K

langwarme Jazz-Böe

Text: Peter E. Rytz | Fotos: Sven Thielmann

Essen, 05.10.2019 | Der weltweite Hype um Brad Mehldau setzt sich in der Philharmonie Essen fort. Warum gerade Mehldau auf allen Kanälen so präsent ist, beantwortet das Trio-Konzert mit Larry Grenadier (b) und Jeff Ballard (dr) eindeutig.

Mehldaus Image eines Romantikers am Piano ist, so wird an diesem Abend deutlich, auch ein Produkt eines clever, marktgerecht verpackten Kommunikationsdesigns. Es antizipiert geschickt den häufig zitierten Zeitgeist, von dem man manchmal nicht genau weiß, was es eigentlich mit diesem Zeitgeist auf sich hat. Wenn die Welt draußen gerade dabei ist, sich global zu verschlucken, bisher verlässliche und konstitutive Konstanten des Lebens immer fragiler werden, verstärkt sich bei vielen eine unbestimmte Sehnsucht nach weniger Unruhe, nach mehr angenehmerer, aufgehellter Gemütslage.

Das Brad Mehldau Trio bedient dieses Bedürfnis unaufgeregt mit einschmeichelnder Routine. Zentral ist den Titeln fast durchgängig ein melodisch harmonischer Sound gemeinsam.

Mehldaus Soundoptionen seit 2005, geprägt von frühen Auftritten mit Joshua Redman (sax) und Christian Mc Bride (dr) oder mit Pat Metheny (git), finden in dem Trio des Essener Konzerts ihren musikalisch erfahrungsgesättigten Klangkosmos. Gelabelt als Jazzpianist, interessieren solche Kategorisierungen Mehldau weniger. Unter seiner umfangreichen Diskographie finden sich auch klassisch ambitionierte Aufnahmen mit dem Orpheus Chamber Orchestra, mit der Sopranistin Renée Fleming oder der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter.

In Essen gibt er eine Kostprobe seiner Schönklang-Kunst. Beginnend mit Eigenkompositionen - der Guitar-Songwriter-Hommage For David Crosby sowie Good all days -, entwickelt das Trio einen sanft schwingenden Sound. Liedhaftes Fugato verwandelt sich in einen an Minimal Music erinnernden Staccato-Rhythmus. Ab und zu grätscht Grenadier mit betonten Basslinien in die harmonische Idylle. Es macht an solchen Stellen den Eindruck, als würde ihm das Schöne ein wenig zu viel sein.

Mit Bésame mucho, dem berühmten, in unendlichen Variationen fast bis zur Unkenntlichkeit abgenutzten Liebeslied der mexikanischen Komponistin Consuelo Velázquez, spinnt Mehldau das Essener Publikum immer enger in seinen Alles-so- schön-harmonisch-hier-Kosmos ein. Es dankt ihm dafür überaus herzlich. Mehldau versteht sein Handwerk auch als Profi-Entertainer, der mit den Gefühlen seiner Zuhörer zu spielen weiß. Mit This foolish thing setzt er seine Sentimental Journey augenzwinkernd fort: It’s for You!

Auch eine klassische Referenz darf nicht fehlen. Mit superber Anschlagtechnik spielt er in Gedenken an den 200. Geburtstag von Clara Schumann in romantisch nostalgischem Gestus. Grenadier und Ballard bieten sich bis dahin kaum Möglichkeiten, sich solistisch zu zeigen, improvisierend gegen den Stachel zu löcken. Fast durchgängig wird vom Blatt gespielt.

Erst mit dem vorerst letzten Stück Into the city verlässt das Brad Mehldau Trio die behagliche Wärmestube und begibt sich auf die kalte, windige Jazz-Street. Mehldau phrasiert mit der linken Hand das Motiv, Grenadier und Ballard mit dialogischem als auch solistischem Drive vorwärts treibend, lassen sie dann doch ein wenig von der Kraft und Dynamik der Improvisation spürbar hören.

Jetzt ist das Publikum nicht nur mehr vom Schönklang beseelt und begeistert; es will noch mehr. Die Zugabe It’s allright bekräftigt Mehldau mit Fortissimo, dass es so in Ordnung ist. Ein Feuerwerk solistischer Improvisationen im Wechsel mit dialogischem Trio-Spiel entfacht die Begeisterung noch weiter.

Mit der letzten Zugabe Secret love leitet das Brad Mehldau Trio die Zuhörer schlussendlich in die gehabte klangwarme Behaglichkeit zurück.