Schloss-Metamorphosen |

Angelo Comisso auf Schloss Horst

Text & Fotos: Peter E. Rytz

Gelsenkirchen, 08.02.2020 | Mit der U-Bahn von Essen nach Gelsenkirchen unterwegs: Eine Zeitreise durch Vergangenheit und Gegenwart des Ruhrgebiets. Nach den ersten, teilweise dunkel düsteren Tunnelstationen nach oben ins abendliche Licht der Stadt. Vorbei an zusammengewürfelten Wohnhäusern aus verschiedenen Bauphasen, eintönigen Spielhallen, geschlossenen Supermärkten, vor sich hin dämmernden Trinkhallen und einsam blinkenden Ampelanlagen wirkt das beleuchtete Schloss Horst in Gelsenkirchen wie eine geheimnisvoll strahlende Insel im trostlos schwappenden Meer städtischer Ruhrgebietsnormalität.

In Schloss Horst, einem der ältesten Renaissance-Schlösser Westfalens, seit 1988 rekonstruiert, verbindet eine Stahl-Glas-Beton-Konstruktion die noch erhalten gebliebenen Renaissancewände zu einem atmosphärisch dichten Raum. Vor einer solchen Renaissancewand, ausgeleuchtet mit grünen und roten Spots, steht ein schwarzer Flügel. Verwandlung des eben noch so drängenden Ungewissen einer Stadt im Halbdunkel, am U-Bahn-Fenster vorbei fliegend, in ein wundersam überraschtes Staunen.

Angelo Comisso setzt sich an den Flügel, tastet mit seinen Augen die Wand ab, als suche er nach Inspirationen, nickt sich auffordernd selbst zu, als sei ihm eine Idee in diesem Augenblick gekommen und beginnt zu spielen. Der Macher von FineArtJazz, Bernd Zimmermann, hat vorab nachdrücklich betont, dass Comisso absolut frei improvisieren wird. Mit seinen ersten Anschlägen verwandelt sich der Raum in einen melancholisch aufgeladenen Klangkosmos. Sanfte Pianissimo-Töne verschränken sich zu impressionistisch gefärbten Harmonien, lassen Märchenwelten aufscheinen, vertreiben sie im nächsten Moment mit kaskadenartigen Fortissimo-Steigerungen, um sie zurückverwandelt wieder einzuhegen.

Im Kontrast dazu entführt Comisso die vom ersten Ton an gebannt gefesselten, begeisterten Zuhörer mit monolithisch aufgebauten Klang-Collagen in apokalyptische Untiefen. Explosive Kräfte erschüttern den ehrwürdigen Raum in seinen Grundfesten. Tieftönig durch Comissos Pedal anhaltend, rumort es aufwühlend in Raum und Körper.

Metamorphosen schaffen mit Reflektionen von Klassik, Jazz und Pop-Musik Bilder und Klangräume und lösen den ganz normalen Wahnsinn des Alltäglichen von Unordnung und Ordnung, von Stand-by-Ruhelosigkeit und tröstlicher Geborgenheit auf. Comissos Klangfarbigkeit einatmend, legt sich entspannte Aufmerksamkeit über den Raum. Alles Schwere und Beladene scheint in einem Hauch von Leichtigkeit des Seins zu entschweben.

Wer, inzwischen in Ehren ergraut, sich noch erinnert, wie Keith Jarrett mit seinem legendären Konzert 1975 in Köln das Tor zu Live-Improvisationen aufgestoßen hat, wird spätestens an diesem Abend im Schloss Horst erleben, wie tief und anhaltend diese Improvisationskunst bis heute fasziniert.

Comissos Metamorphosen sind keine Kopien oder Plagiate. Sie sind, wie man mit jeder seiner Phrasierungen erlebt, ein aus seinem unmittelbaren Stimmungsgefühl jetzt an diesem Ort entspringender Quell von Emotionen und Leidenschaft.

Es scheint, als beschwöre Comisso mit seinen Improvisationen ein magisches Klangweben vergangener Jahrhunderte. Feinsinnige Intimität im Großstadtrauschen.