Kemnade Swing Night |

Sophisticated Jazzklassik mit Chris Hopkins

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Hattingen, 18.07.2019 | Ein Abend mit Chris Hopkins ist immer etwas Besonderes, erst recht, wenn der Deutsch-Amerikaner in seiner Heimatstadt Bochum auftritt. Gut, die Partyscheune auf der Wasserburg Haus Kemnade an der Ruhr liegt auf Hattinger Gebiet, seit exakt zwanzig Jahren bietet sie mit Kemnade Swing Nights dem Bewahrer des Swing und des frühen Jazz eine wichtige Bühne. Die Fangemeinde weiß dies zu schätzen, ausverkauft sind denn jedes Mal auch die Konzerte. Von einem Heimspiel zu sprechen, ist bei Chris Hopkins immer etwas schwierig, scheut das begeisterte Publikum nicht den Weg etwa aus der Schweiz, um sich die beiden Konzerte auf Kemnade anzuhören. Der Radius der Fangemeinde ist bei Hopkins eben international zu verstehen. Und der Weg lohnt sich für die Fans der gepflegten Jazz-Klassik. Der Pianist und Alt-Saxophonist versteht es immer wieder, in unterschiedlichen Besetzungen die verschiedenen Nuancen und Stilistiken des Swings neu auszuloten. Auf Kemnade holt er drei Australier an Bord -entsprechend lautet das Programm: „Chris Hopkins meets the Jazz Kangaroos“. Und dem glücklichen Umstand einer Europa-Tournee von George Washingmachine (Violine, Gesang), Mark Elton am Kontrabass und David Blenkhorn an der Gitarre ist eine hochkarätige Besetzung im drumlosen Quartett zu verdanken, das die Musik der 30er bis 50er Jahre an der Wasserburg wieder aufleben lässt – und wie!

Der Auftakt des Abends mit dem auffordernden Can’t We Be Friends gelingt voll und ganz, die Musiker werden durch Stückeauswahl und eine ausgelassen-elegante Spielweise mit dem Publikum schnell zu Freunden, die zahlreichen Fans im Publikum hat Hopkins eh auf seiner Seite. Und es folgt ein Feuerwerk mit Standards der Jazzklassik, etwa mit der langsamen Ballade Moonlight in Vermont mit dem rührenden Vokaleinsatz von George Washingmachine, mit dem Broadway-Klassiker Russian Lullaby aus der Feder von Irving Berlin, mit Django Reinhardts Swing 42, bei dem Piano und Violine unisono mit der Melodie einführen und David Blenkhorn auf seiner alten Gibson an Virtuosität dem Meister des Gypsy-Swings nicht nachsteht.

Überhaupt lässt der Abend mit den vier Musikern erkennen, dass sie sich instrumentell und vokal ihren musikalischen Referenzen als ausgesprochen würdig erweisen: Ihr Zusammenspiel, ihre solistischen Einlagen sind erstklassig. Dies verwundert umso mehr, wenn man weiß, dass sie in dieser Besetzung nach ihrem Zusammenkommen vor drei Tagen zum ersten Mal gemeinsam musizieren. Die Unisono-Einsätze kommen absolut präzise, das rhythmische Basisgefühl ist nicht zuletzt dank der Timekeeper am Bass und an der Gitarre perfekt, ebenso das Wechselspiel von Ensemble- und Solo-Spiel und der Ideenreichtum bei den Phrasierungen.

Dies alles trifft auch die jeweiligen Duo-Auftritte zu: Jack Teagardens A Hundred Years From Today mit überzeugender Gesangseinlage von George Washingmachine in Piano-Begleitung und dem Oscar Pettiford-Standard Blues In The Closet – einem wunderschönen Zwiegespräch von Gitarre und Kontrabass mit dem bekannten riffartigen Bluesthema. „Ein kammermusikalisches Kleinod“, kommentiert Hopkins, und er hat vollkommen recht. Geige und Gitarre entwickeln bei Joe Venutis und Eddie Langs Raggin’ The Scale einen hochvirtuosen Duo-Zauber.

Seinem Vorbild Duke Ellington erweist Hopkins am Steinway mit den Kangaroos mehrfach Reverenz: In What Am I Here For mit Bass und Gitarre als groovendem Rhythmusgeber, oder mit einem flotten Flamingo oder der poetischen Interpretation von Warm Valley oder am Alt-Sax in der Zugabe mit einem schmachtenden Mood Indigo.

Es macht einfach Freude, wie variationsreich Hopkins mit seinem Quartett unterschiedliche Stilistiken und Grooves des traditionellen Jazz’ bedient: Gypsy Swing, Ballade, Stride, ... bis hin zur Streetparade (When My Dream Boat Comes Home) oder einem tanzbar krachenden Krazy Kapers am Konzertende.

Hopkins erweist sich auch mit diesem Konzert als idealer Verwalter der Jazztradition, indem er nicht nostalgisch das Vergangene kopiert und „originalgetreu“ in Retro-Versionen nachspielt, sondern auf eine sympathisch-gewitzte Art („sophisticated“) in frische Neuinterpretation übersetzt – und das mit seiner Combo auf spielerisch höchstem Level. Alten und neuen Fans gibt Chris Hopkins auch in Zukunft viele Gelegenheiten, seine mitreißenden und unterhaltsamen Konzerten zu erleben. (s. Homepage) Vielleicht gibt es auch eine CD von dem Kemnade-Konzert, es wurde jedenfalls vorsorglich schon einmal aufgenommen. Wir sind gespannt.