​Dejan Terzic |

Melanoia

Text: Dr. Michael Vogt

Köln, 21.04.2020 | Vor gut acht Jahren hat der aus Serbien stammende Schlagzeuger Dejan Terzic seine Band Melanoia gegründet und seitdem drei innovative Alben veröffentlicht. Das neue Werk präsentiert sein Quartett in einer zur Hälfte neuen Besetzung. Saxophonist Christian Weidner, wie Terzic und Gitarrist Ronny Graupe in Berlin ansässig, ist nun fest dabei, nachdem er in letzter Zeit schon häufig eingesprungen war. Ende letzten Jahres spielten sie ein furioses Pre-Release-Konzert im Kölner Loft.

Ein Auftakt wie ein Stromschlag: Ohne Vorwarnung setzten sich minimalistisch wiederholte Motive in Bewegung wie der wimmelnde Verkehr einer Großstadt, der sich lärmend und unaufhörlich durch die Hochhausschluchten einer Millionenmetropole wälzt – das erste Stück („Schnell“) des dritten Albums der Formation „Melanoia“ erinnert an Passagen aus „Koyaanisqatsi“ (Philip Glass) oder „Music for 18 Musicians' (Steve Reich), hat aber im Vergleich dazu beträchtlich an Tempo gewonnen. Umso mehr wirkt „Schnell“ wie ein Spiegelbild unserer kräftezehrenden, modernen Unrast. Das in neuer Besetzung aus Christian Weidner (alto saxophone), Jozef Dumoulin (piano & Fender Rhodes), Ronny Graupe (7-string guitar) und Dejan Terzic (drums / glockenspiel) bestehende Quartett „Melanoia“ hängt die Messlatte mit „Schnell“ hoch. Doch die Kompositionen, die darauf folgen und mit einer Ausnahme von Dejan Terzic stammen, halten das Niveau und über weite Strecken auch den nervös flatternden Puls der Eröffnung.

Plötzliche Brüche

Das gilt auch dort, wo eine Komposition wie „Metanoia“ das Thema christlicher Buße anreißt: subtile motivische Entwicklung und feinste klangliche Entfaltung treffen auf einen beherzten Fusion-Sound, der schließlich in einem scheinbar chaotischen Strudel kollabiert, um – geläutert durch das flirrende Saxofon – zu einem Zustand zurückzukehren, der sich kaum von der Ausgangslage unterscheidet. Ein philosophisch-theologischer Kommentar? Vielleicht!

Weitere Titel spannen einen Bogen, der von scheinbarer Eindeutigkeit (Trainride) zu rätselhafter Vielschichtigkeit (B-longing and Beyond) reicht. Unabhängig von Deutungen haben die dichten Stücke jedoch eines gemein: Sie stehen für keinen bestimmten Stil, entfalten eine ausgesprochen differenzierte Bandbreite an klanglichen Texturen und setzten auf Balance zwischen Ensemblespiel und Solopassagen. Einzelstimmen ordnen sich dabei stets dem großen Ganzen unter, wenn sie mäandernd in das schillernde Geflecht des komplexen, bisweilen geräuschhaften Musikkosmos der CD geflochten werden.

Pan-europäische Sprache

Immer wieder überraschen Brüche und Wandlungen, etwa in der zunächst andeutungsvoll idyllischen Ballade „New Coalescence“. Besonders interessant ist der Schlusspunkt, den „B-longing and Beyond“ setzt: Wie von Ferne scheinen orientalisierende Melismen des Klaviers zusammen mit schweren Düften und verschwommenen Visionen heranzuwehen. Hier zeigt sich die pan-europäische, durch viele Kulturen geprägte Musiksprache des serbischstämmigen und in Deutschland aufgewachsenen Schlagzeugers Dejan Terzic. In seiner Langsamkeit zündet das Stück am Ende des Programms kein Feuerwerk. Es setzt weder auf den großen Knall noch auf einen strahlenden Tusch. Ein kluger Schachzug, den Dejan Terzic auf dieser Einspielung gemacht hat – einer von vielen…

Christian Weidner_altosax
Jozef Dumoulin_piano/fender rhodes
Ronny Graupe_7string git
Dejan Terzic_dr, perc, comp

Enja 2019