Jazz als kalkuliertes Entertainment |

Tigran Hamasyan & Ambrose Akinmusire in Essen

Text: Peter E-. Rytz | Fotos: Sven Thielmann

Essen, 28.11.2019 | Jazzkonzerte im großen Alfried Krupp Saal der Philharmonie Essen sind immer von einem sehr überzeugten Optimismus geprägt. Denn jedes Mal stellt sich die Frage: Wird der Saal voll sein? Zwanzig Minuten vor dem Konzert von Tigran Hamasyan Solo mit Ambrose Akinmusire ist das Foyer relativ überschaubar gefüllt. Mit Konzertbeginn ist aber das Parkett zur Hälfte gut besetzt, in den oberen Rängen allerdings gähnende Leere.

Erstes Fazit: Nicht wirklich überraschend ein zurückhaltender Publikumszuspruch. Mögen Hamasyan und Akinmusire inzwischen auch zu prägenden Jazzmusikern gereift und dem Kenner bekannt sein, kraust die Duo-Besetzung mit Klavier und Trompete manchem von ihnen trotzdem zweifelnd die Stirn.

Hamasyan, vor 15 Jahren in Bochum als gerade 17jähriger Pianist umjubelt, inzwischen in New York angekommen, wirkt er jetzt schon stilprägend für die nächste Generation. Akinmusire reüssiert erst seit wenigen Jahren in der Szene. Anfang des Monats beim Jazzfest Berlin absolvierte er mit seinem Projekt Origami Harvest allerdings einen begeisternden Auftritt (The Genome of Sonic vom 12.11.2019, hier veröffentlicht).

Das Programm in Essen ist völlig anders gestrickt. Schon die Ankündigung Tigran Hamasyan Solo, vor- und abgesetzt mit Ambrose Akinmusire, macht deutlich, dass die Programmmacher vor allem auf die Zugkraft von Hamasyan setzen. Überkritisch gelesen, wird Akinmusire gönnerhaft Raum gegeben, um mit zu machen.

Hamasyan spielt entsprechend die ersten zwei Sets solo. Tief über das Klavier gebeugt, reflektiert sein Spiel den vom estnischen Komponisten Arvo Pärt entwickelten Tintinnabuli-Kompositionsstil. Glockenklängen gleich assoziierend, kontrastiert unter seinen Händen die Form einer tonischen Triade mit einer diatonischen. In schrittweisen Bewegungen der linken und rechten Hand über die Klaviatur zitiert er, wie auf Folien gerahmt, klassische Klavierfacetten von Bach bis Chopin.

Im Charakter einer Suite klingen liedhafte Largo-Motive an, die im Improvisations-Presto programmatisch unerbittlich harmonikale Schönklang-Erwartung durchkreuzen. Es macht den Eindruck, als wollte er sich Pärts langsamer und meditativer Tintinnabuli-Klang-Aura mit aller Kraft widersetzen, obwohl sein Spiel nicht verleugnen lässt, dass sie ihn fasziniert.

Diese spielkulturelle Haltung, sich dem aufkeimenden Schönklang entgegenzustellen, ihn zu dekonstruieren und damit auf seine Zerbrechlichkeit in unruhigen Zeiten heute zu verweisen, wird im Duo mit Akinmusire vollends deutlich. Akinmusire setzt mit lyrisch gestimmten Tonfolgen ein, überbläst sie umgehend mit schwellend brüchigen Trompeten-Versatzstücken.

Im Zusammenspiel mit Hamasyan charakterisieren gebrochene, schiefe Akkorde den Dialog. Mit Zäsuren von abrupt gesetzten Laut-Leise-Wechseln behauptet die Trompete straight ahead. Immer mehr verliert sich ihr Duo-Spiel in eine Inner circle music. Der Sound implodiert und fällt in sich zusammen. Über Hamasyans Gesichthuscht ein zustimmend nach Innen gewendetes, zufriedenes Lächeln. Akinmusire, fixiert auf die Notenblätter, arbeitet seinen Part präzis ohne irgendeine sichtbare Regung ab.

Im Kontext von Hamasyans Komposition A nation Observer improvisiert er in der Art von Bachs Wohltemperiertem Klavier, mit poetischem Gestus zentriert, als würde er letztlich doch noch die im Publikum spürbare Harmonie-Erwartung befriedigen. Vokal perkussiv begleitet er sich am Klavier, Akinmusires Trompete im Gleichschritt, zerstiebt die Hoffnung allerdings schnell. Der löckende Stachel hat nichts von seiner Widerborstigkeit im Verlaufe des Konzerts eingebüßt.

Dass Hamasyan auch sein Handwerk als Entertainer versteht (in New York uramerikanische Geschäftstugend gelernt?), zeigt seine Zugabe. Er ruft eine junge Geigerin zu sich auf die Bühne und spielt mit ihr seine alte Komposition Belonging. A cultural sense of the special kind: Hamasyans kraftvolle, mit reichen folkloristischen Zitaten aus seiner armenischen Heimat, angereicherten Jazzimprovisationen verbinden sich hier mit dem begrenzte Spielvermögen der jungen Frau, die sich abschließend unter großen emotionalen Aufwallungen als begeisterte Schülerin von Hamasyan zu erkennen gibt – die Grenze zum Kitsch wird so (fast) überschritten.

Ganz anders die Reaktion großer Teile des Publikums, das begeistert applaudiert.