Was hältst Du von den ganzen Versprechungen und Hilfsangeboten von Bund und Ländern?

Ich habe mir ein Formular herunter geladen, wo man als Künstler ausgefallene Veranstaltungen eintragen und Soforthilfe beantragen kann. Ich finde es gut, dass an Künstler gedacht wird und dies jetzt ein so großes Thema ist. Normalerweise sind wir ja nicht unbedingt Gesprächsthema. Das empfinde ich schon als überraschenden kleinen Mutmacher. Bemerkenswert finde ich auch, dass vielen Leuten plötzlich bewusst wird, was eigentlich fehlt: Keine Konzerte, kein Theater, kein Ballett. Das zeigt, dass wir nicht nur Tiere sind, sondern eben ein Bewusstsein für Kultur haben. Das macht mir Hoffnung und Mut.

Hunger kommt ja gerade in Mangelsituationen wieder zum Ausdruck.

Genau, und wir haben normalerweise eine Übersättigung in allen Lebensbereichen.

Für dich als Jazzmusiker ist Improvisation bestimmt so etwas wie eine Geisteshaltung. Wie hilft dir Improvisation in der gegenwärtigen Lebenssituastion?

Ganz einfach: Wir Jazzer sind es gewohnt, musikalisch ständig eine Situation zu erfassen und flexibel darauf zu reagieren. Diese Fähigkeit kann man im Alltag anwenden und immer eine Lösung finden. Mit irgendwas lange zu hadern, ist nie gut.

Aktuell heißt es, nach vorne zu blicken – auf die Zeit, wenn die Krise vorbei ist. Mich auf neue Projekte vorbereiten. Ich überlege, ein Buch zu schreiben und bereite CD-Produktionen vor. Wir entwickeln gerade ganz neue Kommunikationsformen. Wir schicken uns gegenseitig Audiofiles zu, bearbeiten sie, ich finde das sehr spannend. Und mit meinen Studierenden kommuniziere ich ebenfalls regelmäßig über Skype.

Was hältst Du von online Konzerten?

Ich halte das für einen Fehler. Man soll die Menschen auch diesen Mangel spüren lassen, dass es eben jetzt keine Konzerte gibt.

Ich danke Dir für dieses aufbauende Gespräch! Bleib gesund!

Der Deutsch-Amerikaner Frank Haunschild gehört zur internationalen Gilde der Jazzgitarristen und ist einer der gefragtesten Dozenten und Gitarristen Deutschlands. Der diplomierte Jazzgitarrist unterrichtet zur Zeit als Professor für Jazzgitarre an der Staatlichen Hochschule für Musik in Köln.

Zusätzlich ist er als Dozent auf zahlreichen nationalen und internationalen Jazz-Workshops vertreten. Die drei Bände seiner Schule "Die Neue Harmonielehre" sind ebenso wie sein Gitarrenbuch mit Play-Along-CD "Modern Guitar Styles" und seine Play-Along Bücher "Let's Groove!" zu Standardwerken der modernen Musikpädagogik avanciert und wurden ins Englische und Japanische übersetzt.

Frank Haunschild ist ein gefragter Gitarrist, der regelmäßig live auf den Bühnen in Deutschland und den europäischen Nachbarländern zu hören ist. Zahlreiche CD-Veröffentlichungen unter eigenem Namen zeigen seine außergewöhnlichen musikalischen Qualitäten als Musiker und Komponist.

http://www.frankhaunschild.de/